
David Oistrach
|
Als der berühmte Violonist David Oistrach am 24. Oktober 1974 unerwartet in Amsterdam starb, wo er sieben Brahms-Konzerte dirigieren sollte, war sein Tod durch Herzversagen ebenso bestürzend wie der von Clara Haskil, vierzehn Jahre zuvor in Brüssel.
David Fjodorowitsch Oistrach wurde am 30.September 1908 in Odessa als Sohn eines Opernchorsängers geboren. Sein Lehrer wurde Stoliarski, der ebenfalls Nathan Milstein ausbildete.
1926, mit 18 Jahren, gab er sein erstes Konzert in seiner Heimatstadt, ein Jahr später trat er in Leningrad auf.
Seine internationale Karriere begann, als er 1937 den 1. Preis im Eugène Ysaÿe-Wettbewerb in Brüssel, dem späteren „Concours Reine Elisabeth“, errang, nachdem er zwei Jahre zuvor in Warschau den 2. Preis im Wieniawski-Wettbewerb erhalten hatte.
|
Er galt bald als Exponent der sowjetischen Musikkultur und wurde weltberühmt. Seine phänomenale, makellose Technik, sein klarer, kraftvoller Ton und und seine vergeistigten Deutungen wurden stellvertretend für eine Kunst der Interpretation, wie sie kaum höher gestaltet werden kann. Oistrach erlaubte sich keinen Schmelz und kein Schmalz, sondern spielte mit einer Unmittelbarkeit, die ihre Intensität ganz aus dem Wissen um die Werke gewann.
Botschafter seiner Heimat
Wie vor ihm Mischa Elman war er ein Meister in der Interpretation russischer Musik, aber sein überragendes Wissen gestattete ihm ebenso, mit unvergleichlicher Kunst die großen klassischen und romantischen Violinkonzerte - von Bach und Mozart über Beethoven und Mendelssohn zu Brahms - zu spielen, die er mit den bedeutendsten Dirigenten aufnahm: Cluytens, Karajan, Klemperer...
„König David“, wie er bewundernd genannt wurde, war der „dienende Meister“ der großen Komponisten und der unvergleichliche Promotor der neuen Musik seiner sowjetischen Heimat: Von Dmitri Schostakovitsch schuf er die beiden Violinkonzerte (1955 und 1967) und die Sonate für Violine und Klavier (1969), von Sergei Prokofiew gestaltete er die Uraufführung der 2. Violinsonate (1944) und von Aram Khachaturian und Dmitri Kabalewski hob er die Violinkonzerte aus der Taufe, ersteres mit eigenen Kadenzen.
Ab 1934 unterrichtete David Oistrach ebenfalls, und zwar, am Moskauer Konservatorium, wo sein Sohn Igor („Fürst Igor“), 1931 geboren, einer seiner Meisterschüler wurde. Mit ihm als Violonisten spielte der Vater an der Bratsche die „Konzertante Symphonie“, K.364 von Mozart ein. Er trat auch als Kammermusiker auf und nahm u.a. mit Lew Oborin am Klavier sämtliche Violinsonaten von Beethoven auf.
Mit David Oistrach verlor die Musikwelt vor zwanzig Jahren einen ihrer schöpferischsten und vielseitigsten Interpreten. Zahlreiche Schallplatten mit russischen, europäischen und amerikanischen Orchestern sind geblieben und werden neu verlegt als unvergleichliche Tondokumente eines Künstlers, der ab 1958 bis zum Ende seines Lebens, besonders infolge seiner Herzbeschwerden, immer stärker auch als Dirigent hervorgestreten ist.
David Oistrach war des öfteren auch zu Gast beim RTL-Sinfonieorchester, und seine Auftritte sind dem Musikpublikum der 60er und 70er Jahre lebhaft in Erinnerung geblieben, so wie sie Oistrach als eines bescheidenen, zurückhaltenden, ganz seiner Kunst verpflichteten Musikers weitergedenken.
Sein Sohn Igor, der im Rahmen der Wiltzer Festspiele 1994 auftrat und am 1. Dezember dieses Jahres wieder zu Gast in Luxemburg sein wird, führt sein musikalisches Erbe weiter.
Guy Wagner
|