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Worte und Taten

Zur "Kulturwoche der DDR" im Escher Theater, Oktober 1989


"Worte, ein wenig gewärmte Luft, Gewicht null, können, passend zusammengefügt,
schärfer sein als ein Pfeil und Speerspitze und gleich tödlich,
und wer sich verfängt in ihrem Netz, ist seinem Peiniger ausgeliefert."
(Stefan Heym, Der Spiegel. 45/89)

Keiner hatte Anfang Oktober ahnen können, wie sehr sich dieses getrennte und doch so einheitsbewußte Europa verändern würde.
Wie weit zurück liegt schon — politisch gesehen — die Kulturwoche der DDR im Escher Theater, von der soviele abgeraten hatten, die eine Luxemburger Wochenzeitschrift, die sich ja so revuehaft liberal gibt, sich weigerte, überhaupt anzukündigen und zu kommentieren, obschon Künstler von Bedeutung. Kenner und Könner zu uns gekommen waren. Was gab es doch an Anrufen, guten Ratschlägen. Empfehlungen zum "öffentlichen Protest", gerade zum 7. Oktober, zum 40. Jahrestage der DDR, zum Festkonzert des Berolina-Posaunenquartetts!

Es ging um die Künstler

Aber bitte, es ging um die Menschen, um die Künstler, um das, was die DDR in vier Jahrzehnten geleistet hatte und was sie an eigenständigem und bedeutsamem Kunstschaffen vorzuzeigen weiterhin hat. Aber, bitte, es geht mehr denn je darum, auch unsere eigenen geistigen Grenzen zu öffnen und bereit zu sein, auch den anderen, der uns wegen Mauer, Stacheldraht und verhärteten ideologischen Grenzen so unbekannt, ja so fremd ist, kennenzulernen, zu verstehen und ihm die Möglichkeit zu geben, das zu sagen. was ihm am Herzen hegt.

Über die geistigen Mauern hinwegsteigen

Es geht darum, über diese geistigen Mauern hinwegzusteigen und zu versuchen, gemeinsame Projekte zu entwerfen und gemeinsame Lösungen zu finden. Da helfen keine schönen Worte, da helfen ein gemeinsamer Wille und gemeinsame Pläne und Taten. Alles andere sind leere Phrasen, Geschwätz.
Wie Worte treffen können, das machten Vera Oelschlegel und Heiner Müller deutlich. Vera Oelschtegel: eine verwundete Frau; Heiner Müller: ein desillusionierter Schriftsteller, der an seiner Heimat hängt. Vera Oelschlegel mußte, zwei Tage bevor sie nach Esch kam. erfahren, daß ihre Tochter, eine Fotografin, zusammengeschlagen worden war und im Krankenhaus lag. Sie hatte vorher erleben müssen, daß die herausfordernde Erstinszenierung von Heiner Müllers Quartett unspielbar geworden war. weil Regisseur Bernd Peschke, dem der Staatsdirigismus keine Chance gegeben hatte, eine weitere Arbeit in der DDR zu machen, sich über die „grüne Grenze" Ungarns in den Westen „abgesetzt" hatte, genau wie Manfred Ernst. Partner von Vera Oelschlegel im Quartett. Eine Meisterarbeit war nicht mehr vorzeigbar. und so kam es in Esch zu der einmalig-einzigartigen Letztaufführung der DDR-Erstaufführung. Man kann sich nur ausmalen, was in Vera Oelschlegel vorging, als sie das Wort „Glücksgefühl" auf der Zunge zergehen ließ, zerkaute, mampfte und mit einem Ausdruck des Ekels ausspuckte... Die Wirklichkeit hatte das Theater eingeholt.

"Neben dem Wort. das die Gesellschaft durch seine Freiheit und Wahrhaftigkeit elektrisiert, gibt es auch das hypnotisierende, trügerische, fantasierende, rasende, betrügende. gefährliche, todbringende Wort.
Das Wort - ein Pfeil."
(Väclav Havel, Theater heute 11/89)
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Solidarität

Heiner Müller war daher zu uns gekommen aus Solidarität, zu Vera Oelschlegel, zu dieser Theaterarbeit, zu dieser letzten Aufführung, und die bundesdeutschen Medien waren in Esch: ZDF, S3, die Rundfunkanstalten und die Zeitungen, von Saarbrücken bis Berlin, und alle wollten wissen, wie es denn nun sei mit der DDR, mit dem real existierenden Sozialismus, und auch wenn Vera Oelschlegel, die seelisch Verwundete, wenn Heiner Müller, der realistisch Kritische verbittert oder harsch über das sprachen, was sie zutiefst bewegte — ihre Beziehung zu ihrer Heimat —, so ging doch von diesen Aussagen das Elektrisierende aus, von dem Havel spricht, wegen der Freiheit und der Wahrhaftigkeit dieser Worte, wegen der Strenge, mit der beide über jene sprachen, die das Land in einen solchen — auch geistigen — Engpaß geführt haben, und über jene, die diesem Land fluchtartig seit Monaten den Rücken kehren. Müller sprach von dem Schrecken zu sehen, „wie wenig die scheinbar begriffen haben", von der Spurlosigkeit der DDR-Erfahrung dieser Menschen: "Sie kommen daher, schreien 'Freiheit' und wissen nicht, was das ist!"

Nachsinnen über den Begriff der Freiheit

Solche Sätze zwingen zum Nachdenken, zum eigenen Nachfragen über das Bewußtsein von Freiheit, über den Gehalt des Begriffes, und zum Nachsinnen über das, was es für Heiner Müller heißt, frei zu sein und diese Freiheit in Taten umzusetzen. Und auch hier hat gerade in den letzten Tagen die Realität die Überlegungen von Heiner Müller bestätigt.
Wir konnten das neue Glücksgefühl dieser DDR-Bürger sehen, die der Mauer ihren Schrecken genommen haben und verdeutlichten, daß sie keinen Sinn mehr hat, außer dem, uns klar zu machen, wie ungeheuerlich der real existie.rende Stalinismus war, den abzuschaffen Gorbatschow zu seiner Lebensaufgabe gemacht hat, was ihn heute schon zu einem der größten Staatsmänner unseres Jahrhunderts erhebt.

Nur eine Möglichkeit zum Konsum

Nur, was wurde aus dieser vom „Pöbel", dixit Stefan Heym, durch die immer stärker anschwellende, immer angstloser werdende Flut der Demonstrationen und des Aufruhrs erzwungenen, eroberten Freiheit? Eine Möglichkeit zum Konsum, zum Einkauf im „Kaufhaus des Westens", dies im wahren und im bildlichen Sinn des Begriffes!
Und die Gefahr besteht, daß das trügerische, fanatisierende Wort sich stark macht, während die Oelschlegel darüber nachdenkt, „was uns so an der Utopie des Sozialismus festhalten läßt", während Havel nicht bereit ist, hinzunehmen, daß in seinem Lande „das Gewicht und die radioaktive Strahlung des Wortes tagtäglich von den Sanktionen bestätigt werden, die das freie Wort auf sich zieht", während Heym überzeugt ist: ... "die Geschichte duldet kein Patt. Den Dialogen müssen, und werden, Taten folgen."

Neue Utopien denken

Gegen den falschen Glanz des Konsums und der Käuflichkeitsmöglichkeiten als Freiheitsinhalt gilt es daher, weiterhin an Utopien festzuhalten und neue Utopien zu denken.
Das kulturelle Schaffen, die tägliche Arbeit an der Gestaltung einer multikulturellen Gesellschaft leben aus der Utopie und dem Glauben an die Möglichkeit von Veränderungen.
Ich will Václav Havel demnächst, bald, morgen, in Esch begrüßen können.


© Guy Wagner, Kulturelles Tagebuch, Phare, nouvelle série n°7 - 18.11.1989

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