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Porträt eines Komponisten durch seinen Interpreten

Ein Gespräch mit dem Pianisten György Sándor über Béla Bartók


 


Béla Bartók hört György Sandór zu


György Sándor wurde in Budapest geboren. Seit er die 80 überschritten hat, gibt er den Jahrgang seiner Geburt nicht mehr an. Er studierte Klavier mit Béla Bartók und Komposition mit Zoltan Kodály an der Musikakademie von Budapest. Sein Debüt gab er in seiner Heimatstadt 1930, und gastiert sehr schnell auf den internationalen Konzertbühnen: London (1937), USA (1939). Nach dem Tode Bartóks fällt ihm die Ehre zu, dessen 3. Klavierkonzert erstmals zu spielen, ebenso die Tanzsuite in der Fassung für Klavier. Er hat die Integralen des Klavierwerkes von Prokofiev, Kodály und von Bartók eingespielt, letztere zweimal, hat Werkausgaben von Prokofiev und Katschaturian veröffentlicht, des Weiteren eine brillante Transkription des „Zauberlehrlings“ von Paul Dukas. Er unterrichtete an der Southern Methodist University (1956-1961), an der Universität von Michigan, wo er die Abteilung Klavierstudium (1961-1981) leitete, und an der Juilliard School (seit 1981). Er gibt „master classes“ in den Vereinigten Staaten, in Paris, Salzburg, Assisi, Jerusalem und ist ein begehrtes Jury-Mitglied von internationalen Klavierwettbewerben.

Kürzlich gastierte er wieder in Luxemburg, nachdem er in den 60er und 70er Jahren Einspielungen hier gemacht hat, u.a. mit Pierre Cao. Diesmal spielte er im Escher Theater, zum Bartók-Jahr, dessen 3. Klavierkonzert mit der Ungarischen National Philharmonie unter der Leitung von Ken-Ichiro Kobayashi.

Wir hatten das Glück, im Anschluss an dieses denkwürdige Konzert, ein Gespräch mit dem Meister zu führen.
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Bartók und die Tonalität

GS: Als man Zoltan Kodály 196, anlässlich eines Amerikabesuches nach Tonalität und Atonalität fragte, antwortete er: „Die Tonalität ist wie ein <highway>. Wenn man von diesem herunterfährt, muss man entweder wieder hinauf oder man verirrt sich. Atonalität kann keinen Stil erzeugen. Es ist unmöglich, mit der Atonalität eine musikalische Form zu erzeugen. Man braucht ein tonales Zentrum.
Béla Bartók ist sehr weit in seiner Erarbeitung eines neuen Vokabulariums gegangen, indem er die Noten veränderte, aber ihre Funktion ließ er unangetastet. Er war nie atonal, ebenso wenig wie Kodály, der ein fabelhaftes unerforschtes Gebiet erschlossen hat, denn auch Kodály war ein Genie.

Bartók und György Sándor

GW: Sie waren Bartók sehr verbunden.

GS:
Ich gehörte der letzten Klasse an, die Bartók unterrichtete. Dies war von 1930 bis 1934. Vier Jahre arbeitete ich mit ihm zusammen. Er verehrte Stravinsky sehr, das Gegenteil aber war nicht der Fall. Ich habe mit ihm Strawinskys „Petruschka“ erarbeitet. Ich erinnere mich noch an die erste Unterrichtsstunde: eine Sonate von Mozart, eine Rhapsodie von Brahms. Debussys „Feu d’artifice“ spielte er ohne Pedal.
Es kam ihm auf das „tempo giusto“ an. Das kam mir später bei meinen Interpretationen zugute. So wird man beim Bach-Spiel ganz frei. Diese Freiheit, diese Flexibilität hat nichts mit Romantismus zu tun, sondern mit einer Vermeidung von allem Mechanischen...
1934 hörte Bartók mit dem Unterricht auf und verließ die Musikakademie, um an der Akademie der Wissenschaften zu lehren. 1938 machte ich meine erste Tournee nach Polen, Skandinavien, London, 1939 wurde ich in die USA eingeladen, und ich blieb dort nach einer Konzertreise durch Südamerika. Als Bartók dann 1940 Europa für die Vereinigten Staaten verließ, konnte ich mich um ihn kümmern, da ich mich inzwischen dort eingelebt hatte.

GW: So weit ich unterrichtet bin, verließ er seine Heimat wegen der faschistischen Bedrohung.


GS:
Er verabscheute jedes totalitäre Regime und hatte schon 1935 festgelegt, dass seine Werke nicht in einem solchen gespielt werden dürften. Nach dem Tode seiner Mutter hielt ihn nichts mehr in Europa. Zwar war er überzeugt, dass er noch nach Europa zurückkehren könnte, doch das war ihm nicht mehr gegönnt.
Seine sterblichen Überreste wurden 1989 nach Budapest überführt. Er hatte auch bestimmt, dass er nie eine Straßenbenennung in Budapest haben möchte, wenn auch nur eine nach einem totalitären Machthaber benannt sei, und nun wurde, wie es die Symbolik so will, die Horthy-Straße nach ihm benannt und die damalige Hitler-Allee nach Kodály, der ebenso leidenschaftlich gegen jeden Totalitarismus war.

Der Mensch Bartók

GW: Sie haben Bartók gut gekannt. Wie war er als Mensch, physisch, charaktermäßig?

GS:
Er war ein ganz außergewöhnlicher Mensch, sehr delikat, zerbrechlich, durch seine Krankheit fast durchsichtig anmutend. Er wirkte sehr zerbrechlich mit seinen weißen Haaren und der durchsichtigen Haut, und er hatte eine eigenartige Weise zu gehen. Seine Augen waren wie Vulkane.
Er beherrschte vierzehn Sprachen, aber perfekt, mit allen Dialekten, darunter Arabisch, Türkisch, Griechisch.
Ein Beispiel dazu: In den USA gab es die Sammlung Parry, die über 3000 Lieder aus Mazedonien enthielt. Keiner wagte sich an sie heran. Man bat Bartók, sie einzusehen. Er konnte alle Texte entschlüsseln, darunter waren welche in Dialekten, die niemand mehr sprach.
Er war kein Mensch der halben Sachen, des Ungefähren, des „May Be“. Für ihn war eine Sache entweder gut oder schlecht, schwarz oder weiß, richtig oder falsch.

Bartók lächelt
Er besaß eine perfekte Selbstdisziplin und -beherrschung. Ich habe ihn niemals schreien hören. Immer behielt er sich unter Kontrolle.
Er war gegen alles Banale, alles Mechanisierte. Er hasste den Smalltalk. Er hatte ein großartiges Urteilsvermögen, war korrekt und hatte einen unglaublichen Gerechtigkeitssinn, und er hatte etwas, was die wenigsten wissen, einen wunderbaren Humor. Er hat viel gelacht, konnte sarkastisch sein, andere fabelhaft nachahmen. Ich habe ein Foto von ihm gefunden mit seiner Frau, auf dem er auf wunderbare Weise lächelt. Es ist ein einzigartiges Dokument.
Dazu war er sehr generös und hatte immer wieder andern geholfen, beispielsweise dem Musiker Deutsch, der ein wunderbarer Organist und Pianist war und im Kriege ermordet wurde.
Etwas Persönliches jetzt, wie seine Uneigennützigkeit war: Ich sollte eine Italientournee machen und dabei auch die Sonate von Bartók spielen. Er sagte mir: Spielen Sie nur den 3. Satz. Als ich nachhakte warum, gestand er mir, daß er sie selbst gespielt hatte und dabei von einem erbosten Publikum ausgebuht und mit Tomaten beworfen worden war. Er wollte mir dasselbe Schicksal ersparen.
Nun, aus der Tournee wurde nichts, doch vor einem Jahr sagte mir ein Bekannter in Italien: Ich habe einen Brief über Dich von Bartók. Es war ein Empfehlungsschreiben, das Bartók damals nach Italien geschickt hatte und in dem er, in perfektem Italienisch mich als seinen Lieblingsschüler empfahl. Ich hatte nie etwas darüber erfahren.
Er hat mir mehrmals ein Empfehlungsschreiben ausgestellt. Als er dann in die USA kam, konnte ich mich revanchieren.

Bartóks Amerika-Exil

Es war nicht so, dass er dort Hunger gelitten hätte, aber etwa 1942 war er schlecht dran. Während des Krieges kamen alle Genies nach den USA, von Strawinsky über Mondrian zu Einstein. Er war eines der ersten gewesen, und deshalb ging anfangs alles gut, doch dann wandte man sich andern zu und vergaß ihn etwas. Er hatte keine Auftritte mehr, und in den Konzerten spielte man seine Werke nicht mehr, und aus Europa kam kein Geld mehr.
Es stimmt aber nicht, dass man ihm nicht geholfen hätte. Koussewitzky beauftragte ihn mit einem Orchesterwerk, für das er damals 1000 Dollar erhielt, 500 als Anzahlung und 500 bei Abschluss des Werkes. Menuhin bestellte die Solosonate für Violine, die sein Meisterwerk wurde, Primrose das Bratschenkonzert, das er nicht mehr vollenden konnte. Sein 7. Quartett war fertig in seinem Kopf. Er war voll von musikalischen Ideen.
Er sagte, bevor er starb: „Ich bedauere, mit einem vollen Koffer abreisen zu müssen“.
Die letzte Partitur an der er arbeitete, war das 3. Klavierkonzert. Er schrieb auf Ungarisch „Vége“ darunter, was soviel heißt wie „Ende“. Es war das einzige Mal, dass er dies getan hat.

GW: Er litt an Leukämie, wenn ich gut unterrichtet bin.

GS:
Ja, und diese war zu spät entdeckt worden. Als sie sich herausstellte, erfuhr er, dass er nur noch zwei Jahre zu leben hatte.

GW: Haben Sie ihn bis zu seinem Lebensende gesehen?


GS:
Ich war die letzten beiden Wochen jeden Tag bei ihm. Seine Wohnung war 309. West 57th Street, heute einer der wüstesten Night Clubs. Man hat vor kurzem daran eine Gedenkplatte angebracht. Acht Tage vor seinem Tode, wurde er ins West Side Hospital überführt. Er wog nicht vierzig Kilo, hatte einen weißen Bart, der sein Gesicht noch gespenstischer machte. Zwei starke Wärter und sein Sohn Peter halfen dabei. Seine Frau Ditta stand unter Schock.
Nur an einem einzigen Tag habe ich ihn nicht gesehen, da ich ihn nicht sehen durfte. Das war, als man ihm die letzte Transfusion gemacht hatte.
Als er begraben wurde, waren tatsächlich nur zehn Personen, zehn Personen, in zwei Wagen, auf dem Ferncliff-Friedhof anwesend. Es ranken sich so viele Legenden um dieses Begräbnis, dass es gut ist, wenn man den wahren Sachverhalt kennt. Ich zähle die Anwesenden auf: Seine Frau Ditta, sein Sohn Peter, sein Anwalt Viktor Batór und seine Frau, Tibor Serly und seine Frau Alice, die Cembalistin Elisabeth Lang und ihr Mann, Herr Kecskeméti, der Musikwissenschaftler Paul Henry Lang und ich.

Das dritte Klavierkonzert

GW: Obschon er Bescheid über seinen nahen Tod wusste, spiegelt ein Werk wie das 3. Klavierkonzert keinesfalls diese persönliche Tragödie wider.

GS:
Überhaupt nicht. Es hat ein wunderbares inneres Gleichgewicht, ist voll Humor, in sich vollends erfüllt. Während das erste sich mit dem Problem der Oktaven auseinandersetzt, das zweite mit den Akkorden, verzichtet das dritte völlig auf Effekte.

GW: Ihr Name ist für die Musikwelt mit dem von Bartók verbunden, weil Sie dieses 3. Klavierkonzert nach des Komponisten Tod uraufgeführt haben.


GS: Eigentlich war das Konzert nicht für mich bestimmt. Bartók hatte nie mit mir darüber gesprochen, sondern es für seine zweite Frau Ditta Pástory, die eine ausgezeichnete Pianistin war, geschrieben, doch da diese nach dem Tode ihres Mannes krank geworden war und eine Aufführung sich dennoch aufdrängte, auch wegen der Finanzschwierigkeiten der Bartóks, rief man mich am 3. Dezember an, mit dem Wunsch, es zu spielen. Man sagte mir: „Ditta ist krank. Möchtest Du den Solopart übernehmen?“


Mit dem Meister
Ich habe sofort mit der „Columbia“ die Aufführung vereinbart. Das Werk war fast fertig geworden; der Klavierpart war komplett, es fehlten 17 Takte Orchestrierung, und es war keine Schwierigkeit, sie zu vollenden.
Damals war das Philadelphia Orchestra mit Eugene Ormandy, neben den New Yorker, das bedeutendste Orchester der USA. Die erste Aufführung fand, nicht wie im Programm angegeben, am 8. Februar 1946, sondern bereits am 28. Januar 1946 in Philadelphia statt. Die Rezensionen waren sehr gut, und der damals berühmte Kritiker Virgil Thompson schrieb, es sei ein Werk, das mindestens für ein bis zwei Jahre im Repertoire bleiben werde (!)...
Ich bin natürlich auch besonders stolz, dass ich ein anderes Werk von Bartók ebenfalls erstmals aufführte, und das kam so: 1985, rief mich Peter Bartók, sein Sohn, an und teilte mir mit, dass man die Klavierfassung des „Konzertes für Orchester“ gefunden hatte, die sein Vater noch selbst hergestellt hatte. Sie sei für mich bestimmt und ob ich sie einsehen wollte. Sie können sich vorstellen, wie gerne ich das tat. Sie war fast vollständig und stellt auf wunderbare Art die Plastizität der Musik und die Rubati heraus, ich brauchte nur kleine „Retouches“ anzusetzen. Ich habe sie 1990 für Sony erstmals eingespielt. Übrigens machte diese Partitur eine Schlamperei des Druckes der Orchesterfassung deutlich.
Solti sagte mir eines Tages: Das „Giuco delle coppie“ ist eigenartigerweise langsam. Das Metronom gibt 79 an. Wir fanden heraus, dass die eigentliche Zeitangabe 97 ist.
Ich bedauere nur, dass Boosey and Hawkes sie nicht ins Repertoire aufgenommen haben, zu meinem Repertoire gehört sie jedenfalls und sie ist mir besonders lieb.
 

© Guy Wagner, 1995, tageblatt, 8. Februar 1995 - Wiederabdruck in Bulletin des Amis OPL, 12/1999
Alle Photos wurden uns von György Sándor zur Verfügung gestellt

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