Der Tod von Heiner Müller, am vergangenen Samstag, ließ Erinnerungen erneut wach werden, Bilder sich wieder beleben.
Es war am 10. Oktober 1989 zur Probe von „Quartett“, dem Zwei-Personen-Stück, das er auf der Grundlage der „Liaisons dangereuses“ von Choderlos de Laclos, geschrieben hatte und das im Escher Theater im Rahmen einer „Kulturwoche der DDR“ aufgeführt werden sollte. Über die „grüne Grenze“ in Ungarn aber waren der Regisseur Bernd Peschke und der männliche Darsteller Manfred Ernst in den Westen geflohen, und Vera Oelschlegel, die Prinzipalin des Theaters im Palast (TIP), welche die Rolle der Merteuil gestaltete, hatte den Autor gebeten, die Partie des Valmont lesend zu deuten, und so saß denn der sprachgewaltige Heiner Müller auf der leeren Bühne des Escher Theaters an einem Tisch, havannazigarrerauchend und whiskytrinkend, und knurrte seinen eigenen Text mit seinen Verschlüsselungen und seinen Verknappungen. Hinter ihm war ein Spiegel aufgestellt, der die Leere noch beklemmender machte, während Vera Oelschlegel in schwarzen Dessous ihr ironisch-verzweifelt durchlebtes „Glüüüücksgefühl“ vollmundig auskostete.
|
Heiner Müller im Escher "Theaterstiffchen"
Photo: Wolfgang Osterheld
|
Anderntags erlebte Esch einen Theaterabend, der Geschichte gemacht hat und von dem ZDF, S3 und RTL Zeugnis gaben, und in einer Pressekonferenz am 12. Oktober sagte Heiner Müller, er sei seit einer Woche nicht in seiner Heimat gewesen und wisse nicht mehr, was inzwischen dort geschehen sei; geradezu spannend werde es, in der DDR zu leben: „Mich interessiert die Zukunft der DDR mehr, wie immer sie aussehen wird, als die der Bundesrepublik, die durch das Geld berechenbar ist (...). Es gibt trotzdem einen Traum von einer anderen Welt, von einer Welt, wo Geld nicht der höchste und einzige Wert ist, und wenn man diesen Traum einmal geträumt hat, wird man ihn nicht los...“
Ein Jahr später gab es keine DDR mehr.
Heiner Müller wird im Rahmen einer fanatischen Säuberungskampagne, - wie sie nach 1945 für alte und weniger alte Nazis sträflich unterlassen worden war! - als „informeller Mitarbeiter“ des Staatssicherheitsdienstes denunziert. „Ich bin kein Katholik, und ich muß nicht beichten“, sagt er später, räumt solche Gespräche im Interesse seiner Kollegen ein, meint aber, er selbst sei immer der „potentielle Feind“ der Stasi gewesen und fügt hinzu: „Jeder ist schuldig.“
Diese Kampagne hat seiner angeschlagenen Gesundheit zugesetzt, während er sich mehr und mehr der praktischen Theaterarbeit widmet, etwa mit der achtstündigen „Hamletmaschine“-Gestaltung oder seiner tiefpessimistischen Bayreuther „Tristan und Isolde“-Inszenierung, die von einer Vernichtung durch die Kritiker begleitet war. Er tritt in das fünfköpfige Direktionsgremium des Berliner Ensembles ein, heiratet seine vierte Frau Brigitte Meier, wird Vater und erfährt von seiner Krebserkrankung (Kehlkopf; Speiseröhre). Dazu schreibt er einen seiner letzten Texte:
„Im Spiegel mein zerschnittener Körper. In der Mitte geteilt vor der Operation, die mein Leben gerettet hat. Wozu? Für ein Kind, eine Frau, ein Spätwerk. Leben lernen mit der halben Maschine. Atmen, essen, verboten die Frage ‘wozu?’, die zu leicht von den Lippen geht. Der Tod ist das einfache. Sterben kann ein Idiot.“
These und Antithese
Traumatisches Erlebnis ist für den Vierjährigen die Machtergreifung Hitlers geworden: „1933 am 31. Januar 4 Uhr früh wurde mein Vater, Funktionär der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands, aus dem Bett heraus verhaftet“ („Der Vater“, in „Germania Tod in Berlin“). Sein Vater schaut noch einmal in das Kinderzimmer herein: „Das ist meine Schuld. Ich habe mich schlafend gestellt. Das ist eigentlich die erste Szene meines Theaters.“ („Gesammelte Irrtümer“).
Seit diesem Augenblick lebt Heiner Müller mit einem geradezu physischen Ekel, sowohl vor der Gewalt der Mächtigen als auch vor der Feigheit der Ohnmächtigen, und so lehrt er in all seinen Stücken, daß es die Hoffnung auf eine bessere Zukunft nur gibt als Widerspruch gegen die „tatsächliche“ Geschichte und daß nicht kritische Distanz und Reflexion die Geschichte und Gegenwart begreifen lassen, sondern nur Furcht, Schrecken und Terror. Zudem weiß er: „DER TERROR, VON DEM ICH SCHREIBE, KOMMT AUS DEUTSCHLAND.“
In seinen Texten sagt er, wie es ist und wie es noch werden könnte, weil es seit undenklichen Zeiten schon so gewesen ist, und immer wieder sagt er auch, daß sich neue Kunstwerke nur auf „die vergangene Kunst“ beziehen können, auf „vorgeformtes Material“, und so sind denn auch sozusagen all seine eigenen Theater-Werke Bearbeitungen, Gegenentwürfe, Collagen, die konsequent auf der Sprache fußen. Nur die Sprache zählt, nicht die vermeintliche Handlung, denn die gibt es bei Heiner Müller kaum noch.
Seine frühen „Lehrstücke“, in der Nachfolge Brechts, beschäftigten sich mit dem Aufbau des Sozialismus in der DDR, doch schon in „Der Lohndrücker“ (1958 zusammen mit seiner ersten Frau Inge verfaßt, die sich 1966 das Leben nimmt!), führt Müller seinen revolutionären „Glauben“ an seine Grenzen, denn der „Held“ des Stückes verteidigt sogar die Denunziation des „Klassenfeindes“.
Im Sinne einer neuen sozialistischen Moral, wie es geheißen hat und mißverstanden wurde? Nein, mit der Zielsetzung, die Welt zu zeigen als das, was sie ist, - als ein Schlachthaus, in dem sich die Menschen verraten und gegenseitig umbringen.
In „Mauser“ von 1970, das bis zum Untergang der DDR nicht dort gespielt werden durfte, macht Müller deutlich: Die Revolution ist immer schwanger und gebiert immer Mörder. Noch schlimmer: Diese vergessen sich selbst in ihrer Terrorarbeit und verlieren so ihre Zielsetzung aus den Augen, und selbst die Diktatur des Kleinbürgers Stalin wird zur notwendigen Verlangsamung dessen, was der Autor „Posthistoire“ genannt hat, und auch der „neue Mensch“ wird wiederum ein Kleinbürger, und der Rest ist Verrat, im besonderen an der Revolution, ist Terror, und der Terror ist Kalkül, und das Leben ist ein nicht endenwollender Totentanz.
Macht und Ohnmacht
Den Terror hat er selbst erlebt in seiner Republik. 1961 wird er für die erste Fassung seiner „Umsiedlerin“ aus dem „Deutschen Schriftstellerverband“ der DDR ausgeschlossen. Die „Bauern“ werden abgesetzt, der „Bau“ wird 1965 auf dem Plenum der SED angegriffen, Müller wird von der Partei mit einem Bannfluch belegt und ausgeschlossen. Später aber wird er dann wieder als „Brecht-Nachfolger und sozialistischer Dramatiker von internationaler Wirkung“ gefeiert, und er, der als einer der ersten die Petition der Schriftsteller gegen die Ausbürgerung von Wolf Biermann unterzeichnet hat, wird von derselben DDR geehrt mit dem Lessing-Preis (1973), dem Kritikerpreis der „Berliner Zeitung“ (1970 und 1976) und dem DDR-Nationalpreis Erster Klasse (1986). Ein Jahr zuvor ist er mit dem bundesdeutschen Büchner-Preis ausgezeichnet worden, denn im Westen ist er inzwischen einer der beliebtesten und meistgespielten Autoren geworden. Seit dieser Zeit ist er, wie es in der „Hamletmaschine“ heißt: „ ...auf beiden Seiten der Front, zwischen den Fronten, darüber“.
Nach der deutschen Einheit, die für ihn keine „Vereinigung“, sondern eine „Unterwerfung“ ist und die ihm selbst aber, nach seinen eigenen Aussagen, „gut bekommen“ ist, wird er 1990 noch mit dem Kleist-Preis und 1991 mit dem Europäischen Theaterpreis ausgezeichnet.
Zu den vielen Ehrungen sagt er lakonisch: „Geld nehme ich immer. Geld schafft Freiheit!“, und man darf die Frage stellen, ob dieser Zynismus nicht schiere Verzweiflung ist.
Weil er sein Konfrontationsobjekt, die DDR, verloren hat, fällt ihm das Schreiben auch immer schwerer. 1992 gibt er noch ein Erinnerungsbuch heraus: „Krieg ohne Schlacht - Leben in zwei Diktaturen“, und ein neues Stück wollte er nun im Januar 1996 am Berliner Ensemble uraufführen, ein Stück, das über Hitler und Stalin geht und zu dem er durch einen Ausspruch Stalins angeregt worden ist: „Ich bin der unglücklichste Mensch der Welt! Ich habe Angst vor meinem eigenen Schatten!“
Damit ist Stalin für Heiner Müller „natürlich eine Shakespeare-Figur“.
Nach eigenem Wunsch wird er am 16. Dezember auf dem Berliner Dorotheen-Friedhof, wo auch Bert Brecht, Helene Weigel und Heinrich Mann liegen, begraben werden. Bis zu seinem 67. Geburtstag, am 9. Januar findet eine Marathonlesung seiner Texte im Berliner Ensemble statt.
Zum Abschied schrieb Heiner Müller mir damals, es sind knappe sechs Jahre her, in die „Revolutionsstücke“ lapidarisch: „No hope no despair“ und sagte am Flughafen: „Wir werden uns wiedersehen.“ Es sollte nicht sein.
Guy Wagner
|