Sie fügt sich in die jetzige, melancholische Jahreszeit ein, jene „Winterreise“, auf die uns Guy Wagner in seinem nächste Woche preisgekrönten Roman mitnimmt.
Am Mittwoch wird nämlich der nationale Literaturpreis in Mersch an diesen Autor vergeben, der mit „Winterreise“ zuerst einmal sich selber treu bleibt, offenbart er uns doch jene Welt der Musik, die ihm stets am Herzen lag und in der er auch zu den herausragenden Kompetenzen in unserem Land zählt. Er bleibt sich jedoch auch treu in der Art und Weise, wie er Menschen beschreibt, wie er an sie herangeht, sich in sie hineinfühlt.
Mit seiner „Winterreise“ führt Guy Wagner uns in die Lebensgeschichte Franz Schuberts; vor dem Leser öffnet sich ein schwieriges soziales Umfeld, nämlich jenes der Arbeitervororte in Wien am Anfang des neunzehnten Jahrhunderts. Wagner zeigt Schubert in seinem alltäglichen Umfeld, in einem Elternhaus, wo er unter der Fuchtel eines autoritären Vaters steht und leidet, und in dem die Mutter durch unzählige Schwangerschaften gebrochen wird; in der die kleinen Kinder massenweise sterben, in dem die Frauen also buchstäblich kleine Engel auf die Welt setzen, die kaum Überlebenschancen haben. Auch wütet in Wien die Diktatur, zeitweilig der Krieg, Krankheiten und Seuchen, und auch Gesetze, denen es Menschen wie Schubert unmöglich machen, auf die eigenen Füße zu fallen. Schubert gehört als freischaffender Musiker nicht einmal zu jener Kategorie von Menschen, die heiraten dürfen, und in einem Wiener Bordell zieht er sich dann die Syphilis zu, die ihm mit dem Typhus schlussendlich, in recht jungen Jahren zum Verhängnis werden wird, stirbt er doch im Alter von 31 Jahren nach unsäglichen, jahrelangen Qualen und schweren Behandlungen.
Es ist eine tragische Geschichte, die uns hier erzählt wird, warmherzig und doch sehr spannend geschrieben, weil nämlich hier ein junger Mensch dargestellt wird, der ein Talent hat, der sich dem eigenen Vater widersetzen musste, um diesem Talent überhaupt nachgehen zu können, der den Vater von klein auf völlig ablehnt, der auch eine kritische Distanz zur Kirche und zur Zensur seiner Zeit hat, der aber trotzdem in dieser Gesellschaft zurecht kommen muss, überleben muss, Geld verdienen muss, von der damaligen Schmach, die eine Geschlechtskrankheit bedeutete, begleitet.
Guy Wagners Verdienst ist es, sich in die Gefühlswelt Schuberts hineinversetzt zu haben, also die Psychologie, und auch die Entwicklung des Musikers Schubert zu schildern, und trotzdem zahlreiche interessante Informationen über eine Zeit zu vermitteln, die wir zwar aus dem Geschichtsbuch kennen, die aber in „Winterreise“ zu leben beginnt. Man hört den Puls des alten Wiens schlagen, man sieht Franz Schubert zwischen seinen Dämonen seinen Weg suchen und seine Werke entstehen; man sieht, wie ein Mensch, der der Menschheit über Jahrhunderte unendlich viel gebracht hat, zum Opfer seiner eigenen Zeit wurde, deren sozialer Missstände, deren Zensur und deren unmenschlicher Gesetze.
Dass ein solches Werk hier in Luxemburg geschrieben wurde, ist ermutigend, sowohl für die Luxemburger Literatur, als auch für eine Weltoffenheit und eine Sensibilität, die auf diese Weise von unserem kleinen Land ausgehen kann und hoffentlich den Weg in die großen Buchhandlungen Europas finden wird.
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