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Fremd zog er wieder aus

Jacques Wirion


Schuberts Winterreise ist ein Zyklus von 24 Liedern. Guy Wagner hat sein Buch nach den Anfangsversen dieser Lieder strukturiert und so beginnt der Lebensroman im ersten Kapitel: „Fremd bin ich eingezogen“, und mündet dann in die Ortsbestimmung „in deine Welt“ und das letzte Kapitel, das den Abgang des 31jährigen auf ergreifende Weise schildert, beginnt mit: „Drüben hinterm Dorfe steht ein Leiermann“, einem der erschütterndsten Lieder der ganzen Literatur.

Diese Kapitelanfänge verlangen immer wieder neue Perspektiven und geschickte Übergänge vom Autor, wirken aber der Ermüdung des Lesers entgegen. Ob der Schnee in Wien (4), die Donau (7) die tiefsten Felsengründe der Schulhölle des Schülers und des Junglehrers Franz (9) oder die bunten Blumen der Liebe zu Therese Grob (11): Immer wieder finden sich glückliche Transitionen, andere geraten weniger gut und wirken etwas gekünstelt, wie im 3. Kapitel, wo der Lieder-Dichter Wilhelm Müller gefrorene Tränen fallen lässt oder im 17., wo die bellenden Hunde doch einen eher zufälligen Zusammenhang mit dem Syphilispatienten im Allgemeinen Krankenhaus ergeben. Diese Vorgehensweise bedingt auch, dass die Kapitelfolge nicht streng chronologisch ist, sondern sich nach bestimmten Höhepunkten der Schubertbiographie richtet. Zum Verständnis des Romans kann eine Lektüre des Nachtrags und der Anmerkungen hilfreich sein.

Gesichertes Wissen dürftig

Der Autor hat neben diesem Strukturprinzip als Erzählerhaltung die Anrede an seinen Helden gewählt, wie jemand, der weiß, was sich mit diesem zugetragen hat und ihn dann sozusagen im Rückblick und auf der Suche nach der Vergangenheit sich selbst versichern will, dass es so gewesen ist, indem er die Bestätigung des Angeredeten stillschweigend voraussetzt. In der Tat ist das gesicherte Wissen über Schuberts Leben ziemlich dürftig, u.a. weil er ja zu Lebzeiten auch nicht den Bekanntheitsgrad seiner älteren Kollegen Mozart und Beethoven erreicht hat. So bietet gerade die Gattung des Romans eine legitime Annäherungsweise an dieses Genie der musikalischen Melancholie. Besonders wenn die fiktionale Gattung so respektvoll mit ihrem Objekt umgeht. Und doch ist das kein Respekt, der sich in kühler Distanz gefällt: Der Leser spürt in aller Zutraulichkeit des anredenden Erzählers seine Sympathie und Bewunderung.

Vielleicht gar sein Mitleid? Hier denke ich besonders an die peinlichen Auftritte mit dem gestrengen Herrn Vatter, dem Erzeuger und Dauerzeuger Franz Theodor Florian Schubert, dessen wichtigstes pädagogisches Hilfsmittel die Prügel und ein schmallippiges, verbissenes Gesicht sind. Zwischen der zärtlichen Mutter und diesem Haustyrannen, den er nicht hassen darf, wird der kleine Franz fast zerrissen. Der Herr Vatter ist obendrein sein Lehrer, und dieser Schulwebel will aus Franz einen Lehrer machen, damit die kommenden Generationen auch noch seine schwarze Pädagogik genießen können. Wie ihn das innerlich zermürbt und ermüdet, wird im 10. Kapitel beschrieben. (Nun merk ich erst wie müd' ich bin.) Hier wird auch die holde Wirkung der Musik beschrieben, die sogar den Schulwebel im Quartettspiel humanisiert. Dass der große Salieri den genialen Sohn in Gegenwart des Vaters lobt, erfüllt diesen mit Stolz. Und doch muss Franz mit dem Vatter ringen, der ihn mit allen Mitteln seine Straße ins armselige Schulmeisterdasein führen will. Dieser „Emanzipationskampf“ bildet am Ende des 12.Kapitels und des ersten Teiles, genau in der Mitte des Romans, einen wichtigen Höhepunkt. Dann überfällt den Komponisten, der in seinem kurzen Leben der Welt ein Riesenopus hinterlassen wird, im April 1823 der Anfang vom Ende in Gestalt der Syphilis (Kapitel 16-18).

Immer wieder spielt die Weltgeschichte herein. Auf Napoleons Gewaltritt durch Europa und die revolutionären Hoffnungen, die er weckt, folgt die Metternich-Ära mit ihrer Unterdrückung und Verfolgung aller freiheitlichen Bestrebungen. Neben der Historie bilden die religiösen und ökonomisch-politischen Zwänge des kleinbürgerlichen Lebens im Wien des ersten Jahrhundertdrittels den biographischen Rahmen und vervollständigen den kurzen Lebensfilm eines Künstlers, der seinem Tagebuch die qualvolle Erkenntnis anvertraute: „Man glaubt immer, zu einander zu gehen, und man geht immer nur neben einander.“ Diese Vereinsamung kann aber auch zurückzuführen sein auf so harte Bestimmungen wie das Heiratsverbot für Lehrergehilfen oder das Scheitern anderweitiger Anstellungsgesuche. Doch der sichtbarste rote Faden in diesem Roman ist die schlechte Beziehung des Vaters zum Sohn, die dieser erst kurz vor seinem Tod in einem deutlichen Gespräch thematisiert. Dafür weigert sich der greise Vater denn auch, den sterbenden Sohn zu besuchen. Franz Schuberts letzte Worte „Könnyek, könnyek“ zitieren seine ungarische Geliebte, die beim Abschied mit diesen Worten ihre Tränen bezeichnete. Ob Schubert auf unserer Welt je heimisch geworden ist, darf man bezweifeln.

Im Schlusskapitel gehen der Leiermann des letzten Liedes und der tote Franz den Weg ins Nirgendwo, sie drehen beide die Leier, während Franz in einem kurzen Traum oder Märchen der tragischen Beziehung zum Vater einen versöhnlichen Schluss hinzudichtet.

Das Rätsel Schubert

Auf ausgiebige musikalische Werkanalysen hat der Romanautor verzichtet, und da mit dem Medium der Sprache die Musik meist nur verraten wird, ist es gar nicht so schlecht, wenn der Erzähler sich auf Erzählbares konzentriert und das Theoretische beschränkt.

Ob das Rätsel Schubert in diesem Roman gelöst wird und der Leser weniger fremd aus der Welt Franz Schuberts auszieht, hängt sowohl von seinen Erwartungen als von der Gründlichkeit seiner Lektüre ab. Wie es wirklich gewesen ist, weiß niemand. Wie wenig wir sogar über einen Komponisten wissen können, der in seiner Zeit großen Ruhm genossen und viele Briefe hinterlassen hat, das erklärt uns auf unvergessliche Weise Wolfgang Hildesheimer in seinem Mozartbuch von 1977.

Der hier besprochene Roman hat im Nationalen Literaturwettbewerb 2004/5 den ersten Preis erhalten, und uns liegt ohne Zweifel ein preiswürdiges Buch vor, das sowohl Freunden der großen Musik als auch solchen der Luxemburger Literatur ans Herz zu legen ist.

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© Jacques Wirion , d'Wort / Warte, 16.03.2006 - zurück Mikis Theodorakis

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