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In der Avenue de la Porte-Neuve,
so verkündet uns das Informationsblatt “Expo-Pass News no.2”
herausgegeben für Mai und Juni 1995 von der Vereinigung
“Luxembourg, Ville Européenne de la Culture”, steht eine Statue
von Niki de Saint Phalle. Sie ist als Nummer 3 auf der Liste von 11
Werken aufgeführt, die offiziell vom 30. Mai bis zum 17. September
an verschiedenen Punkten der Hauptstadt aufgestellt sind.
Sie trägt den Titel “Clarice again”.
Sie ist aus
gefärbtem Polyester, entstand zwischen 1965/67, hat die Maße
190x140x125 cm und gehört zur Sammlung Philip Mathews.
Sie ist
legendär im Schaffen der Künstlerin, denn sie stellt den
Ursprung der berühmten “Nanas” dar. Larry Rivers, der gemeinsame
Freund von Jean Tinguely und Niki de Saint Phalle, zeichnete und malte
1964 seine Frau Clarice als Schwangere vor der Geburt der Tochter
Gwynne, und diese Werke stehen am Anfang von Niki de Saint Phalles
Skulpturen. Zudem half Clarice der Künstlerin beim Bau der
Armaturen für die ersten Nanas.
Schon vor
diesem Hintergrund wird deutlich, welche Ehre Luxemburg zuteil wurde,
daß dieses Werk als Leihgabe hier gezeigt werden kann.
Nur wissen die
Verantwortlichen eine solche Ehre gar nicht zu schätzen und
pfeifen auf sie, wenn plötzlich sogenannte “höhere”
Interessen auftauchen!
Höhere
Interessen sind in diesem Falle, wie meistens, kirchlich-klerikale
Interessen.
Am letzten
Sonntag war die sogenannte Schlußprozession zur sogenannten
Oktave, die man kirchlicherseits schon den Affront hatte, unter den
Slogan: „Fir eng mënschlich Kultur“ zu stellen, womit man sich
selbst in den Sog einbrachte, den das Kulturjahr ganz einfach mit sich
führt: Alle Mittel bleiben seit jeher recht ... Hauptsache ist:
Man ist auch dabei!
Diese
Prozession führte nun durch die “Neipuertsgaass”, vorbei an
“Clarice”, was bedeutete, daß die Insignien einer Religion und
die Kultobjekte eines Glaubens durch ine Straße getragen wurden,
in der auch noch ein sogenannter Altar in unmittelbarer Nähe zu
Frau de Saint Phalles Skulptur aufgerichtet worden war.
Was dann nicht
sein durfte, durfte nicht sein, nämlich: die frechen Formen der
“Clarice”, die Farbigkeit ihrer blumenprächtigen Brüste, ihre
üppigen dekorierten Hinterbacken und vor allem die Andeutung ihres
Sexus’ als Blume... Denn wie schreibt Pontus Hulten: “Tatsache ist,
daß sie (i.e. Niki de Saint Phalle) hier eine Art Apotheose der
Frau erreicht hat, strahlend vor Freiheit, Freude und Gewißheit.”
Am Sonntag,
gegen 11 Uhr morgens strahlte Clarisse nicht mehr.
Sie war
verhüllt, eingepackt, den Blicken verborgen, aber hier hatte nicht
Christo eingegriffen zu einem seiner berühmten Einpackakte,
sondern im Namen Christi hatten welche an einem fantasievoll
gestalteten Frauenkörper Anstoß genommen und waren
unbekannte Tartüffes ans Werk gegangen: „... Cachez ce sein que je
ne saurais voir!”
Nun stellt
sich folgende Frage: Auf wessen Geheiß kam es zu dieser
Verhüllung? Und wer führte sie durch?
Von
irgendeiner Autorität muß doch der Befehl zu diesem Eingriff
gekommen sein. Von einer anderen muß er ausgeführt worden
sein. Einer befahl, ein anderer kuschte.
Verantwortliche,
vortreten! Oder seid Ihr noch zu feige dazu?
Dieser
Eingriff ist schwerwiegend, denn er stellt erneut einen klaren,
skandalösen Fall von Zensur auf dem öffentlichen Platz dar.
Dem mündigen Bürger wurde das echt verweigert, das zu sehen,
was man ihm noch in einem Anflug von kultureller
Großzügigkeit zugestanden hatte.
Und damit
stellen sich die Verantwortlichen in die pure Schizophrenie hinein.
Einerseits
geben sie sich liberal, weltoffen, kulturell aufgeschlossen. Sie lassen
es sogar darauf ankommen, die Titelseite des offiziellen Programmes mit
einem scheinbar Nackten zu schmücken, der inzwischen mit “Wortes”
Hilfe zum legendären “Plakert” wurde, und die freien,
freizügig-spielerischen Skulpturen einer weltweit anerkannten
Künstlerin auf öffentlichen Plätzen zu zeigen.
Andrerseits
überwiegen am Ende aber die Kleinkariertheit, die
Ängstlichkeit, die Frilosität und das Kuschen vor denen, die
seit immer Ärgernis an allem genommen aben, was Ausdruck des
freien Menschen in einem befreiten Körper ist.
Jedenfalls
täte man nun schon aus reiner Dezenz gut daran, auf jeden
offiziellen Einweihungsakt für diesen Skulpturenweg zu verzichten.
Die Blamage ist schon groß genug, als daß man nicht auch
noch die Arroganz der Scheinheiligkeit hinzufügt.
All
jene aber, die geglaubt hatten, daß es in den letzten Jahrzehnten
auch hierzulande zu einer gewissen Liberalität gekommen sei, sind
hiermit gewarnt. Jedenfalls fühlen die geistlichen Herren sich
wieder stark genug, kaltblütig und rücksichtslos Zensur
auszuüben und finden auch noch Helfershelfer dafür.
Klare
Verhältnisse müssen daher dringend her, und nur eine Trennung
des laizistischen Staates von den Kirchen kann sie herbeiführen. Wir sind nicht bereit, diesen
Affront und diese Einmischung ins öffentliche Kulturleben einfach
hinzunehmen.
Die Künstlerin Niki de Saint Phalle soll über das, was am 21.
Mai 1995 in der Stadt aller Unkulturen geschehen ist, in Kenntnis
gesetzt werden.
Guy
Wagner
© Guy Wagner, kulturissimo / Tageblatt - 24.5.1995
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