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Rosemarie Schuder und Rudolf Hirsch

Eindrücke von einer Lesung - Guy Wagner



Cover der Neuauflage

17.3.1989: Zwei DDR-Autoren haben uns besucht: Rosemarie Schuder und Rudolf Hirsch. Zwei Schriftsteller, die in ihrer Heimat mehr als bekannt sind. Sie sind populär. Ihre Bücher erzielen Rekordauflagen.
Bei Signaturstunden gibt es jedesmal eine Art „Belagerungszustand" um den Büchertisch. Doch, wer kennt sie hierzulande? Einige wenige, die sich (auch) mit der Literatur der DDR beschäftigen.
Einige wenige!

Begehen wir keinen sträflichen Leichtsinn, wenn wir meinen, „drüben" entstehe doch sehr wenig, was auch uns interessieren könnte? Wer sind wir denn, daß wir so herablassend über die ändern urteilen, besonders die aus dem „anderen Deutschland"? Sind wir immer noch nicht bereit, Feindbilder, die eingeimpft wurden, abzutragen?

Rosemarie Schuder und Rudolf Hirsch lasen aus ihren, wie sie schreiben „Essays", die den Titel
tragen: „Der gelbe Fleck" und den Untertitel: „Wurzeln und Wirkungen des Judenhasses in der deutschen Geschichte." Es ist ein gewaltiges Buch geworden, 750 Seiten stark, eine gemeinsame Arbeit, wobei die Faszination der Geschichte bei Rosemarie Schuder und die intensive Auseinandersetzung mit rechtlichen Fragen bei Rudolf Hirsch den Autoren sicher zugute kam. .

 
Besonders zugute kommt nun dem Buch, daß es bewußt kein Geschichtsbuch ist, sondern eine Arbeit, Versuche (Essays), „Bekanntes und Unbekanntes zusammenfassend darzulegen und zu interpretieren. Erlebtes und Gelesenes sollten verschmelzen", wie die Autoren selbst schreiben.

Rudolf Hirsch und Rosemarie Schuder lasen das Vorwort: „Warum dieses Buch heute" und gaben
für ihre Arbeit die evidente Legitimation, sodann aus dem Kapitel „Der schwarze Tod" und schließlich „Auschwitz". Er sprach genau artikulierend, so als wolle er noch einmal das Ringen um das richtige Wort, den zutreffenden Ausdruck, den schlüssigen Satz verdeutlichen, auf dem diese Arbeit fußt, damit sie wahr und überzeugend werde. Sie las mit wunderschön modulierender Stimme, als große Diseuse, und gab den Sätzen ihre Kraft und Eindringlichkeit. So wurde diese Lesung zum Erlebnis.

So wurde klar, daß hier zwei Autoren mit innerem Engagement, überzeugt, aber gewaltlos, immer
wieder sprachlich die klarste, die exakteste Formulierung für das Unsagbare findend, ein Werk
schufen, das uns alle angeht und uns mehr zu sagen hat als das meiste, was über zweitausend Jahre Unmenschlichkeit geschrieben wurde. „Der gelbe Fleck" ist als Buch nicht mehr zu übersehen,
nicht mehr wegzudenken. Man kann über Judenmaß und Judenverfolgung nicht mehr nachdenken und schreiben, ohne dieses Buch gelesen zu haben, und wir, die wir Rosemarie Schuder und
Rudolf Hirsch hörten und mit ihnen redeten, dürfen uns glücklich schätzen über diese Begegnung.
Sie bleibt unschätzbar durch ihre Wirkung.

p.s. 2003: Aus dem Internet erfahre ich, dass Rudolf Hirsch 1998. Diese Nachricht hat mich betroffen gemacht, und die Erinnerung an den Abend in Esch wurde wieder schmerzhaft lebendig.

Biographische Kurzamgaben:

Rudolf Hirsch,
1907 in Krefeld geboren, 1998 in Berlin gestorben, stammte aus einer wohlhabenden jüdischen Kaufmannsfamilie. 1937 Emigration nach Palästina. Freundschaft mit Arnold Zweig. 1949 Rückkehr nach Ostberlin. Sachbücher und Romane.

Rosemarie Schuder,
1928 in Jena geboren, stammt aus einer bürgerlichen christlichen Familie. Ab 1947 freie Mitarbeit bei Ostberliner Tageszeitungen. Historische und biographische Romane. Lebt in Berlin. Mitglied des PEN.

 

© Guy Wagner, Kulturelles Tagebuch, Phare, nouvelle série, n°2, 13.5.1989

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