Der stille
Pionier
Zum Tode von Joseph Probst

Probst: "Lieder eines fahrenden
Gesellen" (BNL)
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Zwar wußte man seit langem, daß man mit dem Unvermeidlichen
rechnen mußte; dies verhindert aber nicht die Betroffenheit,
die der Tod von Joseph Probst auslöst.
Probst gehörte seit einem halben Jahrhundert zu den Großen
der Kunst in Luxemburg und hat Wesentliches zu ihrer Erneuerung
Anfang der 50er Jahre beigetragen.
1911 in Vianden geboren, machte er nach seinen klassischen Studien
in Luxemburg von 1924 bis 1931, danach ein Jahr Kunststudium an
der Handwerkerschule, um sodann an der Königlichen Akademie
in Brüssel und der Akademie der Bildenden Künste weiterzustudieren.
Seine Studien schloß er an der Ecole Supérieure des
Arts Décoratifs 1940 in Brüssel ab.
Nach dem Zweiten Weltkrieg begann er seine schöpferische Tätigkeit,
die vom Expressionismus beeinflußt war. Das Porträt stand
Anfang seiner Arbeiten, denn das Zeichnen hatte er wie ein Handwerk
gelernt. Er malte Aktbilder, "Maternités": Mutter
und Kind waren ein Lieblingsmotiv.
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Doch er tendierte immer stärker
zur Abstraktion hin, im Gefolge der Pionierarbeit von Stoffel und Wercollier.
Mit letzterem, sowie mit Gillen, Jungblut und dem Kunstkritiker Joseph-Emile
Muller, dessen Einfluß auf die Entwicklung der Malerei in Luxemburg
von besonderer Bedeutung war, gehörte er im Jahre 1948 zu den Gründungsmitglieder
der "Nouvelle Equipe", zu denen noch Emile Kirscht hinzukam.
Ein Klassiker der abstrakten Malerei
Den entscheidenden Schritt zur Abstraktion wagte er 1950, und 1954 war
er mit seiner Gattin Colette Würth, mit Will Dahlem, Henri Dillenburg,
François Gillen, François Kinnen, Emile Kirscht, Wenzel
Profant, Michel Stoffel und Lucien Wercollier Mitbegründer der "Iconomaques".
Sie alle sind inzwischen zu "Klassikern" geworden; was sie aber
für die Kunst in Luxemburg durch ihre Pioniertätigkeit darstellen,
ist kaum noch auszumachen.
Auch Joseph Probst ist längst ein "Klassiker", dessen Werke
nicht nur in öffentlichen und privatem Besitz in Luxemburg einen
wichtigen Platz einnehmen, sondern auch im Musée National d'Art
Moderne in Paris und am Sitz der Weltpostvereinigung in Bern zu sehen
sind.
1960 erhielt er den Marzotto-Preis in Italien: ein Zeichen dafür,
wie stark das Ausland auf ihn aufmerksam geworden war.
Schon fast gradlinig kann seine Entwicklung als abstrakter Maler angesehen
werden. Waren es zuerst Form-Schöpfungen, die aus der Konfrontation
mit damals dunklen und verhaltenen Farben erwuchsen, so zog es ihn danach
in seinen Ölbildern und Guaschgemälden stärker zum Geometrischen,
doch auch dieses konnte ihn nicht so recht befriedigen, so daß er,
nach zwei Jahren, ab 1955, zu komplexeren, in sich verwebten Formen kam,
das Spektrum der Farben erweiterte und die Materie bereicherte.
Probst, der von sich selbst sagte: "Ich bin Kolorist.", war
zu einem Vertreter der lyrischen Abstraktion geworden.
Doch, so wie er immer bestrebt war, an neue Grenzen zu suchen, so blieb
er auch diesmal nicht bei dem Errungenen stehen.
Von der Spirale zur Figuration
Ab 1972 gewann Probst eine neue Klarheit der Form, die er mit einer möglichst
großen Präzision des Ausdrucks zu verbinden verstand und auch
in Monumentalwerken (Kirchenfenster, Wandmalereien, Mosaiken) auszudrücken
wußte: Grundform der meisten seiner Werke wurde nun die Spirale,
die für ihn auch einen Weg der Vertiefung der künstlerischen
Materie bedeutete.
Seine Arbeiten wurden so "Tema con variazioni", und wenn wir
diesen Begriff hier verwenden, so auch deshalb, weil das Verhältnis
von Joseph Probst zur Musik ein besonders starkes und verinnerlichtes
war. Dies führte zu einer seiner größten schöpferischen
Leistungen, der bildnerisch-visonären Gestaltung des Zyklus' "Die
Winterreise" von Franz Schubert.
Im letzten Jahrzehnt kehrte Probst zu einer figurativen Kunst zurück,
exemplarisch verdeutlicht in seinen Ausstellungen von 1994 und 1995. Es
ist eine durch die Erfahrung der Abstraktion angereicherte und bereicherte
Figuration. Sie trägt die Handschrift eines Künstlers, der in
der Stille seines Ateliers in Junglinster aus innerer Kraft und Ruhe ein
bedeutsames Werk gestaltet hat.
© Guy Wagner, tageblatt, 11. Juli 1997
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