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Wir sprachen mit Swjatoslaw Richter

Guy Wagner

Die Scheu Richters, mit Journalisten zu sprechen, ist fast so legendär, wie sein Ruf als Pianist. Sie besteht seit eh und je und dauert weiterhin an. Daher war es auch nicht verwunderlich, daß die Verantwortlichen in Wiltz der Presse mitteilen, ließen: Keine Interviews. Das Gegenteil wäre eher erstaunlich gewesen. Umso mehr freuen wir uns, daß wir dennoch ein Gespräch mit dem sowjetischen Künstler hatten. Wie es dazu kam, soll unser Geheimnis bleiben.
Richter wirkte auch im Gespräch scheu, zurückhaltend, aber äußerst liebenswürdig. Hat die Konzentration nach dem Konzert nachgelassen, so wirkt sein Gesicht weit weniger herb, kantig und streng, eher gelöst, freundlich und offen, die Augen sind fragend, forschend, immer irgendwie unruhig, die Hände dagegen erstaunlich ruhig. Ob sie sich von der Anstrengung des Spieles ausruhen?

Wir sprachen zuerst über zwei Konzerte in Salzburg, ein Chopin-Debussy-Rezital und einen Liederabend mit Fischer-Dieskau.
Ja, das Rezital hat mir selbst Freude gemacht. Ich war in guter Verfassung. Es hängt ja soviel davon ab. Vor allem, weil man Chopin immer neu improvisieren muß.

• Ob denn das Publikum vor der Aufführung nicht irgendwie hinderlich ist und ob er daher jedes Fotografieren und Blitzen verbietet?
Ja, es lenkt sehr ab. Ich muß mich konzentrieren und sammeln. Deshalb stört mich das Blitzen auch anfangs; erst später wenn ich richtig drin bin, macht es mir eigentlich nichts mehr aus.
Mit dem ersten Liederabend in Salzburg war ich nicht sehr zufrieden. Herr Fischer-Dieskau hat zwar schön gesungen, aber ich ... Das zweite Mal war weit besser. Es ist ein interessantes und faszinierendes Erlebnis, Liederbegleiter zu sein.




Charakteristische Haltung von
Swjatoslaw Richter

• Hängen die Schwierigkeiten mit dem Aufeinander-Abstimmen zweier Persönlichkeiten zusammen?
Nicht nur, aber es ist sehr wichtig, wenn Musikpartner schnell dieselbe Wellenlänge finden.
• Wie ist es denn um die neue Konstellation: Boulez-Richter bestellt?
Ausgezeichnet, wir haben uns sofort wunderbar verstanden. Es war sehr schön, mit Boulez zu konzertieren; ich war sehr froh darüber.
• Und der Kontakt mit Karajan?
Er war auch sehr gut, aber anders.
• Sie sind doch eigentlich der Begründer der ,Fêtes en Touraine'.
Nicht ganz. Musikfreunde sind an mich herangetreten, und wir haben nach einem geeigneten Lokal gesucht. Die Akustik in den Châteaux de la Loire ist nicht glücklich, und so haben wir weiter gesucht, bis wir die nun bekannte Scheune von Meslay gefunden haben. Ja, und seit acht Jahren finden diese Musikfeste statt, zahlreiche bekannte Freunde haben sich schon dort zusammengefunden, und wir haben sehr viel schöne Musik gemacht."
• Waren Sie damals in Ferien, als man sie um ein Konzert in der Touraine bat?
Ferien? Im Sommer? Nein! Der Sommer ist meine beste Zeit. Den Winter lieb ich nicht, die Kälte, nein. . .
• Sie haben eine sehr große Schallplattensammlung, die bis zu Werken der Avantgarde reicht.
Ja, und ich frage mich immer, wohin die Musik führt. Ich weiß es nicht. Es gibt sehr viel Gutes, aber noch mehr Schlechtes.
• Und nach Ihre eigenen Schallplattenaufnahmen gefragt, welche lieben Sie besonders?
„Ich bin sehr kritisch gegenüber mir selbst. Vieles mag ich gar nicht oder nur wenig, aber mit der Wanderfantasie etwa, Papillons und den zwei Klavierkonzerten von Liszt bin ich doch recht zufrieden.
• Und Brahms’ 2. Klavierkonzert beispielsweise?
Mag ich nicht. Die Aufnahme entstand bei der ersten Amerikatournee. Es war ein anderer Dirigent vorgesehen. Ich war auch gar nicht in bester Form. Es war schließlich mein erster Kontakt mit einer für mich völlig fremden Welt und ihrer ungewohnten Hektik. Auch mag ich Aufnahmestudios nicht.
• Und die Neuaufnahme?
Auch nicht. Aber glauben Sie mir, es liegt nicht an Maazel, wie man geschrieben hat, und ich habe mich auch sehr gut mit ihm verstanden: Danach haben wir nämlich das 5. Klavierkonzert von Prokofjew mit den Londoner Symphonikern aufgenommen. Wenn diese Aufnahme erscheint, werden sie sehen. Sie ist leider mit dem 2. Bartók-Konzert gekoppelt, und das ist wiederum nicht gut.
• Welche Plattenpläne haben Sie jetzt?
Da kann ich Ihnen nichts Genaues sogen. Ich habe jetzt einen ganzen Monat Zeit, da kann ich mir genau überlegen, was ich tun werde. Vielleicht Schumanns Waldszenen, vielleicht auch ein Klavierkonzert, vielleicht auch den 2. Teil des Wohltemperierten Klaviers. Um nochmals auf Maazel zurück zu kommen: er wird das 3. Violinkonzert von Bartók aufnehmen mit einem jungen Künstler aus meiner Heimat, Oleg Kagan, einem ungemein musikalischen Geiger, erst 22 Jahre, aber recht begabt.
• Er ist hier noch weitgehend unbekannt.
Er hat aber schon einen Wettbewerb im Westen gewonnen.
• Waren Sie auch schon Jury-Mitglied?
Einmal, 58, beim Tschaikowsky- Wettbewerb, als Van Cliburn gewann, ein sehr talentierter Pianist. Es ist unglaublich; er strahlt eine hypnotische Wirkung aus. Das hat sein Gutes, aber nicht immer.
• Werden Sie in Zukunft noch Jury-Mitglied sein?
Nein, einmal, aber nie mehr.
• Warum?
Ich will nicht Richter sein!
• Und Ihr Konzert heute?
Ich habe mich sehr über das Publikum, vor allem die vielen jungen Leute gefreut. Das Klavier war auch gut, exzellent für Schumann und Brahms, weniger geeignet für Chopin und Debussy. "Bösendorfer" bleibt die beste Marke, ist leider nicht die größte. Wenn "Yamaha" weiter an seinem Flügel arbeitet und ihn zum "Bösendorfer" und nicht zur Brillanz des "Steinway" hinführt, dann wird er ausgezeichnet.
• Wie ist es möglich, daß Sie aus jeder einzelnen Note soviel herausholen?
Da ist nichts von mir. Alles steht in den Noten drin. Ich versuche nur, ehrlich zu sein gegenüber dem Komponisten und dem Publikum, nicht zu pfuschen. Die Wahrheit liegt in der Musik.
• Arbeiten Sie weiterhin viel an sich?
Ich bin im Prinzip sehr faul, aber aus Angst vor dem Publikum arbeite ich intensiv.
• Stimmt es, wie eine Plattenfirma schrieb, daß Sie fünfundzwanzig Klavierabende bestreiten können, ohne sich zu wiederholen?
Nein, das ist nicht wahr. Ich will ganz ehrlich sein, aber sagen Sie es bitte nicht weiter, es sind… viel mehr!


© Guy Wagner, Tageblatt, 20. 8. 1971 – Im Programmheft der Wiltzer Festspiele 1972 ebenfalls abgedruckt

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