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Als
Transvestiten mit Perücke und Silberschuhen treten sie auf,
Christian Kmiotek und Claude Mangen, der “Dicke” und der “Dünne”,
Laurels und Hardys von heute.
Nach
Helminger, dem Textautor von „Melusina“, tragen sie zwar eine
“drag-queen-kluft”, dafür aber keine Namen in einer Welt
namenlosen Elends. Sie sind nur “a” und “b”.
Sie haben
bis in die Morgendämmerung hinein gefeiert, dem Leben gehuldigt,
ehe es wieder an die Arbeit geht, eine Arbeit, für die kein Mangel
an Nachschub besteht. Sie sind “zwei Leichenwäscher”.
“willst du
etwa unsere toten warten lassen?”
So treten wir
in das “Vorspiel” zu einer ... Oper ein, und dieses “Vorspiel” reizt
zum Lachen, fordert unsere Fragen heraus, vor dem eisernen Vorhang, auf
den gesprüht steht: “Mir wölle bleiwe wat mir sin”.
Luxemburgisch hört man allerdings keines auf der Bühne.
Helmingers Text über unsere Nationalheilige Melusina ist auf
deutsch, und Melusina taucht nachher auf am “rande der
völker, mittendrin, früher und heute”, – und wir sind
tatsächlich da angekommen, wo wir nie hinwollten!
Mit Leichen
wollen wir eigentlich nichts zu tun haben, vor allem auch nichts mit
zwei Kerlen, wie diesen da, die das Leichentuch von einer Bahre
herunterreißen und es als Tischtuch benutzen, denn, – nicht wahr?
– das Leben geht ja weiter, und wenn man Hunger hat, sollte man essen
können, und wenn man schon erzählt, wie man als “Befreier”
zwischen Toten aufgetaucht ist, darf der Partner als
“Tagebuchschreiber” (nota bene: “das höchste was man damals
als privater erreichen konnte”!) sich dabei auch Menüs
à la Bocuse vorstellen, bevor man an der Leiche herumfummelt;
bevor man sie wiedererkennt; bevor man sich dann gegenseitig anrempelt;
bevor man sich mit der Waffe bedroht, und bevor man sich auch noch
Fragen stellt über eine gewisse Melusina...
...
“die fischschwanzfrau des verrückten”
Die Musik
beginnt, das „Vorspiel“ löst sich auf, mit dem, was die beiden
sich und uns „vorgespielt“ haben, brillant im Spiel, meisterlich im
sprachlichen Duktus, hinreißend in jenem von Helminger so
kunstvoll geschaffenen Sprachgewirr, das sozusagen das szenische Spiel
bedingt, als Echo aus zahlreichen Sprach-Ebenen widerhallt und einen
der dichtesten, der poetischsten, der eindringlichsten Texte seit
langem hinterläßt. Ich konnte nicht umhin, dabei an einen
anderen dichtgedrängten dichterischen Text zu einem anderen
Höhepunkt des Kulturjahres zu denken, an “Le
Théorème de Pythagore” von Jean Portante. 1995 haben uns
Portante und Helminger neue Perspektiven der Sprache und des
Sprachlichen auf der Bühne und für die Bühne
eröffnet.
Dieser
wundersam eindringlichen Sprach-Fügung antwortet nun eine ebenso
feine, differenzierte, aufs Äußerste nüancierte Musik
von Camille Kerger.
Im
Orchestergraben sind 16 Musiker. Martine Roster spielt Piccolo,
Flöte, Alt-Flöte, Baß-Flöte, Jean-Paul Hansen
spielt Oboe und Englisch-Horn, Marcel Lallemang Klarinette und
Kontrabaß-Klarinette, Stephane Gauthier Cehvreux Fagott und
Kontrafagott, Pierre Kremer Trompete und Flügelhorn, Ester
Szathmárj Horn, Marc Meyers, Posaune, Klaus-Peter Bungert
Klavier, Peter Kovacs und Sabine Nivarlet Geige, Annabelle Dodane
Bratsche, Henri Foehr Violoncelle, Änder Kieffer, Kontrabaß
und Boris Dinev, Serge Kettenmeyer und Guy Frisch sind am komplexen
Schlagzeuginstrumentarium.
Allein die
Namen sagen die “Multikulturalität” dieses Projektes. Sie machen
aber auch schon die Qualität des Spieles einsichtig. Sicher,
souverän und engagiert geleitet vom Komponisten, schaffen sie eine
musikalische Welt, ein kleines Universum, wobei der immens komplexen
und gleichzeitig immer durchsichtigen Rhythmik im Ablauf des
sprachlich-dramatischen Prozesses eine besondere Intensität
zukommt.
So erhält
jede Szene ihre sehr persönliche, sehr charakteristische Musik und
dadurch auch ihre “Färbung”, und bewußt ist mir nur eine
Thematik wiederholt worden. Die Einleitungsmusik taucht wieder auf, als
die “Traumszene” zu Ende ist, und die reale Welt des
Bühnengeschehens, die Welt des Todes und der Verwüstung, sich
wieder durchsetzt.
Daß
Kerger für die Stimme zu schreiben versteht, wurde immer wieder
deutlich.
Das Melodische
fließt mit einem faszinierenden Selbstverständnis, und mit
einem solchen Selbstverständnis wurde es auch geboten, wobei man
nur bewundern konnte, wie sehr der Theaterregisseur Frank Hoffmann aus
seinen fünf Sängern auch Schauspieler zu machen wußte,
und dieser Leistung tat es keinen Abbruch, wenn nicht alle Worte des
nun in freien Versen fließenden Textes zu verstehen waren, aber
wer versteht schon jedes Wort etwa bei einer Wagner-Oper?
“kein
traum kein schlaf, asche nur...”
Diese Referenz
geschieht bewußt: Der eiserne Vorhang hebt sich über einem
abgedunkelten meisterlich gestalteten Bühnenbild und der
beklemmenden Lichtszenerie von Jean Flammang, für die eine schon
unmerkliche Veränderung genügt, um eine neue Dramatik zu
suggerieren, und in ihrer Kleidung erinnern die herannahenden Gestalten
des Sigfrid (Alain Clément) und des Adam “mit Feldstecher”
(Michael Haag) an Nibelungen-Figuren bei Harry Kupfer.
“Walhall”
ist abgebrannt, und was das Feuer nicht verzehrt hat, hat das Wasser
weggeschwemmt. Einige riesige Felsbrocken liegen noch herum, vorne aber
ist ein Glücksspiel geblieben, des “schicksals grimmiger
spott”, wie die “Frau auf der Flucht” (Thaïs Thordaï)
meint, welche mit Melusina (Birgit Beckherrn) auftaucht und ihr
“Glück” daran versuchen will.
“ich
will eure vergebung nicht”
So stehen sich
zwei Paare von Irrenden gegenüber, doch sie kennen “es nicht
wieder, dieses stück erde, das einst wir heimat nannten” und
irren daher weiter, ruhelos.
Es ist ein
Niemands-Land, das niemanden mehr gehört, und um das doch immer
wieder Blut vergossen wird. Es ist Bosnien in Ex-Luxemburg.
Wie in Bosnien
wird die Eroberung eines jeden Steines mit Blut erkauft, und so
können die Steine denn auch im Traume blutrot aufleuchten.
Und da es auch
keine Versöhnung mit dem brudermordenden “Retter” Geoffroy
(Christophe Einhorn) gibt, bleibt jeder für sich allein, und
dieser Eindruck von Einsamkeit und Leere, von Zerstörung und
Selbstzerstörung führt das Werk zum ergreifend-eindringlichen
Monolog der Melusina, den Kerger musikalisch besonders fein abgestimmt
hat, zum wehmütig verklingenden Schluß:
“die
flammen schwärzen den himmel,
die
flammen fressen die gebete,
im
schwarzen licht
verlieren
die worte
ihren
sinn...”
Er hätte
genügt. Doch Frank Hoffmann, der brillante, der visionäre
Regisseur, der das Dramatische meisterlich in Bilder umzusetzen
versteht, hat gemeint, den Schluß des Vorspiels zu einem
Nachspiel werden zu lassen, damit Helmingers ironische Formel:
“kein zweifel. die menschheit wird immer besser”, stärker zum
Tragen komme.
Er mag seine
Gründe haben, andere mögen sie auch annehmen; ich hätte
aber die Klage der Melusina in ihrer ergreifenden Traurigkeit als die
bessere „enderlösung“ (Helminger) angesehen, denn
immerhin haben wir es mit einer musikalischen Tragödie
zu tun, einer authentischen Kammeroper.
Guy
Wagner
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