Murray Perahia
Guy Wagner

Murray Perahia, liebenswürdig introvertiert
|
Es
war wie jedesmal, wenn einer der ganz Großen kommt:
Ich spürte in mir eine Mischung von aufgeregter
Freude und dämpfender Sorge.
Man hatte uns Murray Perahia als schwierigen, in sich
zurückgezogenen Menschen beschrieben, zu dem man
nicht sofort Kontakt bekam, dem es allein um seine Musik
ging, um die Möglichkeit, in seiner Freizeit üben
zu können und um sonst nichts.
Ein Simon Rattle mit seiner Spontaneität und Begeisterungsfähigkeit
sei er keinesfalls. In der Tat, Perahia hat nicht das
unbekümmerte Selbstverständnis von Rattle.
Er kommt am Flughafen an, ist fast zu klein für
seinen großen Koffer, freut sich, daß er
abgeholt wird, daß er als VIP im Hotel begrüßt
wird, ist dankbar, daß er im Auditorium von RTL
üben darf, wünscht sich, daß wir abends
mit ihm zusammen seien.
Immer stärker wird mir bewußt, wie allein
doch ein Künstler ist, wenn er zu den Bedeutenden
zählt, und Perahia zählt zu ihnen, zu den
wenigen, die das Bewußtsein um die Musik für
das Klavier, um das Klavierspiel verändert haben.
|
Es wird verständlich, warum er jedesmal nur wenige Konzerte
auf kleinen Tourneen gibt, und eigentlich kann ich es immer
noch nicht fassen, daß er in Esch ein Konzert gibt. Wo
spielt er denn noch? möchten wir wissen. Nach Esch kommt
Paris, Berlin, London, Amsterdam und Wien. Ich kann mir da ein
bißchen Stolz doch nicht verkneifen.
Beim Abendessen, wo wieder deutlich wird, wie genügsam
er ist, erzählt er von New York, wo er aufgewachsen ist
und wo er nicht mehr leben könnte, von seiner Familie,
seinen beiden Söhnen Benjamin und Raphael, von seinen Freunden,
den Musikern, von denen er besonders viel gelernt hat oder mit
denen er besonders gerne zusammenspielt: Von seinem eigentlichen
Lehrmeister Mieczysiaw Horszowski und seinem unvergleichlichen
Anschlag, seinem inneren Rhythmus und seiner Vitalität!
Horszowski wird 97 und gibt noch immer Meisterkurse! Perahia
spricht von Radu Lupu, dem er am nächsten ist, von den
Schwierigkeiten, ein gutes Klavier zu finden, vom Schrecken,
im Concertgebouw spielen zu müssen...
Wie Gavrilov, denke ich und mache mir wieder Sorgen, ob unser
Flügel in Esch ihm zusagt. Aber ja: Ein wundervolles Instrument,
meint er am nächsten Morgen, aus dem man genau das herausholen
kann, was man will, und dann probt er wieder, drei Stunden lang
...
Luxemburg gefällt ihm; er will zurückkommen, auch
wegen unseres Publikums in Esch, das zuhören kann. Perahias
Spiel macht ganz einfach glücklich, in seiner Reinheit,
Klarheit und Intensität. Ich denke an Boucourechliev:
"... la sonorité de Perahia. Elle est divine. Pas
naturelle, non: infiniment travaillée, surtout dans l'aigu,
où elle s'entoure de petits halos lumineux. C'est irrésistible."
In der Tat, und wir können nicht widerstehen, und Perahia
auch nicht. Er gibt drei Zugaben. Später lesen wir, daß
er deren nur zwei in London gegeben hat. Das freut (...). Vertrag
erfüllt... "man muß weitermachen, ich werde
weitermachen." |
© Guy Wagner, Kulturelles Tagebuch, Phare, nouvelle série,
n°3, 10.6.1989
Retour articles
de presse...
|
|