Vor mir liegt die „tageblatt“-Nummer vom 9. August 1974. Sie ist schon etwas vergilbt. Auf der Titelseite zwei Photos, das des demissionären Präsidenten Richard Nixon und das seines Nachfolgers Gerald Ford. Die Schlagzeile: „Nixon tritt zurück“, erstreckte sich über vier Spalten.
Dieser Abdankung waren Wochen und Monate der Spannung und Dramatik vorausgegangen, die an Intensität kaum zu überbieten waren. Weniger als elf Jahre nachdem die Amerikaner ohnmächtig zusehen mußten, wie ihr Präsident John F. Kennedy ermordet wurde, mußten sie genauso hilflos feststellen, daß der damalige Rivale von Kennedy, der inzwischen zum zweiten Male zum Präsidenten der USA gewählt worden war, sich in Lügen, Täuschungsmanöver und hinterhältigen Tricks, die ein Verbrechen an der Nation darstellten, verstrickt hatte und nun gezwungen war, zurückzutreten, ansonsten ein „Impeachment“-Verfahren gegen ihn eingeleitet worden wäre. Es war der erste Rücktritt eines U.S.-Präsidenten überhaupt.
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Nixon's Abschied
von der Macht
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Watergate hatte Richard Milhous Nixon, dem 37. US-Präsidenten, das Genick gebrochen.
Der Watergate-Skandal
Was war Watergate?
Watergate war der Name der Wahlkampfzentrale der Demokratischen Partei, und der republikanische Präsident mußte 1971 fürchten, daß einer seiner Herausforderer, Edmund Muskie oder George McGovern mehr Chancen als er hatten.
Watergate wurde dann zu einem neuen Begriff, zum Inbegriff des politischen Skandals schlechthin. Der Skandal begann mit der Ertappung von fünf Einbrechern in diesem demokratischen Hauptquartier.
Der Einbruch hatte unter dem Decknamen „Operation Gemstone“ am 17. Juni 1972 stattgefunden. Während der Vernehmung gab sich der Leiter der Einbrecherquintetts June McCord als Sicherheitsberater und Mitglied des CIA aus.
McCord aber gehörte vor allem dem CRP, dem „Komitee für die Wiederwahl des Präsidenten“, an.
Fast wäre es, beim „drittklassischen Einbruch“, wie es offiziell hieß, geblieben, wären da nicht die Journalisten, insbesondere die „Washington-Post“-Redakteure Carl Bernstein und Bob Woodward gewesen, die in unermüdlicher Kleinstarbeit die Spuren sicherten, und diese Spuren führten ins Weiße Haus. Ein Film: „All The President’s Men“ von Alan J. Pakula gibt Zeugnis von den dramatischen Ereignissen um die Watergate-Enthüllungen.
Die nun neu einsetzenden Untersuchungen deckten zuerst einen vom Präsidenten selbst gefördeten Spionageplan gegen seine politischen Gegner auf, in den zahlreiche höchste Würdenträger des Landes impliziert waren, u.a. der ehemalige Justizminister John Mitchell, der Präsidentenberater John Dean, der „Chief of Staff“ des Weißen Hausen H. R. Haldeman, der Sonderassistent für innenpoilitische Fragen, John Ehrlichman, und Präsident Nixon selbst.
Das Krebsgeschwür
Am 30. April 1973 - Nixon war am 7. November 1972 wiedergewählt worden - wurde eine „grand jury“ zusammengestellt, die den Einbruch untersuchen sollte. Justizminister Richard Kleindienst, Haldeman und Ehrlichman traten zurück, John Dean wurde gefeuert. Der neue Justizminister Elliot Richardson ernannte Archibald Cox zum Sonderankläger.
Was nun an Wust, Gemeinheiten, politischer Sabotage, Spionage und Verbrechen herauskam, ließ den US-Bürgern die Haare zu Berge stehen.
Bei den Anhörungen, die im Mai 1973 vom Senat vorgenommen wurden, kam es zu einer brisanten Aussage des gefeuerten John Dean. Er bestätigte, daß Mitchell den Befehl zum Einbruch gegeben hatte und danach alles versucht wurde, zu verbergen, daß das Weiße Haus etwas damit zu tun hatte. Desweiteren bestätigte er, daß Nixon das Zahlen von Schmiergeldern an die Einbrecher gestattet hatte, um diese ruhig zu halten, und belastet den Präsidenten der Behinderung der Justiz. Er sprach von einem „Krebsgeschwür“ im Weißen Hause. Ein Dementi der Nixon-Administration konnte die Gemüter nicht beruhigen.
Nixon und seine Tonbänder
Im Juli 1973 war der „schwarze Freitag, der 13“ für Nixon. An diesem Tage machte Alexander Butterfield, der Verantwortliche für die innere Sicherheit, eine noch spektakulärere Zeugenaussage. Vor laufenden Fernsehkameras berichtete er dem Untersuchungsausschuß, daß der Präsident im Jahre 1971 Abhöranlagen im Weißen Hause installiert hatte, die automatisch alle seine Gespräche aufzeichneten.
Der Vorsitzende des Senatsausschusses, Sam Erwin, forderte sofort den Zugang zu den Bändern. Der Sonderankläger Cox verlangte die Herausgabe von acht Spulen zur Bestätigung von Deans Zeugenaussage. Als Nixon sich weigerte, stellten Erwin und Cox die Herausgabe „sub poena“ (unter Strafe bei Mißachtung). Als Nixon sich immer noch weigerte und vitale Interessen der nationalen Sicherheit anführte, ersuchte Erwin den Richter des US-„District Court“, John Sirica, um Erzwingung der Bänder.
Nixon blieb stur. Er weigerte sich weiterhin, die Bänder auszuliefern und befahl, am 20. Oktober 1973, Justizminister Richardson, Cox zu entlassen. Richardson trat zurück. Sein Stellvertreter William Ruckelshaus weigert sich ebenfalls, diesem Befehl zu gehorchen. Erst der „dritte Mann“, Generalstaatsanwalt Robert Bork, war einverstanden, ihn auszuführen. Auf Weisung von General Haig übernahm der FBI die Akten von Cox.
Ein Sturm der Entrüstung über dieses “Saturday Night Massacre” brach aus. Richter Sirica erwog, Nixon wegen Mißachtung des Gerichtes zu zitieren.
„I am not a crook!“
Am Jahrestag seiner Wiederwahl standen noch 27 % der Bevölkerung hinter ihrem Präsidenten, der einige Tage später in Disney-World erklärte: „Das Volk hat das Recht zu wissen, ob sein Präsident ein Gauner ist. Nun wohl, nein! Ich bin kein Gauner!“
Am 26. November bestätigte Richter Sirica, die Bänder erhalten zu haben.
Aber eine neue Überraschung erwartete die Nation. Auf dem Bande mit dem Gespräch zwischen Nixon und Haldeman vom 20.Juni 1972 (also drei Tage nach dem Einbruch), fehlten 18 Minuten. Experten stellten fest, daß dies das Ergebnis von fünf getrennten Lösch- und Neuaufnahmeversuchen war.
Im März 1974 wurden Mitchell, Haldeman, Ehrlichman und vier andere hohe Beamte des Weißen Hauses wegen des Vertuschungsversuches der Watergate-Affäre unter Anklage gestellt und Nixon wurde ein “unindicted co-conspirator” genannt.
In den folgenden Monaten forderte der neue Sonderankläger Leon Jaworski weitere Bänder heraus. Sie machten deutlich, wie weit das Weißen Hause in die Angelegenheit verstrickt war. Als Jaworski im Mai 1974 weiter 64 Bänder als Belastungsmaterial gegen die angeklagten hohen Beamten des Präsidentenstabes verlangte, weigerte sich Nixon wiederum. Die Wut der Bürger erreichte ihren Höhepunkt.
Am 24. Juli beschloß der Oberste Gerichtshof der Vereinigten Staaten mit 8 zu 0 Stimmen, daß Nixon die Bänder herausrücken müsse. Am 29. wurde das Prinzip eines „Impeachment“-Verfahrens gegen den Präsidenten angenommen.
Weitere Skandale
Eine Anzahl von anderen illegalen Tätigkeiten kam im Zusammenhang mit den Anhörungen zur Watergate-Affäre ans Tageslicht.
So wurde deutlich, daß Nixons Leute riesige Summen für den Wahlkampf auf mehr als zweifelhafte Art zusammengebracht hatten. Nach offiziellen Schätzungen kamen 60,2 Millionen Dollar zusammen, die zum Teil dann dazu dienten, Geheimoperationen durchzuführen und die „Klempner“ zu bezahlen.
Unter diesem Namen wurde nun die seit 1971 im Weißen Haus arbeitende Gruppe bekannt, die neben dem Einbruch im Watergate-Gebäude eine ganze Anzahl von kriminellen Taten begangen hatte, um die Gegner des Präsidenten in Mißkredit zu bringen und die Chancen Nixons auf eine Widerwahl zu vergrößern. Dazu gehörte der Einbruch in die Praxis des Psychiaters Daniel Ellsberg, der die sogenannten „Pentagon Papiere“ veröffentlicht hatte. Dazu gehörten auch gefälschte Telegramme, die dazu dienen sollten, John F. Kennedy und Senator Hubert H. Humphrey noch nachträglich zu diskriminieren.
Nixons Rücktritt
Nun ging alles sehr schnell. Wie verzweifelt der Präsident sich auch wehrte, seine totale Verstrickung in den Watergate-Skandal wurde immer deutlicher. Weitere Tonbänder brachten am 5.August 1974 ans Tageslicht, daß Nixon schon am 23. Juni 1972, dem FBI befohlen hatte, die Nachforschungen über Watergate abbrechen zu lassen und daß er selbst tatkräftig mitgeholfen hatte, die Implizierung seiner Verwaltung in die Affäre zu vertuschen, daß er demnach von Anfang an die Nation belogen hatte.
Um seiner Absetzung zu entgehen, trat Richard Nixon am 9. August (17.00 Uhr MEZ) zurück.
In der „t“-Ausgabe vom gleichen Tage schrieb ich: „Wir werden ihm nur so sehr nachtrauern, wie er trauerte um die Folteropfer der griechischen Obristen, oder um Allende und die Ermordeten jener chilenischen Junta, die er und seine Leute an die Machte brachten und an der Macht hielten. Wir werden ihm so wenig nachweinen wie er weinte um die toten Kinder von Pnom-Penh und Hanoi.“
Verzeihen und vergessen
Einen Monat später verzieh ihm sein Nachfolger Gerald Ford alle „Verbrechen, die er im Amt hatte begehen können“. Nixon konnte nicht mehr verfolgt werden. Der Glaube der Bevölkerung in die Präsidentschaft aber war nachhaltig erschüttert. Nixon aber war während seiner Amtszeit zum „Dollar-Millionär“ geworden (andere „t“-Schlagzeile vom 9. August 1974). In späteren Jahren wurde er als außenpolitischer Botschafter des öfteren eingesetzt.
Zwanzig Jahre später hatte das Volk die Schmach vergessen. Als Nixon am 25. April dieses Jahres starb, wurde er fast wie ein Heiliger gewürdigt.
Er, der sich so lange so stark an die Macht gekrampft hatte, hatte testamentarisch festgehalten, daß er sich nicht ans Leben festkrampfen wollte und jede Intensivtherapie ablehnte. Es war die sympathischste Geste von Tricky-Dicky.
Guy Wagner
p.s.: Ein anderer Titel der ersten Seite des „t“ vom 9.8.1974 lautete: „Die Luxemburger Drogenszene lebt...“
Dazu auch: "Game over" (GW 09.07.74)
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