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"Zeitung": "Les Cyranos" (Lycée Technique des Arts et Métiers):

Jean Anouilh: „Antigone“

Ein atemberaubend intensive Aufführung


Probenphoto, Kevin Erickson

Jean Anouilh’s „Antigone“ von einer Schüler- also Laientruppe aufführen zu lassen, stellt schon eine große Herausforderung dar. Dieses Stück – das im Gegensatz zu Sophokles’ Klassiker, der die Widersprüche zwischen dem Willen der Götter und den Menschen so wie die Unentrinnbarkeit des menschlichen Schicksals thematisiert – ist bewusst der europäischen, individualisierenden Moderne zugeordnet: Es behandelt den Aufstand des Individuums gegen ein irrsinniges und unmenschliches Gesetz, gegen die Tyrannei und Arroganz der Macht. Anouilh zeigt uns in „Antigone“ eine Titelheldin, die sich gegen das Bestehende und Überlieferte, gegen die Unmenschlichkeit, die herrschende Meinung stellt und erst in dieser Opposition, in dieser Rebellion zu sich selber kommt. Wenn sie den Tod als einzigen Ausweg sieht, dann als reale Sinngebung ihrer bislang absurden Existenz.
Anouilh’s Meisterwerk stellt dabei sehr hohe Anforderungen an die Schauspielerinnen und Schauspieler, es verlangt ein solides Metier und eine gewisse Bühnenerfahrung. Die ambivalenten Charaktere entwickeln sich innerhalb des Stückes mit atemberaubenden inneren Tempo und, obwohl der Rhythmus des Stückes eher klassisch zurückhaltend ist, muss das Ensemble die inneren Entwicklung der Handelnden und die Mehrdeutigkeit und Ambivalenz der Handlungsweisen der Protagonistinnen und Protagonisten nuanciert – und dialektisch überzeugend! – darlegen. In der Tat ist bei Anouilh Créon kein grausamer Tyrann, sondern ein Pragmatiker, der die Welt aus der Absurdität in eine menschlichere Ordnung führen will und deshalb das Gesetz ohne Rücksicht anwenden will. Der zentrale Dialog zwischen Antigone und Créon ist ein Meisterwerk dramaturgischer Literatur, aber er verlangt von den Darstellern einen vollen Einsatz ihrer Fähigkeiten, ein ungeteiltes Engagement und eine innere Anteilnahme, die allzu oft auch großen Schauspielerinnen und Schauspielern abgeht.
Nun kann mit Fug und Recht behauptet werden, dass das Wagnis, das die beiden Regisseure, Guy Wagner und Jacqueline Weber-Hengen, mit dem Ensemble des LTAM eingegangen sind – ein Stück zu spielen, das Jugendliche direkt anspricht und berührt und dabei ihnen gleichzeitig die Fähigkeiten zu vermitteln, dieses Engagement darstellerisch umzusetzen – geglückt ist: Ich habe noch keine derart atemberaubend intensive Aufführung dieses Stückes gesehen. Das gesamte Ensemble spielt mit einer Hingabe, mit einer zurückhaltenden, sehr essentiellen Mimik und Gestik, mit einer inneren und physischen Oberzeugung, die einem den Atem verschlagen kann. Conny Waldbillig als Titelheldin, Carole Doffing als Ismène, Claude Sartorius als Créon und Chantal Schroeder als Amme – um nur diese hervorzuheben: In der Tat ist das gesamte Ensemble hervorragend! – haben in der Aufführung, die ich gesehen habe, das Format von Vollblutschauspielerinnen/schauspielern erreicht.

Guy Wagner und Jacqueline Weber-Hengen haben dabei eine sehr intensive, kompakte, reflexive, klassisch-lineare, rhythmisch stringente, voll auf die Macht des Wortes setzende Inszenierung vorgelegt, die die inneren Entwicklungsstränge und Widersprüche der Charaktere sehr gut hervorgehoben hat. Auf jedwede überflüssige Mätzchen verzichtend, haben sie szenologisch einen sehr klassischen Weg nahezu spartanischer Direktheit beschritten, der mit eindrucksvollen Bildern und mit ausdrucksvollen Momenten höchster Konzentration auf das Wesentliche von Inhalt und Sprache aufwarten konnte. Fast professionell haben sich die Jugendlichen diesem äußerst anspruchsvollen dramaturgischen und szenologischen Tempo angepasst.

Ein monochrom weißes, sehr minimalistisches Bühnenbild, eine sehr intelligente expressive Beleuchtung, die die etwas mangelhafte räumliche Beschaffenheit der Bühne voll ausnutzte und dabei vergessen ließ, so wie selbstverständlich die berührende und aufrüttelnde Musik von Altmeister Mikis Theodorakis haben entschieden dazu beigetragen, diese Aufführung zu einem, in der ersten Bedeutung des Begriffs, erschütternden Theatererlebnis werden zu lassen.

Ein Wort noch über Guy Wagners Übersetzung der Textvorlage ins Luxemburgische: Dem Übersetzer ist es gelungen, Rhythmus, Sprache, Poesie und Intensität des Anouilhschen Meisterwerkes adäquat, mit Eleganz, Stringenz und einer übersetzerischen Freiheit, die das Original nicht verriet, aber der Struktur und dem Duktus des „Lëtzebuergischen“ gerecht wurde, in unsere Sprache zu übertragen, was, bei der Materie, in der Tat kein leichtes Unterfangen ist. Er hat dazu einen leicht ironischen Unterton gefunden, der ohne weiteres glauben machen kann, das Stück sei ursprünglich in der Luxemburger Sprache verfasst worden. Vor allem der zentrale Dialog zwischen Créon und Antigone darf ohne Übertreibung als Meisterwerk stringenter Übersetzung angesehen werden.

Bleibt an dieser Stelle noch darauf hinzuweisen, dass diese atemberaubend intensive Version von Anouilh’s „Antigone“ im Herbst auf Tounee gehen wird: Versäumen sollte man diese Aufführungen auf keinen Fall!


Robert Medernach

ZEITUNG VUM LETZEBUERGER VOLLEK, 15.7.1999


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