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Margarete Jacobs
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Will Quadflieg
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Die Fülle
des Könnens, die dem Schauspieler Will Quadflieg eigen
ist, machen es dem Beobachter schwer, seine komplexe Persönlichkeit
zu definieren und abzugrenzen, und einen bestimmten Augenblick
ihres Laufes festzuhalten, wie ein Einzelbild im Abrollen
eines Films. Unser Gespräch mit Will Quadflieg, für
das wir dem Künstler sehr verbunden sind, dreht um die
Ziele Quadfliegs, um das „Wie" und „Warum"
seines Schauspielerlebens. Darum unsere erste Frage :
Wie sieht
sich der Schauspieler Will Quadflieg selbst ?
— Sich selbst objektiv zu definieren ist schwer. Man
kann nur von seinen Zielen sprechen. Ich versuche aus der
Vorstellung, daß das Theater primär ein geistiger
Vorgang ist, und nicht ein emotioneller, Theater zu spielen.
Ich versuche, im Rahmen meiner gedanklichen und physischen
Möglichkeiten, das zu verkörpern und darzustellen,
was der Dichter geschrieben hat. Dazu gehört zuerst,
daß man das ganze Stück richtig liest und versucht,
das was Stanislawski "die geistige Überschrift über
ein Stück" genannt hat, zu finden, ohne zu vereinfachen,
und von dem Punkt aus sich seine eigene Rolle sucht und sich
richtig in das ganze Geschehen einfügt. Das ist sehr
schwer, und es hängt nicht nur von einem selbst ab, sondern
auch vom Partner, der eine Gegenkraft gibt...
Siegfried Melchinger hat treffende Sätze gefunden über
das, was ich in der Vergangenheit falsch gemacht habe, wenn
ich durch Forcieren, durch Überspannen manche Figuren
zu erreichen suchte, wo ich mich auf das Naturell, auf das
einfache Gegebene hätte verlassen sollen.
Will Quadflieg will also vom Geistigen her ein Künstler
sein, dem das Äußerliche zuwider ist. Äußerlich
ist auch der Begriff des „Stars" :
— Was ist ein Star ? Es ist ein fataler Begriff, erzeugt
durch die Filmindustrie, die das Geld, das sie in einen Spieler
hineinsteckt, wieder hereinspielen will. Ein materieller Prozeß,
der scheußlich ist für jeden künstlerischen
Menschen.
Aber (Frage), welches sind nach Ihrer Meinung Gegenkräfte
gegen das, was Sie ,die Verführungen der Eitelkeit' nannten
?
— Klare Gedanken ! Sich fragen : Was habe ich zu spielen
? Was bin ich gegen einen Dichter wie Tschechow? Doch nur
einer, der etwas ausführen soll. Was bin ich gegen einen
Dichter wie Shakespeare? Ein ganz kleiner Zwerg. Da kann ich
mich doch gar nicht überheben. Da kann ich doch nur versuchen,
mit meiner Kraft, meiner Stimme, meiner Art, wie ich die Figuren
sehe, dem Dichter in irgendwie gerecht zu sein.
"Dem Dichter gerecht sein", das ist der Kern
des Schauspielerwesens eines Will Quadflieg.
Frage : Erklärt das auch, daß Sie Schallplatten
besprochen haben?
— Ja, die Arbeit mit dem reinen Wort ist für meine
Frau und für mich persönlich, eine der schönsten
und reichsten, die ein Mensch in meinem Fach überhaupt
erreichen kann. Da ist er wirklich ganz auf sich selbst gestellt,
auf das Wort. Da kommt es wirklich nur auf richtiges Denken
an.
Margarete Jacobs : Vor allem ist das auch eine Frage der
Phantasie.
— Ja, die wirkliche Fantasie hat fast immer mit einem
klaren, vernünftigen Denken zu tun. Wer sich selbst aber
etwas vormacht, ist natürlich auf einem ganz falschen
Weg.
Weil Will Quadflieg sich nichts vormacht, und man sich dennoch
von ihm angezogen fühlt, soll unsere nächste Frage
klären, was seine Faszination ausmacht:
Wollen Sie dem Zuschauer nahe sein, oder wollen Sie
Ihre Distance bewahren?
Der Schauspieler lacht : Ich will unter allen Umständen
meine Distance bewahren. Gründgens hat einmal gesagt
: "Gehen Sie nicht hinunter zum Publikum, sondern sorgen
Sie dafür, daß das Publikum zu Ihnen hinaufkommt,"
Mit dem Publikum zu kokettieren, ist gar nicht im Sinne der
Dichtung. Wenn die Leute hereinkommen, wissen sie, es soll
das Stück gespielt werden von den Schauspielern. Jetzt
wollen wir das Stück von dem Dichter spielen. Wenn die
Leute mitmachen, können sie teilnehmen, sich identifizieren
mit dem, der ihnen gerade am gemäßesten ist. Wenn
sie nicht mitdenken wollen, müssen sie eben unten bleiben.
Da hat das Nachkriechen gar keinen Sinn.
Die Faszination Quadfliegs liegt also in seiner Kunst,
Mittler zwischen Dichter und Publikum zu sein, indem er Mitspieler
und Publikum zum Mitdenken und zur Mitarbeit auffordert, anregt,
ja, Mitarbeit von ihnen verlangt. Das ist das Neue und Besondere
an seinem Können, das Zwingende und Bezwingende. Unsere
letzte Frage klärt uns noch tiefer auf :
Wenn ich Sie jetzt nach einem einmaligen Moment Ihres
Schauspielerlebens befrage, welcher Augenblick kommt Ihnen
sofort in den Sinn?
— Die letzte Arbeit mit Gründgens in seiner Inszenierung
des "Don Carlos", und die große Szene zwischen
Philipp (den Gründgens darstellte und Posa (den ich spielte),
ist für mich das Erfüllteste, was ich an Szene gespielt
habe. Da hatte ich wirklich das Gefühl, da stand eben
einer, (wieder unser Thema) der mitdachte, um was es ging
: um die Freiheit mit all ihren verheerenden Möglichkeiten,
wenn sie falsch gehandhabt wird, und um das, was sie im Grunde
eigentlich ist, das Lebensentscheidende überhaupt.
Ich ahne, daß der Schauspielerberuf für Will
Quadflieg eine Berufung und eine Kunst ist; der Dienst am
Dichter aus innerer Freiheit heraus und gegen alle äußerlichen
Einflüsse,
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