Kommt man in diesen Tagen nach Griechenland, so fallen sofort die Plakate mit der Inschrift: „20 Chronia“ ins Auge. Sie machen deutlich, wie sehr die Griechen am zypriotischen Trauma leiden. Für sie ist nicht vergessen, daß der Erzfeind Türkei vor genau zwanzig Jahren die Inselrepublik geteilt hat. Weniger gerne erinnern sie sich allerdings daran, daß es ihre eigene damalige Regierung war, die den Schlamassel und das Unheil provoziert hat.
Das zypriotische Drama ist das letzte Verbrechen der griechischen Militärjunta, die am 21. April 1967 mit einem Staatsstreich die Macht an sich gerissen und das Land sieben Jahre lang mit Terror, Folter, Mord, Deportation und Ausweisung ihrer Kritiker beherrscht hatte.
|

Vermisste werden von ihren
Angehörigen gesucht
|
1. Die Vorgeschichte
Das Jahr 1973 zeigt den aufhaltsamen Aufstieg von Oberst Papadopoulos vom putschierenden Diktator über den selbsternannten Präsidenten der christlich-griechischen Republik zum unaufhaltsamen Sturz.
Ein Marineaufstand in der Bucht von Saloniki scheitert im Mai 1973. Papadopoulos schiebt dem im Exil lebenden griechischen König Konstantin II. die Schuld an dem Aufstand in die Schuhe. Er schafft die Monarchie am 1. Juni ab und ernennt sich selbst zum ersten griechischen Präsidenten. In einem Volksentscheid, den Papadopoulos den „freiesten und echtesten“ nennt, stimmen 78 Prozent der Wähler für die Abschaffung der Monarchie.
Der Ex-Obrist verkündet eine Generalamnestie für politische Häftlinge und hebt den seit 1967 geltenden Belagerungszustand in und um Athen auf. In den nächsten Wochen und Monaten entmachtet er Putschkollegen, indem er sie befördert oder mit rein repräsentativen Posten eindeckt. Diese sinnen auf Rache, während die meisten Politiker öffentlich auf Distanz gehen.
Am 17. November 1973 zeigt Papadopoulos, daß aus einem Diktatur nun einmal kein Demokrat werden kann.
Seit dem 5. November demonstrierten die Studenten der Polytechnischen Hochschule für Demokratie und Freiheit. Papadopoulos läßt nun Panzer auf das Universitätsgelände vordringen, um den Widerstand gewaltsam brechen. Offiziell gibt es nur wenige, inoffiziell spricht man von 200 Toten und über 2000 Verletzten. Razzien, Verhaftungen, Folterungen folgen... Das Repressionssystem beginnt von neuem.
Am 25. November wird Papadopoulos entmachtet und unter Hausarrest gestellt. Neuer Staatspräsident wird General Phaidon Ghizikis; starker Mann aber ist Ioannides, der Harte unter den Harten, der Spezialist für Unterdrückung und Folter. Sein Putsch richtet sich gegen eine „Entwertung der Revolution von 1967“.
Die Konzentrationslager auf Jaros, die Papadopoulos in seiner „Großzügigkeit“ geschlossen hatte, werden wieder geöffnet, der Verfassungsgerichtshof wird abgeschafft, die Gerüchte um Machtkämpfe zwischen Ghizikis und Ioannides verdichten sich. und Athen wird eine „Kaserne“ .
Die Erregung der Öffentlichkeit über das neue Regime aber nimmt ganz andere Züge an als 1967, hatte doch gerade Papadopoulos einen Zipfel Freiheit vorgezeigt, den die neuen Machthaber wieder schnell verschwinden lassen.
2. Staatsstreich aus Verzweiflung
Es muß daher ein Erfolg für die Junta her, um wieder etwas Prestige zu gewinnen, denn die innenpolitische Lage ist alles andere als rosig: steigende Inflation, steigende Preise, steigende Unzufriedenheit. Außenpolitisch sind die Diktatoren völlig isoliert. Sogar eine öffentliche Unterstützung durch die amerikanischen Verbündeten fehlt ihnen, da US-Präsident Richard Nixon zu diesem Zeitpunkt bis zum Hals in der Watergate-Affäre steckt und sein Vize Sprio Agnew den Hut wegen Korruption nehmen muß.
Was liegt da näher als Zypern. das man mit Griechenland vereinigen könnte? Dafür aber muß Präsident Makarios, der auf Distanz zum Athener Regime gegangen ist und die Unabhängigkeit der Insel leidenschaftlich verteidigt, beseitigt werden.
So schleusen die Machthaber aus Athen etwa hundert griechische Offiziere auf Zypern ein, die sich den 650 Offizieren anschließen, welche die zypriotische Nationalgarde einrahmen. Im Morgengrauen des 15. Juli 1974 greift das Kommando den Präsidentenpalast mit Panzern und Kanonen an. Makarios entkommt über London nach New York. Erste Blamage!
Zweite Blamage: Der vorgesehene Ersatzmann für Makarios, der Zeitungsverleger Nikolaos (Nikos) Sampson, ist ein notorischer Killer der Untergrundarmee. Er geht wie ein Schlächter vor: »Außer seiner Neigung zu Gewalttätigkeiten hat Sampson nichts Bemerkenswertes vorzuweisen.«
Die Spannung in der Türkei nimmt zu. Am 20. Juli landen die Türken auf Zypern und vertreiben die griechischsprachige Bevölkerung aus dem Nordteil der Insel, der hauptsächlich mit türkischstämmigen Menschen belebt ist. In fünf Tagen sind die griechisch-zypriotischen Truppen geschlagen und der Norden besetzt. Die Türken trennen ihn riguros vom Süden durch die sogenannte „grüne Linie“, die auch durch die Haupststadt Nikosia führt. Mehr als 200000 Menschen verlieren ihre Heimat. Offiziell gibt es 1619 Vermißte. 1983 erklärt sich der türkisch besetzte Teil der Insel zur autonomen Republik. Diese ist aber bisher nur von der Türkei anerkannt.
3. „This is the End, my Friend...“
Das Spiel der Putschisten auf Zypern ist aus. Am 23. Juli dankt Sampson ab und wird durch Glafkos Klerides, den Parlamentspräsidenten ersetzt. Damit ist aber auch das Spiel der Athener Junta zu Ende. Sie weiß, daß sie zu schwach ist, um einen Krieg mit der Türkei beginnen zu können.
Zwar unterhält man noch eine schnell aufgebaute und geschürte Kriegspsychose, um eine weitere Galgenfrist zu bekommen. Kissinger aber läßt die lieben Verbündeten fallen wie eine faule Frucht.
Einen Tag vor dem Rücktritt der Junta spricht der Außenminister der Vereinigten Staaten von Amerika von bedeutenden politischen Veränderungen, die in Griechenland erfolgen sollten. Er deckt damit auf, wer eigentlich das Sagen in diesem Land hat.
Als die Marionettenregierung Androutsopoulos am selben 23. Juli zusammentritt, weiß sie nicht einmal, daß die Junta sie schon aufgelöst hat. Am selben Abend kontaktiert Ghizikis den im Exil in Paris lebenden Konstantin Karamanlis. Mit einer Sondermaschine des französischen Präsidenten fliegt dieser nach Athen. Der griechische Rundfunk verkündet: „In Anbetracht der außergewöhnlichen Krise, die unser Land durchmacht, haben die Streitkräfte beschlossen, die Regierungsgewalt einer zivilen Regierung zu übertragen.“
Sogleich strömt das Volk auf die Straßen. Es weiß, daß ein Regime, das seine Unfähigkeit und Korruptheit bis zum verzweifelten Pokerspiel mit einer ganzen Nation getrieben hat, in der Versenkung verschwindet, aus der es nie hätte aufsteigen dürfen und daß sein Abgang so jämmerlich ist wie es selbst.
Karamanlis seinerseits weiß, wie bitter es für das Militär ist, seine vollständige Unfähigkeit eingestehen zu müssen und zusehen zu müssen, wie die Macht ihm entgleitet. Dennoch verkündet er sofort eine Amnestie für alle politischen Häftlinge, die Aufhebung der Pressezensur und die Schließung der Deportationslager. Alle ausgebürgerten Griechen erhalten die Staatsbürgerschaft zurück, und alle Ein- und Ausreiseverbote werden aufgehoben.
Der ebenfalls im Pariser Exil lebende Komponist und Widerstandskämpfer Mikis Theodorakis fliegt als einer der ersten zurück nach Griechenland und wird am 25. Juli von einer jubelnden Menge begrüßt. Die Menschen stimmen seine Lieder an, die Werke der Gefangenschaft und des Exils, die sie eigentlich nicht kennen dürften, da sie verboten waren und ihr Singen unter Gefängnisstrafe gestellt war. Seine Lieder haben sich somit stärker als Tanks und Verbote gezeigt.
Theodorakis läßt sich zu keiner Erklärung hinreißen, da er weiß, Karamanlis geht auf des „Schwertes Schneide der Freiheit“ . Später aber spricht er aus, was viele denken und ihm, dem Linken, dann wiederum übelnehmen: „Karamalis oder die Tanks“, denn die Militärs bleiben eine bedrohliche Macht, die das „zarte Pflänzlein Demokratie“ immer noch zertreten können, und die Strukturen des Totalitarismus' sind ebenfalls noch intakt. „Mit Karamanlis haben die Griechen immerhin die Gewißheit, daß sie morgen nicht wieder ins Gefängnis oder ins Konzentrationslager zurückmüssen.“
4. Rückkehr zur Normalität
In den folgenden Wochen und Monaten führt der Ministerpräsident die Verfassung von 1952 wieder ein, außer dem Paragraphen über die Monarchie, vertraut dem Verteidigungsminister die Armee an, was einer Entmachtung des Noch-Staatspräsidenten Ghizikis gleichkommt, schafft die Militärpolizei ab, enthebt 52 von 54 Provinzgouverneuren ihres Amtes und schreibt zum 8. November 1974 Wahlen aus. Eine Wochen später wird, mittels Volksbefragung, die Monarchie, mit 69 zu 31 Prozent der abgegebenen Stimmen, endgültig abgeschafft.
Das Parteienspiel und der tägliche politische Hader könne wieder beginnen, und die Wahlen werden, schon wegen des Wahlsystems, ein Triumph für seine „Nea Dimokratia“. Diese erringt 54,37 Prozent der Stimmen und 226 Sitze. Die Zentrumsunion unter Mavros erreicht 20 Prozent der Stimmen und 60 Sitze, die PASOK von Andreas Papandreou 13,6 Prozent und 12 Sitze, die „Enomeni Aristera“, die, dem Namen nach, „Vereinigte Linke“, die aber uneiniger ist denn je, 4 Prozent und 8 Sitze, die Extreme Linke und die juntafreundliche Rechte erhalten keinen einzigen Sitz. Dieses Wahlergebnis demaskiert „die Junta noch nachträglich als lächerlichen Popanz.“
Keiner der Führer des Widerstandes, - weder Theodorakis, noch Melina Mercouri, noch Alekos Panagoulis - wird gewählt.
Wer hat denn da von einem „Volk ohne Gedächtnis“ gesprochen?
Guy Wagner
- Die Zeit, 7.12.1973
- W.H.Nitsche, in: FAZ, 17.7.1974
- Time-Titel vom 5.8.1974
- Der Spiegel, No.48/74
- Der Spiegel, No.48/74
- Der Spiegel, No.49/93
|