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Hoffnung und Verzweiflung

Zur Agonie der DDR


"No hope, no despair", der Lieblingsspruch von Heiner Müller, gilt nicht mehr für ihn. Für viele DDR-Bürger gilt er nicht mehr, für viele, die mit so großer Hoffnung und Erwartung ihre friedliche Revolution gemacht hatten, damals, vor langer Zeit, vor weniger als einem halben Jahr. Die D-Mark hat die Revolution gefressen, die Bulldozer der Westpropaganda und der Wahlkampfversprechen haben ihre Blüten niedergewalzt.

Da steht nun die Macht des Habens gegen die Ohnmacht des "Doch-da-Seins", und der stille Hans Modrow konnte gegen den aufgebläht auftrumpfenden Kohl nur geistige und kulturelle Werte als Stolz des "Volkes der DDR" einbringen, nur solche, denn wir wissen ja: die DDR ist "marode". Der vom SPIEGEL immer wieder angeführte Begriff wurde zum Schlagwort, mit dem man das Eigenbewußtsein der Menschen von drüben totschlagen kann.

Nun gilt es, auch deren geistigen Reichtum abzuwerten, und ich habe das beklemmende Gefühl, daß man dies ganz bewußt, ganz gezielt tun will, damit aber nur ja nichts mehr von den vierzig Jahren DDR übrigbleibt. Man will den aufrechten Gang der "Ossis", die solche bleiben wollen, brechen. Kriechen müssen sie, zu Kreuze kriechen... Nur so kann man sich die Noch-DDR einverleiben.

Kohl gibt dafür das Beispiel. Er strahlt die satte Zufriedenheit eines Ochsen aus, der eine ganze, große, neue Wiese für sich bekommt. Die Wirtschaftsmächtigen, die ehemaligen Landbesitzer, die Spekulanten und Intriganten marschieren im Geiste mit.

Da muß alles, was in vierzig Jahren DDR an Kulturellem geleistet wurde, madig gemacht und heruntergewürdigt werden. Brecht hat man schon seit Jahren zum wertfreien Klassiker degradiert. Nun sind die andern dran. Zum gleichen Zeitpunkt, als man dem Nazi-Jünger zum 95. Geburtstag huldigte, brachte man die
Vergangenheit der großen Anna Seghers ins Gerede und sie in Verruf. Heiner Müllers Arbeiten, Wolokolamsker Chaussee und Hamlet-Maschine wurden und werden von der westdeutschen Kritik massakriert. Stefan Heym, Christoph Hein, Christa Wolf, wie Heiner Müller noch vor einigen Monaten gefeiert und gewürdigt, stehen nun im Kreuzfeuer: Haben sie nicht etwa früher von ihrem Ruhm profitiert? Genossen sie nicht Freiheiten und Privilegien, die den normalen Sterblichen vorenthalten waren? Und warum eigentlich? Jeder verdächtig! So hofft man, ihnen das Maul stopfen zu können.

Man lese in diesem Zusammenhang einmal, was Fono Forum über einen der Pioniere der DDR-Revolution, den Dirigenten Kurt Masur, schrieb. Man lese, was Theater heute zu Vera Oelschlegel, dieser großartigen Künstlerin, jetzt zu sagen hat, um sie moralisch fertig zu machen: „Niemand unter den Bühnengrößen der DDR ist so umstritten wie sie, denn ihre steile Karriere als Schauspielerin, (Brecht-)Sängerin, Regisseurin und Intendantin des <Theater im Palast> wird stets in Verbindung gebracht zu ihren Verbindungen mit maßgebenden Herren der jetzt entmachteten Einheitspartei (...) Attraktiv, platinblond, eine Frau mit Vergangenheit und der Typ der femme fatale, falls so etwas von der ehemaligen DDR überhaupt hervorgebracht werden konnte (und wenn, dann nur so)..."

Nichts über das Können dieser einzigartigen Künstlerin, das wir so intensiv in Esch im dramatischen Oktober 1989 erleben konnten, Nichts als Häme. Und warum? Weil Vera Oelschlegel sich um die Intendanz des Landestheaters Tübingen beworben hatte. Warum sie das tat, geht aus der „Oehlschleigel-Story" von Christoph Müller (er gibt ihrem Namen systematisch ein „h" hinzu), ganz eigentlich nicht hervor.

Wieviel Verzweiflung hinter diesem Schritt steckt, wird selbstverständlich verschwiegen. Das könnte der Künstlerin ja Sympathien einbringen. Dazu Vera Oelschlegel in einem Brief an mich vom 31-1.90:

„Zur Zeit schwanken wir alle zwischen Aktionismus und Depression. Nur wenigen gelingt es, die Euphorie des Herbstes in das Frühjahr zu retten. Die Ernüchterung über das ganze Ausmaß des Verfalls, der Zerstörung, der Frust der vielen Jahre von Repression und Eingesperrtsein, der plötzliche Anblick des funktionierenden Kapitalismus (zuerst ist ja nur die glänzende Oberfläche zu sehen), das Wissen um viele verpatzte Jahre hat einen Schock ausgelöst. Bei jedem entlädt er sich auf andere Weise, aber in der Summe ist, ich zitiere Müller, Schlamm. - Wir haben alle Schattierungen politischer Äußerung oder Entäußerung, von den militanten Rechten und Linken bis zu den Grünen. Während sie sich in heißen Schlachten bekämpfen, marschiert das Geld und zieht seine siegreiche Bahn.
Die deutsche Einheit entsteht durch die DM, während die einen noch für eine Volksabstimmung, die anderen für die DDR plädieren. Der gewöhnliche Faschismus blüht. Schwer ist zu unterscheiden zwischen der Aufdeckung politisch-krimineller Handlung und Denunziation. Da fallen mir Hölderlins oder Heines Bemerkungen über die Deutschen ein. Blut im Schuh, Asche auf dem Haupt und nun.
Die Theater haben's schwer. Ihr Amt, einzige Öffentlichkeit gegen die herrschende Macht zu sein, ist an die Medien übergegangen, die ja ihrer Pflicht enthoben worden waren. Die Theater sind leer. In Ostberlin sitzen die Westberliner in den Theatern und umgedreht. Auch nach einem halben Jahr ist auch diese Exotik vorbei und was dann.
Das <tip> hat's besonders schwer. Im Palast sind noch die alten Stalinisten am Ruder. Da nun der Palast keine Repräsentationspflichten mehr hat, haben sie flugs der Regierung ein Konzept vorgelegt, den Palast zu einem <kulturellen Warenhaus> zu machen. Die territoriale Eigenständigkeit des Theaters (im Hause) ist aufgehoben, das tip als eine Unterabteilung. Ich gehe — mit Ende der Spielzeit. Das ist ein lakonischer Satz. Dahinter verbergen sich schlaflose Nächte, Schmerz, ein Stück meines Lebens. Aber, wie es bei Brecht heißt:<Wer seine Lage erkannt hat...>
Wohin ich gehe, weiß ich noch nicht- Wenn Sie eine Idee haben, lassen Sie sie mich wissen. Wahrscheinlich werde ich erstmal ein bißchen Ruhe einziehen lassen und <nur> spielen bzw. Regie führen.
Ich wünschte, ich könnte Ihnen Besseres schreiben. Ich bin dieses Landes zur Zeit sehr müde — andere haben Angst vor der Zukunft. Das will verkraftet sein."


" No hope, just despair"?

Ein kleiner Hoffnungsschimmer: Heiner Müller ist als Träger des diesjährigen Kleist-Preises nominiert worden. Die Wahl traf Beatrice von Matt. Sie ist Schweizerin.
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© Guy Wagner, Kulturelles Tagebuch, Phare, nouvelle série n°12 - 21.4.1990

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