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Nochmals Niki de Saint Phalle

Luxemburger Normalisierung


Die sponsorierende Bank hatte darauf gehalten, ein Fest zu Ehren der von ihnen geförderten Werke von Niki de Saint Phalle zu veranstalten, und alle waren gekommen.

Auch der Kommissar der Ausstellung war kurz anwesend, der Stadtarchitekt-Direktor, der einige Tage zuvor in einer Stellungnahme, die flugs von “Wort” und “Journal” veröffentlicht wurde, die alleinige Verantwortung für jene Tat übernommen hatte, die den bisherigen Höhepunkt an Schildbürgerei und Borniertheit darstellt, welche unserem Kulturjahr seinen ganz besonderen Stempel geben und uns die Ehren des “Canard Enchaîné” einbringen.

Es blieb denn auch nicht aus, daß auf dieser Vernissage-Feier über den von “tageblatt” - klar, Herr Zeches, wie konnte es anders sein? - aufgedeckten Verhüllungs-Zensur-Fall (Phall?) geredet wurde, und tatsächlich, sie sprachen davon, und alle lächelten und brachten Herrn Horger ihre Sympathiebekundungen und Lobpreisungen für seine kommissarische Glanzleistung entgegen, und der Christo-Nachahmer, der durch den von ihm verursachten Wirbel doch arg gerüttelt worden war, war nun sichtlich gerührt, daß ihm aus seiner eigenmächtigen Entscheidung kein Strick gedreht wurde, sondern daß er auf einmal hochgestellte Persönlichkeiten nur noch lächeln sah.

So ist das eben bei uns: Für seine Verhüllung der “Clarice again”-Skulptur, für die er an einem Sonntagmorgen die Arbeiter mit 100 Prozent Gehaltsaufschlag rekrutierte, erntete der tapfere Mann allgemeines Lächeln, statt einer gehörigen Rüge, schon allein dafür, daß er seine Dienstchefs nicht über sein geplantes Vorgehen in Kenntnis gesetzt und dessen kultur-politischen Folgen nicht abgesehen hatte.

Ja, und um dem Ganzen die Krone aufzusetzen, brachte seine Dienstherrin, die Stadtbürgermeisterin, die Idee vor, gerade diese Skulptur aufzukaufen und ihr in der Neipuertsgaass eine ständige Bleibe zu geben, und flugs wird dies als großes Symbol dafür gewertet, wie tolerant wir doch im Grunde sind und wie wenig hier von einem Zensurfall die Rede sein kann.

Und ebenso flugs war auch schon klar, daß die Skulptur hier bleiben werde, denn eine halbe Stunde später ging die Nachricht schon über den blauen RTL-Äther.

Im Nachhinein mußte man dann aber gehörig zurückstecken, denn ...

Erstens, ist nicht sicher, ob die Skulptur überhaupt zum Kaufe steht, denn sie hat bereits einen Besitzer, ...

Zweitens, ist nicht klar, wieviel sie kostet; es geht in Kreisen von denen es heißt, daß sie es wissen müßten, die Rede von 18 Millionen, ...

Drittens, ist nicht gesagt, wer bereit ist, sie zu bezahlen: Man darf aber davon ausgehen, daß es unter keinen Umständen die Stadt ist: Die nämlich zahlt nicht, sondern läßt sich zahlen, aber man kommt so ins richtige Gerede.

Und so hatte Frau Polfer wieder einmal ein prächtiges Windei gelegt, das in Saint Phalleschen-Farben leuchtete, ohne überhaupt eine weitere Frage beantworten zu müssen: Falls die Skulptur tatsächlich dort, wo sie jetzt zu sehen ist, ihren angestammten Platz finden sollte, erhält sie dann zu jeder Schlußprozession erneut einen Tschador oder wird etwa die Prozession durch einen anderen Straßenzug geleitet?

Vor allem wurde so das eigentliche Ziel erreicht: Es wurde vom Entscheidenden abgelenkt, nämlich der Tatsache, daß mit dieser peinlichen Verhüllung ein ganz evidenter Zensurakt begangen worden war, den Herr Horger in seiner Stellungnahme ganz eindeutig zugibt.

Es war in Bezug auf eine religiöse Zeremonie, daß er seine Entscheidung traf: Diese Affrontiertheit muß man erst einmal haben, und dann auch noch von “bonne foi” (sic!) reden!

Daß die Reaktionen in der Öffentlichkeit aber so stark, so heftig und so richtig sein würden, hatte man natürlich nicht vorausgesehen.

Sie sollten daher vor allem jenen eine Lehre sein, die meinen, eine solche Tat herunterspielen zu können, über die die “Welt (...) sich einen Buckel voll lachen” werde, wie Herr Zeches im LW am 27.5. schrieb.

Ob er selbst sich auch noch einen Buckel voll lachen würde, wenn eine Vereinigung von Agnostikern und Atheisten für einen Demonstrationszug fordern würden, daß die Marienstatue in derselben Neutorstraße verdeckt werden müßte, oder wenn die Republikaner hierzulande die Skulptur von Großherzogin Charlotte verhüllen ließen, wenn sie auf der Place Clairefontaine eine Veranstaltung abhielten?

Wie laut sein Geschrei in dem Falle wäre, wissen wir spätestens, seitdem er eine Woche zuvor gemeint hatte, man solle sich einmal vorstellen, wesentliche Glaubensinhalte einer anderen Religion (er sprach von der jüdischen) würden “zum öffentlichen Gespött” gemacht.

Für die Unbelehrbaren gibt es demnach immer noch zweierlei Maße und Gewichte.

Die spontanen, heftigen Reaktionen der Öffentlichkeit auf diesen skandalösen Eingriff aber machen deutlich, daß die Abwehrmechanismen gegen alles, was eine Einschränkung der wesentlichen Freiheiten, und vor allem der Freiheit zum Andersdenken darstellt, in der Bevölkerung intakt sind.

Und das ist unsere Chance, auch wenn die Klerikalen und die liberalen Opportunisten meinen, mit einem sanften, photogenen Lächeln erhalte man schon Verzeihung für die eigene Anmaßung, Borniertheit und Dummheit.

 

Guy Wagner


© Guy Wagner, kulturissimo / Tageblatt - 14.6.1995

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