Am 21. August
1967 wird Theodorakis verhaftet: »Mikis, du wirst sterben!«
- »Mikis, du erlebst jetzt deine letzten Augenblicke.«
- »Mikis, bist du tapfer?« Er wird sofort ins Gebäude
der Sicherheitspolizei ESA, die im Volksmund nur noch E-SS-A heißt,
gebracht, »um dort im vierten Stock in der Zelle No. 4 auf
Folter und Tod zu warten.«
»Endlich!«, soll Königin Friederike, die »Deutsche«,
dem Polizisten gesagt haben, der ihr mitten in der Nacht die Verhaftung
des Komponisten mitteilt. Hingegen sagt Charles Aznavour spontan
eine geplante Griechenlandtournee aus Protest gegen die Verhaftung
ab.
Eigentlich könnte ein so illustrer Gefangener für die
Obristen auch Anlass zum Triumph sein, Mikis aber wird für
sie zur Belastung. Die Welt kennt ihn; was ihm widerfährt,
interessiert die Menschen. Man kann deshalb nicht mit Siegesmeldungen
auftrumpfen. Man schweigt.
Nach draußen dringt kaum etwas, außer unzähligen
haltlosen Gerüchten. Der Gefangene selbst ist völlig
von der Aussenwelt abgeschnitten: »Erst am 4. September,
nach endlosen Tagen und Nächten in absoluter Isolierung,
erhalte ich Papier und Bleistift und schreibe in einem Zug zweiunddreißig
Gedichte.«
Vassilis Lambrou, der aalglatte Folterspezialist mit den Glacéhandschuhen,
fragt ihn aus. Lambrou, das Monster, das Theodorakis als »Suleiman
den Prächtigen« betitelt, verlegt ihn in die Zelle,
No.1, genau unter die »Terrasse«, wo gefoltert wird.
»Das Schreien kommt aus der Rauschgiftabteilung. Es handelt
sich um Süchtige, die wir schlagen müssen, weil sie
sonst nicht sagen, wo sie das Heroin und das übrige Zeug
versteckt haben. Schließlich müssen wir die Gesellschaft
schützen«, sagt ihm Lambrou.
Sein Zellengenosse, Dimitris, der ihn während der Untergrundzeit
von einem Versteck zum andern brachte, weiß aber, was geschieht.
Es wird gefoltert.
»Wir zählen die >Falanga<-Schläge. >Schreib
auf<, sage ich zu Dimitris. >Tag, Monat, elf Uhr 15: 180
Schläge< ( ... ) Ich erinnere mich, dass ich auf Makronissos,
abends nach den Folterungen, auf dem Bett im Lazarett lag und
voll Bitterkeit feststellte: Was reden wir uns und auch den anderen
für Lügen ein! Seelisches Leiden! Moralisches Leiden!
Geistiges Leiden! Das sind bloß Wörter. In Wirklichkeit
gibt es nichts Schlimmeres, nichts Peinvolleres, nichts Realeres
als den ganz gewöhnlichen körperlichen Schmerz.«