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Zum 150. Geburtstag von Friedrich Nietzsche

„Ich bin die Einsamkeit als Mensch“





Friedrich Nietzsche

 

Gerne übernehme ich für diese Vorstellung Nietzsches den Titel eines Rezitationsabend, zusammengestellt und inszeniert von Gregor Edelmann, der am 14. Mai 1993 im Escher Theater eindrucksvoll von der unvergleichlichen Vera Oelschlegel, dieser feinsinnigen Dame des Theaters, dargeboten wurde.

Friedrich (Wilhelm) Nietzsche wurde am 15. Oktober 1844 in Röcken bei Lützen (Preußen) als Sohn eines evangelischen Pfarrers geboren, der schon 1849 durch „Gehirnerweichung“ (ärztliche Diagnose) starb. Nietzsche wuchs in einem Frauen-Haus auf und wurde von seiner Mutter, seiner Großmutter und zwei Tanten, zusammen mit seiner zwei Jahre jüngeren Schwester Elisabeth erzogen. Mit zehn Jahren beginnt er Kompositionsversuche.

An den Universitäten von Bonn und Leipzig studierte er klassische Philologie und Theologie. Mit 24 wurde er, ohne vorausgegangene Promotion und Habilitation, auf Empfehlung seines Lehrers Ritschl als Professor der klassischen Philologie an die Universität Basel berufen.

Nietzsche war Zeit seines Lebens von schlechter Gesundheit: ein Augenleiden und andauernde migränenhafte Kopfschmerzen plagten ihn und zwangen ihn 1879 zum Rücktritt. Danach folgten zahlreiche Kuraufenthalte in Sils Maria. 1882 lernte er Lou von Salomé, eine russische Schönheit, kennen und verliebte sich in sie. Es kam zum Bruch mit Mutter und Schwester, die ihn fast in den Selbstmord trieben. Zehn Jahre später erlitt er in Turin einen Zusammenbruch, der den Ausbruch seiner Krankeit: eine progressive Paralyse, anzeigt. Die letzten Lebensjahre verbrachte er in geistiger Umnachtung in Jena, in Naumburg (bei der Mutter) und Weimar (bei der Schwester), wo er am 25. August 1900 starb.


Die prägende Haßliebe zu Richard Wagner


Nietzsche wurde durch die griechische Kultur und Philosophie, insbesondere aber von Platon und Aristoteles beeindruckt. Hinzu kamen die Einflüsse der Evolutionstheorie und von Arthur Schopenhauer, sowie die Bekanntschaft und Freundschaft mit Richard Wagner im Jahre 1868, die ihn ebenso prägte wie der 1878 vollzogene Bruch mit ihm.

Den starken Einfluß Wagners zeigt bereits sein erstes Hauptwerk: „Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik, oder Griechentum und Pessimismus“ (1872), in dem sich Nietzsche von der Philologie abkehrt, um sich der Philosophie zuzuwenden, und in dem er ein der Klassik entgegengerichtetes Bild der griechischen Kultur entwickelt. In ihm führt er seine berühmte Unterscheidung ein zwischen dem „Apolloninischen“, oder rationalen Element in der menschlichen Natur, und dem „Dionysischen“, oder irrationalen, leidenschaftlichen Element. Wenn die beiden Prinzipien sich in der Kunst oder im Leben vereinen, erzielt die Menschheit eine verübergehende Harmonie mit dem Urgeheimnis. Dabei ist für Nietzsche der „dorisch dionysische“ Geist der „urbrüderlich Deutsche Geist“.

Die Liebe zu Wagner verkehrt sich in einen Haß ungeheueren Ausmaßes, als Nietzsche seinen Glauben, Wagner werde der Begründer einer neuen Epoche der europäischen Musik sein und die antike Tragödie im deutschen Geiste neu erstehen lassen, von diesem selbst zerstört sieht und Wagner verstärkt auf christliches Denkgut zurückgreift (cf. „Parsifal“): „Richard Wagner, scheinbar der Siegreichste, in Wahrheit ein morsch gewordenen, verzweifelnder décadent, sank plötzlich, hilflos und zerbrochen, vor dem christlichen Kreuze nieder...“ (Wie ich von Wagner loskam).

„Der Fall Wagner. Ein Musikantenproblem“ von 1888, „Götzen-Dämmerung, oder: Wie man mit dem Hammer philosophirt“ und „Nietzsche contra Wagner, Aktenstücke eines Psychologen“, die beide 1889 entstehen und seine letzten Arbeiten werden, gestalten sich zu einem immer verzweifelter werdenden Zeugnis dieses geistigen Bruches. Verehrung und Anbetung kehren sich in Verachtung und pamphletären Spott: „Wagnerianerei=Idiotie“.


Der Übermensch und der Wille zur Macht


Nach der dichterischen Gestaltung seiner philosophischen Gedanken in „Also sprach Zarathu­stra. Ein Buch für Alle und Keinen“ (1883-85), betrieb Nietzsche deren systematische Dar­stellung, die in vier Bänden mit dem Titel: „Der Wille zur Macht. Versuch einer Umwertung aller Werte“ erscheinen sollte, die er aber wegen seiner Erkrankung nicht mehr fertigstellen konnte. „Jenseits von Gut und Böse. Vorspiel einer Philosophie der Zukunft“ (1886) sollte dazu eine Einleitung sein. Weiter schrieb Nietzsche: „Unzeitgemäße Betrachtungen“ (1873-76), „Menschliches,Allzumenschliches. Ein Buch für freie Geister“ (1878-79), „Morgenröthe. Gedanken über moralische Vorurteile“ (1881), „Die fröhliche Wissenschaft“ (1882), „Zur Genealogie der Moral. Eine Streitschrift“ (1887), sowie die empirisch-polemischen Schriften: „Der Antichrist. Fluch auf das Christenthum“ (1888) und „Ecce Homo. Wie man wird, was man ist“ (1889).

Grundlage des Denkens von Nietzsche ist seine Überzeugung, daß die traditionellen Werte, wie sie an erster Stelle die „Mitleidsreligion des Christenthums“ verkörpert, ihren Einfluß auf das Leben des Einzelnen verloren haben, was er in seinem berühmten Ausspruch: „Gott ist tot!” zum Punkte bringt.

Diese traditionellen Werte stellen für ihn eine „Sklavenmoral“ dar, geschaffen von schwachen Menschen, die zu Milde und Güte aufrufen, weil dies ihren Interessen dient. Nietzsche verkündet, daß neue Werte geschaffen werden könnten, um die traditionellen abzulösen. Die Diskussion über solche Möglichkeiten führt ihn zum Begriff des „Übermenschen“.

Laut Nietzsche sind die Massen, die er als „Herde“ oder „Mob“ bezeichnet, traditionskonform, während der Übermensch, den er als zu erreichendes Ideal ansieht, ein in sich selbst ruhender, eigenständiger, völlig unabhängiger Individualist ist. Er ist ein starker Gefühlsmensch, der aber seine Leidenschaften der Kontrolle des Verstandes unterwerfen und schöpferisch zu nutzen weiß. Sein Tun und Denken konzentriert sich auf diese Welt, die wirkliche, und nicht auf eine jenseitige Welt, wie sie die Religion verspricht. Daher bejaht der Übermensch das Leben mitsamt Schmerz und Leid, da sie Begleiter der menschlichen Existenz sind. Er hat den Mut, „gefährlich zu leben“ und sich so über die Massen zu erheben.

So wird er ein Werte-Schöpfer, der Schöpfer einer „Herrenmoral“, die die innere Kraft und Unabhängigkeit desjenigen spiegeln, der befreit ist von allen metaphysischen Tröstungen und von allen Wertvorstellungen, außer denen, die er für gültig erachtet. Wie Goethes Faust, soll der Übermensch „jenseits von Gut und Böse“ leben.

Nietzsche vertritt die Überzeugung, daß alles menschliche Verhalten bedingt ist durch den Willen zur Macht, der in seinem positiven Sinn nicht Wille zur Macht über die andern bedeutet, sondern zur Macht über sich selbst, die erst schöpferische Tätigkeit ermöglicht.

Die Begriffe „Übermensch“ und „Wille zur Macht“ wurde oft mißdeutet als das Postulat zu einer „Meister-Sklave“-Gesellschaft und mit einer totalitären philosophischen Grundhaltung in Beziehung gebracht.

So ging das Nazi-Regime von einer solchen Fehlinterpretation von Nietzsches Werk aus, dies umso mehr als Nietzsches Schwester, seine Schriften, und zuerst seine Briefe fälschte, um ihre eigenen antisemitischen und nationalistischen Ideen zu verbreiten.

Nietzsche war der wohl sprachgewaltigste Dichter und Wortschöpfer der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, der die deutsche Literatur und Philosophie maßgeblich beeinflußte, weniger durch das eigentlich, an was er glaubte, als durch das, was er für die europäische Zivilisation voraussah. Er hat eine Gesellschaft vorausgesehen, die überzeugt ist, sie könne Wissenschaft, Technologie, Politik und Wirtschaft meistern, aber auch die Spannungen und Leidenschaften, welche sich an den Ideologien anzünden, und er hat Kriege prophezeit, „wie es keine vorher auf Erden gegeben hat“...

Seine singulären philosophischen Konzepte wurden von so bedeutenden Denkern wie Karl Jaspers und Martin Heidegger, dem jüdischen Philosophen Martin Buber oder dem Theologen Paul Tillich weitergeführt, aber auch die französischen Protagonisten des Existentialismus, Albert Camus und Jean Paul Sartre wurden davon in ihrem Denken und Schreiben geprägt.

Guy Wagner



© Guy Wagner, Tageblatt - 15.10.1994

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