Im
Alter von nur 36 Jahren — dem Alter Fritz Wunderlichs
—, starb Erwin Wohlfahrt, einer der ganz großen
Schauspieler unter den Sängern, der ganz großen Sänger
unter den Schauspielern. Er hatte die seltene Begabung, ganz
in eine Partie hineinzuschlüpfen, sie mit Leben zu erfüllen,
sie „über"-menschlich zu gestalten.
Zu seiner Erinnerung wollen wir ein Interview veröffentlichen,
das er uns während der letzten Osterfestspiele in Salzburg
gab. Eigentlich wollten wir es vorbehalten für die nächste
Nummer; es sollte als Einführung zu diesem großen
musikalischen Ereignis gelten und gleichzeitig Erwin Wohlfahrt
als Mime in Siegfried ankündigen.
Es kam ganz anders: ein heimtückischer, noch heute unbekannter
Virus fesselte Erwin Wohlfahrt ans Krankenlager. Am 28. November
1968 starb er, und hinterließ eine Lücke, die nicht
so leicht gefüllt werden kann.

Allzu früh ging er von uns:
Erwin Wohlfahrt
|
Damals,
Ostern 1968, strahlte er, als wir ihn zu seiner Gestaltung
der Mime-Partie in „Rheingold" beglückwünschten
. . .
Ja,
ich bin ein Handlungsreisender in Sachen Mime !
Wann trafen Sie, Herr Wohlfahrt, denn die Entscheidung,
Sänger zu werden?
Nicht ich traf sie, sondern der Direktor des Nürnberger
Konservatoriums. Eigentlich wollte ich Kapellmeister
werden und hatte mich für dieses Studium eingeschrieben.
Während der Chorstunden, in denen wir alle vertreten
waren, sang ich einmal aus Blödsinn allein vor,
es war Pachelbel… Der Direktor, der dies hörte,
fragte mich dann: „Warum nehmen Sie nicht als
Hauptfach Gesang? Während man nämlich an einer
Bühne höchstens zwei bis drei Kapellmeister
braucht, sind zehn bis fünfzehn Sänger erfordert.
Sie hätten größere Möglichkeiten."
Nun, ich habe trotzdem lange nicht an eine Karriere
als Sänger geglaubt… Doch damals war die
erste Entscheidung gefallen…
Und
die zweite? |
Sie nahm mein Gesanglehrer,
Willy Domgraf-Fassbaender, vorweg. In Aachen wurde eine Stelle
frei, er schubste mich hinein; jetzt war es ernst geworden.
Mit 22 Jahren sang ich meine erste Partie in „Polenblut".
Meine erste Opernrolle war der Hirt im „Tristan".
Und nachher habe ich alles gesungen, was nicht niet- und nagelfest
war. Ich mußte es tun, es ging schließlich nach
dem, ach so bösen Motto: Vogel friß oder stirb…
Ich kann mir aber denken, daß gerade diese Vielseitigkeit
für Sie ein ungemeiner Vorteil und die beste Schule war…
Ganz recht! Ich wurde gezwungen, mich jeder Situation und jeder
Partie anzupassen, und so wurde die Bühne, auf der ich
meinen Beruf ausübte, mir bester Lehrmeister.
Und wie entwickelte sich Ihre Karriere weiter?
Ich kam an die Komische Oper, und der hervorragende Walter Felsenstein
wurde mein großer Lehrer: "Zar und Zimmermann",
Albert Herring, Monostatos, Pedrillo . . . alles Partien, die
von mir vieles als Spieler abverlangten. Dann folgte ich dem
Rufe von Herrn Schuh, den Wolfgang Sawallisch auf mich aufmerksam
gemacht hatte, und ging nach Köln. Und von Köln aus
wurde ich nach Hamburg engagiert, wo ich festes Mitglied der
Staatsoper bin. Professor Liebermann wurde für mich ein
neuer Leitstern. Er ist ja auch ein außergewöhnlicher
Intendant. Es gibt kaum jemand, der soviel wagt und experimentiert,
der soviel Courage hat, Neues aufzuführen, Risiken auf
sich zu nehmen, die sich schließlich doch auszahlen.
Wie zahlten sie sich denn für Sie aus?
Nun, ich kam in Kontakt mit ganz neuen und wichtigen Partien:
Jacobowsky — Lulu, Rake’s Progress — Visitation
(Jack). Und gerade für diese Partie hatte ich Angst, als
wir das Gastspiel nach Kanada und den USA unternahmen. Wie wird
die große Met, die noch keinen Duft von Neuem bekommen
hatte, diese Jazzoper, die das Rassenproblem aufwirft, aufnehmen?
Aber der Erfolg war unvorstellbar. New York war aus dem Häuschen…
Herr Wohlfahrt, Sie nannten sich selbst einen Handlungsreisenden
in Sachen Mime. Wie kam es denn zur Mime-Partie? Wie kamen Sie
überhaupt zu Wagner?
Meine erste Wagner-Partie war der David der "Meistersinger“
in Bayreuth. Dabei hatte ich vorher noch nie die "Meistersinger“
gesehen. Das hatte auch Wieland Wagner gereizt: "So
haben Sie auch keine Vorurteile", meinte er. Als er
dann in Köln seinen Bayreuther "Ring“ experimentell
aufführte, übertrug er mir die Mime-Partie, die ich
nun seit 1963 singe; ich bin in diese Rolle hineingewachsen
und ich hoffe, noch weiter in sie hineinzuwachsen, man hört
praktisch nie auf, zu lernen, besonders bei einem so großartigen
Regisseur wie Wieland Wagner, der einem die tiefsten Tiefen
einer Rolle bewußt werden ließ. Man entdeckt immer
Neues, wo man früher darüber hinwegsah: das Bühnendasein
einer Partie ist etwas ganz Eigenartiges, immer Unfertiges,
dem man immer neues Leben schenken muß.
Nun singen Sie auch die Mime-Partie in Salzburg. Wie
kam es dazu?
Herr von Karajan hatte mich in Bayreuth gehört, er hat
mich dann in einem Brief gebeten, in Salzburg mitzuwirken, und
ich muß gestehen, ich tat es sehr gerne. Es ist faszinierend,
die verschiedenen szenischen und musikalischen Auffassungen
kennen zu lernen. Sie ermöglichen erst eine intensivere
Auswertung einer Rolle.
Gab es denn für Sie keine Schwierigkeiten. da Sie
doch in zwei „Konkurrenz"-Betrieben mitwirken?
Ich könnte mir nicht vorstellen, daß mir jemand Schwierigkeiten
machte… In künstlerischen Dingen darf es keine Rivalität
geben. Es muß hier in erster Linie um Kunst und Musik
gehen!
Erwin Wohlfahrt hatte so schöne Zukunftspläne:
David und Mime in Bayreuth, die er schon absagen mußte,
das Hamburger Gastspiel in Edinburgh, sein Debüt an der
Met im November, die Schallplattenaufnahme des Mime in "Siegfried"
unter Karajan, "Ring" in München. Und dann seine
geheimen Wünsche und Ziele: 1970 den Herodes in "Salome",
Mitwirkung in einem Musical: "Die Pickwicker", dann
Schauspiel. "Ich möchte so gerne den Schweijk
spielen! Sodann möchte ich in absehbarer Zeit einen Loge
nach eigenen Vorstellungen singen…"
All dies blieben Wunschträume – Erwin Wohlfahrt starb
allzu früh. Es bleibt die Erinnerung an einen Sänger
von faszinierender gesanglicher und szenischer Präsenz,
einen Schauspieler von berstender Vitalität und Ursprünglichkeit,
einen Menschen voll Verständnis, Zuvorkommendheit und Liebenswürdigkeit.
|