Keiner hatte Anfang Oktober ahnen können, wie sehr sich
dieses getrennte und doch so einheitsbewußte Europa verändern
würde.
Wie weit zurück liegt schon — politisch gesehen —
die Kulturwoche der DDR im Escher Theater, von der soviele abgeraten
hatten, die eine Luxemburger Wochenzeitschrift, die sich ja
so revuehaft liberal gibt, sich weigerte, überhaupt anzukündigen
und zu kommentieren, obschon Künstler von Bedeutung. Kenner
und Könner zu uns gekommen waren. Was gab es doch an Anrufen,
guten Ratschlägen. Empfehlungen zum "öffentlichen
Protest", gerade zum 7. Oktober, zum 40. Jahrestage der
DDR, zum Festkonzert des Berolina-Posaunenquartetts!
Es ging um die Künstler
Aber bitte, es ging um die Menschen, um die Künstler,
um das, was die DDR in vier Jahrzehnten geleistet hatte und
was sie an eigenständigem und bedeutsamem Kunstschaffen
vorzuzeigen weiterhin hat. Aber, bitte, es geht mehr denn
je darum, auch unsere eigenen geistigen Grenzen zu öffnen
und bereit zu sein, auch den anderen, der uns wegen Mauer,
Stacheldraht und verhärteten ideologischen Grenzen so
unbekannt, ja so fremd ist, kennenzulernen, zu verstehen und
ihm die Möglichkeit zu geben, das zu sagen. was ihm am
Herzen hegt.
Über die geistigen Mauern hinwegsteigen
Es geht darum, über diese geistigen Mauern hinwegzusteigen
und zu versuchen, gemeinsame Projekte zu entwerfen und gemeinsame
Lösungen zu finden. Da helfen keine schönen Worte,
da helfen ein gemeinsamer Wille und gemeinsame Pläne
und Taten. Alles andere sind leere Phrasen, Geschwätz.
Wie Worte treffen können, das machten Vera Oelschlegel
und Heiner Müller deutlich. Vera Oelschtegel: eine verwundete
Frau; Heiner Müller: ein desillusionierter Schriftsteller,
der an seiner Heimat hängt. Vera Oelschlegel mußte,
zwei Tage bevor sie nach Esch kam. erfahren, daß ihre
Tochter, eine Fotografin, zusammengeschlagen worden war und
im Krankenhaus lag. Sie hatte vorher erleben müssen,
daß die herausfordernde Erstinszenierung von Heiner
Müllers Quartett unspielbar geworden war. weil Regisseur
Bernd Peschke, dem der Staatsdirigismus keine Chance gegeben
hatte, eine weitere Arbeit in der DDR zu machen, sich über
die „grüne Grenze" Ungarns in den Westen „abgesetzt"
hatte, genau wie Manfred Ernst. Partner von Vera Oelschlegel
im Quartett. Eine Meisterarbeit war nicht mehr vorzeigbar.
und so kam es in Esch zu der einmalig-einzigartigen Letztaufführung
der DDR-Erstaufführung. Man kann sich nur ausmalen, was
in Vera Oelschlegel vorging, als sie das Wort „Glücksgefühl"
auf der Zunge zergehen ließ, zerkaute, mampfte und mit
einem Ausdruck des Ekels ausspuckte... Die Wirklichkeit hatte
das Theater eingeholt.
"Neben dem Wort. das die Gesellschaft
durch seine Freiheit und Wahrhaftigkeit elektrisiert, gibt
es auch das hypnotisierende, trügerische, fantasierende,
rasende, betrügende. gefährliche, todbringende Wort.
Das Wort - ein Pfeil."
(Väclav Havel, Theater heute 11/89).
Solidarität
Heiner Müller war daher zu uns gekommen aus Solidarität,
zu Vera Oelschlegel, zu dieser Theaterarbeit, zu dieser letzten
Aufführung, und die bundesdeutschen Medien waren in Esch:
ZDF, S3, die Rundfunkanstalten und die Zeitungen, von Saarbrücken
bis Berlin, und alle wollten wissen, wie es denn nun sei mit
der DDR, mit dem real existierenden Sozialismus, und auch
wenn Vera Oelschlegel, die seelisch Verwundete, wenn Heiner
Müller, der realistisch Kritische verbittert oder harsch
über das sprachen, was sie zutiefst bewegte — ihre
Beziehung zu ihrer Heimat —, so ging doch von diesen
Aussagen das Elektrisierende aus, von dem Havel spricht, wegen
der Freiheit und der Wahrhaftigkeit dieser Worte, wegen der
Strenge, mit der beide über jene sprachen, die das Land
in einen solchen — auch geistigen — Engpaß
geführt haben, und über jene, die diesem Land fluchtartig
seit Monaten den Rücken kehren. Müller sprach von
dem Schrecken zu sehen, „wie wenig die scheinbar
begriffen haben", von der Spurlosigkeit der DDR-Erfahrung
dieser Menschen: "Sie kommen daher, schreien 'Freiheit'
und wissen nicht, was das ist!"
Nachsinnen über den Begriff der Freiheit
Solche Sätze zwingen zum Nachdenken, zum eigenen Nachfragen
über das Bewußtsein von Freiheit, über den
Gehalt des Begriffes, und zum Nachsinnen über das, was
es für Heiner Müller heißt, frei zu sein und
diese Freiheit in Taten umzusetzen. Und auch hier hat gerade
in den letzten Tagen die Realität die Überlegungen
von Heiner Müller bestätigt.
Wir konnten das neue Glücksgefühl dieser DDR-Bürger
sehen, die der Mauer ihren Schrecken genommen haben und verdeutlichten,
daß sie keinen Sinn mehr hat, außer dem, uns klar
zu machen, wie ungeheuerlich der real existie.rende Stalinismus
war, den abzuschaffen Gorbatschow zu seiner Lebensaufgabe
gemacht hat, was ihn heute schon zu einem der größten
Staatsmänner unseres Jahrhunderts erhebt.
Nur eine Möglichkeit zum Konsum
Nur, was wurde aus dieser vom „Pöbel",
dixit Stefan Heym, durch die immer stärker anschwellende,
immer angstloser werdende Flut der Demonstrationen und des
Aufruhrs erzwungenen, eroberten Freiheit? Eine Möglichkeit
zum Konsum, zum Einkauf im „Kaufhaus des Westens",
dies im wahren und im bildlichen Sinn des Begriffes!
Und die Gefahr besteht, daß das trügerische, fanatisierende
Wort sich stark macht, während die Oelschlegel darüber
nachdenkt, „was uns so an der Utopie des Sozialismus
festhalten läßt", während Havel
nicht bereit ist, hinzunehmen, daß in seinem Lande „das
Gewicht und die radioaktive Strahlung des Wortes tagtäglich
von den Sanktionen bestätigt werden, die das freie Wort
auf sich zieht", während Heym überzeugt
ist: ... "die Geschichte duldet kein Patt. Den Dialogen
müssen, und werden, Taten folgen."