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"Melusina" von Camille Kerger und Nico Helminger

Wessen Zeugen sollen wir sein?


Als Transvestiten mit Perücke und Silberschuhen treten sie auf, Christian Kmiotek und Claude Mangen, der “Dicke” und der “Dünne”, Laurels und Hardys von heute.

Nach Helminger, dem Textautor von „Melusina“, tragen sie zwar eine “drag-queen-kluft”, dafür aber keine Namen in einer Welt namenlosen Elends. Sie sind nur “a” und “b”.

Sie haben bis in die Morgendämmerung hinein gefeiert, dem Leben gehuldigt, ehe es wieder an die Arbeit geht, eine Arbeit, für die kein Mangel an Nachschub besteht. Sie sind “zwei Leichenwäscher”.

“willst du etwa unsere toten warten lassen?”

So treten wir in das “Vorspiel” zu einer ... Oper ein, und dieses “Vorspiel” reizt zum Lachen, fordert unsere Fragen heraus, vor dem eisernen Vorhang, auf den gesprüht steht: “Mir wölle bleiwe wat mir sin”. Luxemburgisch hört man allerdings keines auf der Bühne. Helmingers Text über unsere Nationalheilige Melusina ist auf deutsch, und Melusina taucht nachher auf am “rande der völker, mittendrin, früher und heute”, – und wir sind tatsächlich da angekommen, wo wir nie hinwollten!

Mit Leichen wollen wir eigentlich nichts zu tun haben, vor allem auch nichts mit zwei Kerlen, wie diesen da, die das Leichentuch von einer Bahre herunterreißen und es als Tischtuch benutzen, denn, – nicht wahr? – das Leben geht ja weiter, und wenn man Hunger hat, sollte man essen können, und wenn man schon erzählt, wie man als “Befreier” zwischen Toten aufgetaucht ist, darf der Partner als “Tagebuchschreiber” (nota bene: “das höchste was man damals als privater erreichen konnte”!) sich dabei auch Menüs à la Bocuse vorstellen, bevor man an der Leiche herumfummelt; bevor man sie wiedererkennt; bevor man sich dann gegenseitig anrempelt; bevor man sich mit der Waffe bedroht, und bevor man sich auch noch Fragen stellt über eine gewisse Melusina...

... “die fischschwanzfrau des verrückten”

Die Musik beginnt, das „Vorspiel“ löst sich auf, mit dem, was die beiden sich und uns „vorgespielt“ haben, brillant im Spiel, meisterlich im sprachlichen Duktus, hinreißend in jenem von Helminger so kunstvoll geschaffenen Sprachgewirr, das sozusagen das szenische Spiel bedingt, als Echo aus zahlreichen Sprach-Ebenen widerhallt und einen der dichtesten, der poetischsten, der eindringlichsten Texte seit langem hinterläßt. Ich konnte nicht umhin, dabei an einen anderen dichtgedrängten dichterischen Text zu einem anderen Höhepunkt des Kulturjahres zu denken, an “Le Théorème de Pythagore” von Jean Portante. 1995 haben uns Portante und Helminger neue Perspektiven der Sprache und des Sprachlichen auf der Bühne und für die Bühne eröffnet.

Dieser wundersam eindringlichen Sprach-Fügung antwortet nun eine ebenso feine, differenzierte, aufs Äußerste nüancierte Musik von Camille Kerger.

Im Orchestergraben sind 16 Musiker. Martine Roster spielt Piccolo, Flöte, Alt-Flöte, Baß-Flöte, Jean-Paul Hansen spielt Oboe und Englisch-Horn, Marcel Lallemang Klarinette und Kontrabaß-Klarinette, Stephane Gauthier Cehvreux Fagott und Kontrafagott, Pierre Kremer Trompete und Flügelhorn, Ester Szathmárj Horn, Marc Meyers, Posaune, Klaus-Peter Bungert Klavier, Peter Kovacs und Sabine Nivarlet Geige, Annabelle Dodane Bratsche, Henri Foehr Violoncelle, Änder Kieffer, Kontrabaß und Boris Dinev, Serge Kettenmeyer und Guy Frisch sind am komplexen Schlagzeuginstrumentarium.

Allein die Namen sagen die “Multikulturalität” dieses Projektes. Sie machen aber auch schon die Qualität des Spieles einsichtig. Sicher, souverän und engagiert geleitet vom Komponisten, schaffen sie eine musikalische Welt, ein kleines Universum, wobei der immens komplexen und gleichzeitig immer durchsichtigen Rhythmik im Ablauf des sprachlich-dramatischen Prozesses eine besondere Intensität zukommt.

So erhält jede Szene ihre sehr persönliche, sehr charakteristische Musik und dadurch auch ihre “Färbung”, und bewußt ist mir nur eine Thematik wiederholt worden. Die Einleitungsmusik taucht wieder auf, als die “Traumszene” zu Ende ist, und die reale Welt des Bühnengeschehens, die Welt des Todes und der Verwüstung, sich wieder durchsetzt.

Daß Kerger für die Stimme zu schreiben versteht, wurde immer wieder deutlich.

Das Melodische fließt mit einem faszinierenden Selbstverständnis, und mit einem solchen Selbstverständnis wurde es auch geboten, wobei man nur bewundern konnte, wie sehr der Theaterregisseur Frank Hoffmann aus seinen fünf Sängern auch Schauspieler zu machen wußte, und dieser Leistung tat es keinen Abbruch, wenn nicht alle Worte des nun in freien Versen fließenden Textes zu verstehen waren, aber wer versteht schon jedes Wort etwa bei einer Wagner-Oper?

“kein traum kein schlaf, asche nur...”

Diese Referenz geschieht bewußt: Der eiserne Vorhang hebt sich über einem abgedunkelten meisterlich gestalteten Bühnenbild und der beklemmenden Lichtszenerie von Jean Flammang, für die eine schon unmerkliche Veränderung genügt, um eine neue Dramatik zu suggerieren, und in ihrer Kleidung erinnern die herannahenden Gestalten des Sigfrid (Alain Clément) und des Adam “mit Feldstecher” (Michael Haag) an Nibelungen-Figuren bei Harry Kupfer.

“Walhall” ist abgebrannt, und was das Feuer nicht verzehrt hat, hat das Wasser weggeschwemmt. Einige riesige Felsbrocken liegen noch herum, vorne aber ist ein Glücksspiel geblieben, des “schicksals grimmiger spott”, wie die “Frau auf der Flucht” (Thaïs Thordaï) meint, welche mit Melusina (Birgit Beckherrn) auftaucht und ihr “Glück” daran versuchen will.

“ich will eure vergebung nicht”

So stehen sich zwei Paare von Irrenden gegenüber, doch sie kennen “es nicht wieder, dieses stück erde, das einst wir heimat nannten” und irren daher weiter, ruhelos.

Es ist ein Niemands-Land, das niemanden mehr gehört, und um das doch immer wieder Blut vergossen wird. Es ist Bosnien in Ex-Luxemburg.

Wie in Bosnien wird die Eroberung eines jeden Steines mit Blut erkauft, und so können die Steine denn auch im Traume blutrot aufleuchten.

Und da es auch keine Versöhnung mit dem brudermordenden “Retter” Geoffroy (Christophe Einhorn) gibt, bleibt jeder für sich allein, und dieser Eindruck von Einsamkeit und Leere, von Zerstörung und Selbstzerstörung führt das Werk zum ergreifend-eindringlichen Monolog der Melusina, den Kerger musikalisch besonders fein abgestimmt hat, zum wehmütig verklingenden Schluß:

“die flammen schwärzen den himmel,
die flammen fressen die gebete,
im schwarzen licht
verlieren die worte
ihren sinn...”

Er hätte genügt. Doch Frank Hoffmann, der brillante, der visionäre Regisseur, der das Dramatische meisterlich in Bilder umzusetzen versteht, hat gemeint, den Schluß des Vorspiels zu einem Nachspiel werden zu lassen, damit Helmingers ironische Formel: “kein zweifel. die menschheit wird immer besser”, stärker zum Tragen komme.

Er mag seine Gründe haben, andere mögen sie auch annehmen; ich hätte aber die Klage der Melusina in ihrer ergreifenden Traurigkeit als die bessere „enderlösung“ (Helminger) angesehen, denn immerhin haben wir es mit einer musikalischen Tragödie zu tun, einer authentischen Kammeroper.

Guy Wagner


© Guy Wagner, kulturissimo (Tageblatt) - 6.12.1995

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