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Ein selbstverständliches Engagement
für die Musik von heute

Fragen an Manfred Reichert

Manfred Reichert, der Begründer und Leiter des international renommierten „Ensemble 13“, wurde 1942 geboren. Er studierte Musik, Musikwissenschaft, Französisch und Philosophie in Karlsruhe und Freiburg. Er tritt 1967 in die Musikabteilung des Südwestfunks Baden-Baden ein, doch hält es ihn nicht in den Büros und Rundfunkräumen. Er will aufs Terrain.

MR: Es begann 1973 mit einem Streicherensemble mit Musikern des Südwestfunkorchesters, das Musik vom Barock bis zur frühen Moderne, von Vivaldi bis Britten, spielte, aber schon im Herbst desselben Jahres kam es zur ersten Uraufführung, einem Werk von Berthold Hummel...
GW: War der Wechsel zum Zeitgenössischen nicht mit Schwierigkeiten verbunden?
MR: Aber nein, als Rundfunkredakteur hatte ich damals schon seit 7-8 Jahren Umgang mit dem Neuesten, was sich auf dem Gebiet der Musikschöpfung tat; ich war vertraut mit Donaueschingen. Das Ensemble wuchs reibungslos da hinein. Die Probleme lagen anderswo. Es galt, von der kleinen klassischen Besetzung zu einer solistisch gemischten Besetzung zu kommen.
GW: Heißt das, daß das „Ensemble 13“ modulierfähig ist und sich die Musiker von überallher treffen, um gemeinsam zu musizieren.
MR: Der Kern steht seit etwa einem Jahrzehnt ganz fest, nur daß eine Anzahl von denen, die am Anfang dabei waren, jetzt in Deutschland verstreut oder sogar im Ausland tätig sind. Es war zum Teil Zufall, wie sie sich zusammenfanden: der eine kannte diesen, der andere den, und alle mußten einverstanden sein, daß bis zu dreißig Instrumentalisten sich zusammenfinden können.
GW: Hatte die Hinorientierung zur Moderne und zur Avantgarde auch damit zu tun, daß es zwar ungeheuer viel Kammermusikensembles gibt, aber nur wenige, die sich der zeitgenössischen Musik zuwenden, daß Sie demnach in eine „Marktlücke“ hineinstoßen konnten?
MR: Schon, doch war diese Hinwendung zur heutigen Musik zuerst einmal mit einem großen Selbstverständnis verbunden. Ich weiß nicht einmal, wie sie genau geschah.
GW: Ist es Ihnen schon vorgekommen, daß Sie ein Werk abgelehnt haben?
MR (nach einer kurzen Gedankenpause): Ja... Aber dies ist die Ausnahme, weil die Initiative meist von mir selbst ausging und ich daher wußte, an wen ich mich wandte. Ich erinnere mich, 1978, als das Ensemble fünf Jahre alt war, hatte ich ein Fest in Karlsruhe gemacht, zu Schuberts 150. Todestage. Ich hatte fünf Komponisten gebeten, sich mit Schubert auseinander zu setzen, und so gab es am 18. Juni fünf Uraufführungen in einem Konzert. Das war von einer Intensität, kann ich Ihnen sagen!
GW: Dann können Sie sich doch demnächst wieder mit Schubert auseinandersetzen: 1997 ist sein 200. Geburtstag...
MR: Ich werde 1996 mit einem neuen Projekt herauskommen, in dem ich Schubert und Feldman, dessen Tod sich 1997 zum zehnten Male jährt, zusammenspannen.
GW: War Ihr Webern-Projekt: „Sind Töne Töne oder sind Töne Webern“, das im Herbst 95 ebenfalls in Luxemburg vorgestellt wird, Ihr bisher letztes Projekt?
MR: Ja, und ich freue mich, daß es nach all den Schwierigkeiten, die es seit Ihrem Rücktritt von „95“ gab, dennoch beibeihalten werden konnte, vor allem, weil ich mehr und mehr den Eindruck bekam, daß man unser ganzes Projekt zu Disposition stellen wollte.
GW: Sie selbst sind auch Begründer von Festivals.
MR: 1980 gründete ich die „Wintermusik“, ein Komponistenporträt, vier Stücke von Hans-Joachim Hespos. Das war ein Spaziergang auf dem Mond...
GW: Und „Musik auf dem 49.“?
MR: Da begann ich mit viel Jazz. Ich wollte die Kluft zwischen den Genres schließen oder wenigstens geringer machen, Grenzlinien aufheben. Das habe ich auch für die neuen Medien und den Film getan.
GW: In Ihrer Biographie heißt es, sie seien „ansonsten freischaffend in Karlsruhe“. Was heißt das?
MR: So schrieb ich immer, doch als ich den Begriff „freischaffend“ bei einem anderen Künstler las, ging mir durch den Kopf: „Was, der kriegt nicht einmal eine Stelle irgendwo?“ Dann habe ich es sofort durchgestrichen.


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© Guy Wagner, kulturissimo (Tageblatt) - 18.1.1995

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