Editorial Nur noch ein Weilchen, und wir haben die Schule kaputt reformiertNoch bevor auch nur eine einzige der Massnahmen des Unterrichtsministeriums zu einer weiteren Reform des Sekundarunterrichts gesetzlich geregelt ist, wird dieses Reformvorhaben von allen Seiten derart unter Beschuss genommen, dass allein schon das zu denken gibt. Es herrscht Alarmstimmung unter den Lehrern, aber nicht nur dort. Auch die Vereinigungen, ob politische oder laizistische, die um die öffentliche Schule kämpfen, stehen bereit, Barrikaden gegen die Projekte der Ministerin Anne Brasseur zu errichten. Die Französischlehrer, die Deutschlehrer, die Kunsterzieher, die Musiklehrer haben schon im Vorfeld Stellung bezogen. Die Alarmglocken läuten; man kann sie landesweit hören. A propos „Glocken“: Besonders alarmiert sind all die, denen die öffentliche Schule als konfessionslose, laizistische, weltoffene und tolerante Institution am Herzen liegt. Das Vorhaben der Ministerin, ab dem Schuljahr 2002-03 dem katholischen Religionsunterricht in den staatlichen Lyzeen ein Bewertungskoeffizient zukommen zu lassen, erscheint ihnen zu Recht als ein Skandal. Unsere ersten Überlegungen zu der geplanten Reform – weitere werden im Herbst folgen; wir sind bereit zum Schul- und Kulturkampf! – gliedern sich daher auch in zwei Blöcke: Einerseits solche, die sich mit den Veränderungen des Sprachenunterrichts und der musischen Erziehung befassen, andrerseits die, welche den Religionsunterricht in der öffentlichen Schule angehen. 1. Zur Neufestlegung der Schulstunden: Die Ministerin hat gefordert, dass in der Primärschule wieder die „Basics“ gelehrt werden, – lesen, schreiben, rechnen –, und dass ein ähnlicher Grundsatz im weiterführenden Unterricht gelten soll: Weniger Experimente, mehr Konkretes. Nach vielen Irrwegen in der Ausrichtung des Schulsystems, ist dies ein guter Ansatz. Doch damit ist nicht genug! Es braucht auch das Kreative. Sowohl im Elementarunterricht als im Sekundarunterricht, im klassischen ebenso wie im technischen. Der Mensch, um Mensch zu sein, sein zu können, bedarf einer Ganzheitserziehung, wobei besonderer Wert auf die Förderung des sprachlichen Ausdrucks und der musischen Fähigkeiten gelegt werden sollte, die in jedem Kinde stecken, auch in denjenigen, die von sich behaupten, sie seien „nicht begabt“ für künstlerisches Schaffen und Musik als Hören und Gestalten. Saint-Exupéry hat es trefflich in „Terre des Hommes“ gesagt: „C'est un peu, dans chacun de ces hommes, Mozart assassiné.“ Die geplante Reform, die auf eine drastische Kürzung der Stunden in der Kunst- und Musikerziehung genau wie im Sprachenunterricht hinausläuft und die Abschaffung einer Sprache auf „Première“ vorsieht, ist einfach monströs, denn sie macht aus unseren Sekundarschülern Frankensteins, die verständnislos durch das Leben trampeln. Sieht man zudem, worauf diese Reform ausgerichtet ist, so erkennt man bereits, wer sie ausgeheckt hat: Leute aus dem Bereich der Wissenschaften und der Informatik. Schlimmer noch: Banausen, die mit Kultur nichts am Hut haben, künstlerische Hinterwäldler, bei denen man sich fragen muss, ob sie je ein Werk der Weltliteratur gelesen, ein Konzert gehört, ein Theaterstück gesehen oder ein Museum besucht haben. Es ist ganz einfach erschreckend, feststellen zu müssen, mit welcher Unkenntnis der kulturellen Zusammenhänge und der Strömungen, die das Geistesleben immer wieder neu bestimmt haben, hier ein Strich gezogen wird, damit nur ja nichts von dem, was das schöpferische und daher dynamische Zusammenleben ausmacht, auch weitergereicht werden kann: Keine Literaturkenntnisse, keine geschichtlichen Zusammenhänge, keine Kreativität, keine Auseinandersetzung mit den künstlerischen und musikalischen Bewegungen, die dahin geführt haben, wo wir jetzt sind. Wen wundert es dann noch, wenn ein schöpferischer Ausdruck, wie der von Sanja Ivekovic für ihre „Lady Rosa of Luxembourg“ gewählte, bei uns zu einem geistigen Bürgerkrieg geführt hat? Die wenigsten konnten ja verstehen, um was es der Künstlerin ging. Wenn das Schöpferische aber derart ins Abseits gedrängt wird wie bei dieser Reform, so braucht es niemanden zu wundern, wenn das Ergebnis die Züchtung sein wird von Fach-Idioten, mit Akzent auf dem letzten Teil dieses Doppelbegriffs, Roboter die da sind, um zu produzieren und zu konsumieren. Es braucht ja sonst nichts, um die Maschine der Ultraliberalisierung und der Globalisierung des Profites am Gehen zu halten. Konsequenterweise sollte die verantwortliche Ministerin denn auch nicht mehr von „Education nationale“ sprechen und ihr Amt umbenennen in „Ministère de l’Instruction“. Mehr erhalten unsere Schüler ja nicht. Doch das scheint der Zweck des Ganzen zu sein: Der Industrie gut abgerichtete Affen zur Verfügung zu stellen, die tun, was man von ihnen verlangt, und nur ja nicht denken. Nun, das können sie dann sowieso nicht mehr. Denken hat nämlich mit dem Erfassen von Zusammenhängen zu tun, und gerade dieses wird nicht mehr gelehrt. So wachsen wunderbar Manipulierbare heran. Brave New World, und Orwell lässt grüßen! 2. Zum Religionsunterricht – dem einzigen, dem katholischen – in der öffentlichen Schule muss gesagt werden: Die Ministerin behauptet, sie beabsichtige eine Aufwertung der „Education morale et sociale“, und in die Schule gehöre nun einmal ein Fach, das den Schülern die hauptsächlichen ethischen Werte und Prinzipien vermittelt, auf denen eine humane und tolerante Gesellschaft aufgebaut ist. Schön und gut, und dies ist ein an sich anerkennenswerter Gedanke, auch wenn man darüber diskutieren kann, ob es unbedingt eines besonderen Faches bedarf, um diese Werte zu lehren, oder ob diese nicht in vielen, in allen Fächern vermittelt werden sollten und ob die Schule als solche nicht Modell dieser Grundethik der Gesellschaft sein müsste. Wenn man aber der Meinung oder sogar Überzeugung ist, dass es eines solchen Faches bedarf, und vieles spricht dafür, was stellt man dann fest? Dass dieses Fach nicht für alle da sein soll, sondern dass das Sonderprivileg einer Religion weiter ausgebaut werden soll: Ihr als einzigen, wird ein paralleler Unterricht zugestanden, und dieser soll durch Koeffizient auch noch aufgewertet werden. Unfassbar! Ich werde daher den Verdacht nicht los, dass die so lautstark verkündete Aufwertung des Moral- und Sozialunterrichts nur ein Alibi ist für das, was der „Cattolica“ von der liberalen Ministerin zugestanden wird. Daher folgendes: Wenn es eine Moralerziehung geben soll, dann eine einzige, eine für alle, eine weltanschaulich und religiös unabhängige, und die kann dann meinetwegen auch Pflichtfach werden. Eine Religion aber, ganz gleich welche, die immer nur eine Glaubenssache und eine Privatangelegenheit ist, hat in der öffentlichen Schule, die für alle da sein muss und Wissen vermitteln soll, nichts zu suchen. Punktum. Leider ist der Angriff auf die laizistische Gesellschaft und ihr Schulsystem nicht erst seit dem letzten Regierungswechsel dabei, neue Formen anzunehmen. Bereits in der CSV-LSAP-Mannschaft hatte sich der Juniorpartner gekuscht und jene fatalen Konzessionen gemacht, deren ganz logische Konsequenz jetzt die geplante Brasseur-Reform ist. Doppelter Höhepunkt dieser Konzessionen waren die ominösen Konventionen mit vier in Luxemburg etablierten Glaubensgemeinschaften, sowie die Abschaffung der sogenannten „dritten Möglichkeit“: der Entbindung von beiden Fächern, dem Religionsunterricht und der sogenannten Laienmoral. Man konnte allerdings noch eine „Dispenz“ anfragen. Diese aber soll nun ganz aufgegeben werden, und Religion soll „zählen“. Opus Dei lässt grüßen... Was die Christlich-Sozialen allein nie gewagt hätten, haben sie seit jeher über ihren Koalitionspartner erreicht, und nach dem Schandvertrag von 18. Juni 1998, soll jetzt der liberale Kniefall folgen, oder eher noch, das Sich-Niederwerfen, Sich-Kuschen, Sich-Plattlegen vor der alleinseligmachenden römisch-katholischen Kirche. Die Braderie. Der Ausverkauf. Und das von Seiten einer Ministerin, die jene Partei als Vorgängerin hat, die durch das Schulgesetz von 1912 einen echten Befreiungsschlag gegen die Macht der Kirche getan hatte! Neunzig Jahre später nun der schändliche Verrat von Anne Brasseur und von deren sogenannten „liberalen“ Komparsen an ihren freiheitlich gesinnten Vorgängern: Ein Rückfall sondergleichen. Eine Schande. Und diese Tatsache an sich ist bereits unerträglich. Guy Wagner
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© Guy Wagner, kulturissimo (Tageblatt) - 27.06.2001 Retour articles de presse... |
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