
Nixon bei seiner Rücktrittsrede |
Das
Spiel Nixons ist aus.
Der Pokerkünstler der Macht hat hoch gesetzt und
alles verloren.
Sechs Krisen beschreibt er in seinem Buche gleichen Titels:
Krisen die er überwunden hat. An der siebten scheiterte
er. Nixon ist politisch tot.
Es gab eine lange Agonie. Mit der Verzweiflung des in
die Enge Getriebenen hat sich Tricky-Dicky gewehrt, bis
er, der noch immer an das Glück seiner Karten geglaubt
hatte, einsehen mußte, das er weder mit Bluff noch
mit offenen Karten weiter gewinnen konnte.
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Und plötzlich
erweckte er Sympathie, oder vielmehr, Mitleid, der Mann, der
sich in den einsamen Höhen der Macht so wohl fühlte.
Anscheinend sollen Tausende von Telefonanrufen eingegangen sein,
die Nixon aufforderten zu bleiben.
Wer waren diese Leute, die bis zum Schluß an ihn glaubten?
Schienen sie nicht eher fassungslos zu sein vor dem Trauma,
daß in ihrem Lande ein Präsident nicht integer sein
konnte? Daß in ihrem Amerika erstmals ein Präsident
während seiner Amtszeit abtreten mußte, weil er für
die Institutionen nicht mehr tragbar war?
Nixon hat die Macht gebraucht. Um sie zu erreichen, scheute
er keine Tiefschläge. Um sie zu bewahren, die Macht, die
er brauchte, hat er sie mißbraucht. Und die Macht hat
seine letzten Reserven an moralischer Kraft, die er noch haben
konnte, verbraucht.
Wer die Karriere Nixons zurückverfolgt, erkennt, daß
dieser Politiker so enden mußte, wie er nun endete. Der
Krug geht eben so lange zum Brunnen, bis er bricht.
Dieser Mann ist im Innersten gebrochen. Das Maß seiner
Taten ist voll. Jener „drittklassige" Einbruch ins
Watergate-Hotel hat ihm den Rest gegeben. Wer der ganzen Verzweigung
des Skandals einmal nachgeht, muß einsehen, daß
man auch das "schmutzige Geschäft" der Politik
nicht so bedrecken kann, wie er und seine Mannen dies taten.
Viele von diesen Getreuen standen und stehen vor Gericht oder
wurden bereits abgeurteilt. Nixon will man diese Schmach jetzt
ersparen. Ein Antrag läuft, daß er seine Immunität
auch nach der Abdankung behält. Dafür müßte
er aber endlich die Wahrheit, die ganze Wahrheit sagen, ansonsten
man ihn, wie gestern berichtet wurde, wegen mindestens zwölf
verschiedenen Straftaten anklagen müßte. Aber kann
Nixon wirklich die Wahrheit sagen?
Niemand weiß, wie die Watergate-Affäre abgeschlossen
wird, die heute Nacht ihren Höhepunkt, gleich einer klassischen
Tragödie, fand. Eines aber steht fest: Nixons Vergehen
ist vor allem ein moralisches. Statt sofort seine Schuld zu
bekennen und abzutreten, hat er das Volk zwei Jahre lang belogen
und betrogen. Nixon ist eben kein Willy Brandt, der abdankte,
weil er sich und seinem Volk eine moralische und politische
Krise ersparen wollte, durch die der Präsident der USA
seinem Lande einen ungeheueren Schaden zugefügt hat.
Natürlich wird man jetzt des "Toten" Verdienste
hervorheben, die besonders auf außenpolitischem Gebiete
liegen, und Nixon tat es selbst in seiner Abschiedsrede.
Aber nicht er war ihr Gestalter, sondern ein Mann, der aus ganz
anderem Milieu stammt: Kissinger, der Analyst der Rockefellerstiftung,
Schüler jener alteingesessenen Reichen der Ostküste,
die der Schriftsteller Carl Oglesby die "Yankees"
nannte, im Gegensatz zu den Neureichen des Südens und Westens,
den "Cowboys", zu denen Nixon gehörte ... Watergate
ist auch eine Episode im wirtschaftspolitischen Kampfe rivalisierender
Finanz- und Industriegrößen um die Kontrolle des
politischen Apparates!
Das "tageblatt" hatte immer eine kritische Haltung
zu Nixon und seiner Politik. Wir werden ihm nur so sehr nachtrauern,
wie er trauerte um die Folteropfer der griechischen Obristen,
oder um Allende und die Ermordeten jener chilenischen Junta,
die er und seine Leute an die Macht brachte und an der Macht
halten. Wir werden ihm so wenig nachweinen wie er weinte um
die toten Kinder von Pnom-Penh und Hanoi. |