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Erinnerung an Schuberts Tod

Guy Wagner erhielt den nationalen Literaturpreis für „Winterreise. Roman“

 

Es gibt Momente in der Luxemburger Öffentlichkeit, in denen sich die Politik zurückziehen sollte, Platz machen sollte, nicht versuchen sollte, etwas einzuleiten, was sich auf der Ebene der dichterischen Sensibilität, oder auch der literarischen Sozialkritik abspielt. Es gibt Momente, in denen die Politik vielleicht ganz einfach still und respektvoll umgehen sollte mit jenen literarischen Fäden, die auch in Luxemburg gesponnen werden, und die Wege zeigen in andere Zeiten und andere Menschenleben, und dabei auch immer einen Umweg über uns selbst machen, über das, was in uns vorgeht und von der Literatur oder der Dichtung berührt wird.


Der Österreichische Botschafter S.E. Walter Hagg und Guy Wagner bei der Lesung
(Photo: Ariel Wagner-Parker)

Bei der Literatur empfiehlt sich also seitens der Politik Bescheidenheit, Anhalten, Zuhören, sich Einlassen auf die Wege der Spiritualität, der Philosophie, des Nachdenkens über den Sinn des Lebens, über den Schmerz verschiedener Menschenleben, die in einem literarischen Werk angedeutet oder beschrieben werden.

Es wäre also besser gewesen, den Autoren, den diesjährigen Gewinnern des Literaturwettbewerbs, anlässlich der Preisverleihung im Merscher Literaturzentrum das Wort möglichst schnell weiterzugeben; leider las Guy Wagner, der Hauptgewinner, erst zum Schluss der Veranstaltung, so dass die Zuhörer lange warten mussten auf den, der uns an diesem Abend am meisten zu sagen hatte.

26. Ausgabe des Literaturwettbewerbs

Guy Wagner bekam für seine Schubert-Biographie „Winterreise. Roman“ den ersten Preis, Mario Fioretti für „Der Vortrag“ den zweiten Preis, und Anne Denoël für „La nuit coule doucement, je ne dors pas…“ den dritten Preis. Eine „Mention Spéciale“ wurden an Corinne Bauer, André Link und Judith Schweizer-Marx vergeben.

Es handelte sich bei den preisgekrönten Romanen um zwei deutsche und einen französischen Beitrag zum nationalen Literaturwettbewerb 2004, welcher, wie Germaine Goetzinger unterstrich, die 26. Ausgabe des Wettbewerbes gewesen ist, der durch eine Initiative von Amnesty International 1978 ins Leben gerufen und danach vom Staat weitergeführt wurde. Ziel des nationalen Literaturpreises ist es, auch unentdeckten Literaturtalenten Gelegenheit zu bieten, den Weg in die Öffentlichkeit zu finden.

Anlässlich des Literaturwettbewerbs von 2004 wurden 41 Beiträge ins Kulturministerium geschickt, davon 19 in deutscher, 4 in englischer, 14 in französischer und 4 in luxemburgischer Sprache.

Die Lesung der Autoren wurde vom Ensemble Garlics musikalisch umrahmt, und eine literarische Stimmung konnte auf Anhieb entstehen, glücklicherweise, führten doch die drei Gewinner in ihre ureigenen künstlerischen Welten.

Anne Denoël las ein Kapitel aus ihrem Roman, führte damit nach Indien, und offenbarte sich von ihrer Biographie her als kosmopolitisch und weltoffen. Ausserdem erscheint sie als Belgierin als gutes Beispiel einer gelungenen Integration in der Luxemburger Kulturszene.

Mario Fioretti, Germanist und Mitarbeiter des Literaturzentrums, führte uns mit „Der Vortrag“ in eine satirische Welt, in der Gelehrte und Möchtegerngelehrte auf die Schippe genommen werden, als schrullige und weltfremde Gestalten dargestellt werden, und in dem also traditionelle Vorgehens- und Denkweisen in der Wissenschaft in Frage gestellt werden.

Schubert, der Schnee und der Leiermann

Guy Wagner offenbart uns seinerseits in „Winterreise.Roman“ die Lebensgeschichte Franz Schuberts, führte uns anlässlich der Preisverleihung in dessen Totenstube, und erstaunlicherweise in ein Nachwort zu Schuberts Tod, ein dichterisches Nachwort, in dem Schubert in eisiger Kälte einem Leiermann begegnet und auf der letzten Seite des Romans seine ganze Lebensgeschichte noch einmal auf poetische Weise dargestellt wird. Es sind also zwei Texte über die Kippe des Lebens, die hier gelesen wurden, über die konkreten Umstände des Todes jenes Musikers, der hart vom Leben gezeichnet wurde, war er doch an Syphilis und an Typhus erkrankt.

Wagners Werk ist jedoch nicht nur eine sensible Biographie des Musikers Franz Schubert, sondern auch ein moderner Roman, in dem geschlechtsspezifische Analysen von Männer- und Frauenleben am Anfang des neunzehnten Jahrhundert präsentiert werden. Die Vorgehensweise würde man heute als „gender“ beschreiben, bringt sie uns doch die Erlebniswelten von Männern und Frauen näher, wobei hier ein Männerleben, welches von der Liebe zur Musik, jedoch auch von einer Geschlechtskrankheit gezeichnet war, sehr eindringlich dargestellt wird und seine Spuren in unserer Erinnerung hinterlassen wird.

© Colette Mart, Journal, 2005 - zurück Mikis Theodorakis

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