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Interview mit Christa Ludwig und Walter Berry

Guy Wagner

In einem abgelegenen Park, im Schatten der Salzburg umgebenden Berge, verbringt das Künstlerehepaar Christa Ludwig-Walter Berry seine Salzburger Tage. Ihr Haus, ein „Schlößchen des Ochs von Lerchenau", wie Walter Berry meinte, schenkt ihnen die Ruhe, Einsamkeit und Entspannung, die für Künstler notwendig ist nach den Strapazen der Proben und Auftritte.
Wir sitzen im Salon, versunken in dicken Sesseln. Herr Kammersänger und Frau Kammersängerin boten einen Trunk an, bedauerten, daß sie nicht sehr lange Zeit hätten, das Auto mußte noch nach Berchtesgaden in die Reparatur.

Sie sind ein Künstlerehepaar. Bringt dies besondere Schwierigkeiten und Schönheiten mit sich?
Walter Berry: Ja, in der jungen Ehe gab es manche Schwierigkeiten. Wir kamen aus ganz verschiedenen Künstlermilieus und verschiedener Richtung. Wir mußten uns aufeinander abstimmen, dadurch daß wir lernten, aufeinander Rücksicht zu nehmen. Andrerseits aber ergab sich durch die Tatsache, daß wir beide Sänger waren, ein besseres gegenseitiges Verständnis. Einer konnte dem andern viel besser helfen, weil er wußte, worauf es im Künstlerberuf ankommt, weil er die Anliegen und künstlerischen Anforderungen selbst kannte.

Ist das auch Ihre Meinung, Frau Kammersängerin?
Christa Ludwig: Vollkommen. So war es schon.




Ein Bild aus "alten" Zeiten

Leben Sie durch verschiedene Engagements oft getrennt?
W. B.: Durch ein unerhörtes Glück, leben wir kaum getrennt. Wir treten fast immer gemeinsam auf. Höchstens vierzehn Tage im Jahre können wir nicht zusammen sein. Das ist ein Gottesgeschenk, denn wir kamen doch, wie gesagt, aus ganz verschiedenen Richtungen, unsere Aufgaben waren, was Qualität, Partien, usw. anbelangt, oft vollkommen entgegengesetzt.

Welches sind Ihre Lieblingsrollen?
Chr. L.: Fidelio. Zweifellos. Doch es kommt darauf an, wer dirigiert, welches Orchester und welches Ensemble zusammenwirken. Sind die Voraussetzungen günstig, so ist jede Partie schön.
W. B.: Meine Traumrolle ist Hans Sachs. Gott sei Dank kann ich sie nächstes Jahr in Bayreuth singen. Die Einladung stammt noch von Wieland Wagner, und sein Bruder Wolfgang hat sie aufrechterhalten.

Lieben Sie geistige Musik? Lieben Sie Konzerte?
W. B.: Wir lieben sie beide sehr. Wenn ich in der ,,Schöpfung", den „Jahreszeiten", der „Matthäuspassion"… ein oder zweimal pro Jahr mitwirken kann, freue ich mich darauf wie ein Kind.
Chr. L.: Im Grunde kommen wir beide vom Konzert her. Konzert gehört wesentlich zu unserm Beruf. Oft gibt es uns auch die notwendige Entspannung nach dem hektischen Opernbetrieb.

Ist es nicht auffällig, daß immer mehr große Sänger sich dem Lied zuwenden?
W. B.: Doch, schon wegen der künstlerischen Verantwortung. Als Liedersänger tragen sie diese allein. Und das ist ein ungemeiner Reiz.
Chr. L.: Wir haben viele Liederabende zusammen gemacht: eine Idee unseres Begleiters, Dr. Erik Werba. Diese Abende schenken uns sehr viel. Ich sang von Anfang an gerne Lieder, obwohl eine große Stimme besondere Disziplin zum Liedvortrag erfordert. Mein Mann kam erst langsam zum Lied. Besonders hat es uns gefreut, daß wir in den Vereinigten Staaten mit einem rein deutschen Liederabend, was vorher nur Fischer-Dieskau und Elisabeth Schwarzkopf gewagt hatten, ankamen.

Welchen Liedkomponisten interpretieren Sie am liebsten?
Chr. L.: Hugo Wolf!
W. B.: Schubert. . . . Wolf auch. Doch die "Winterreise" bleibt für mich das Größte.
Chr. L.: Verständlich, du bist ein geborener Wiener.

Machen Sie gerne Schallplattenaufnahmen?
Chr. L.: Wahnsinnig gerne. Es ist schon etwas Beruhigendes für einen Künstler, daß er das, was er schlecht macht, immer wieder verbessern kann. Allerdings, die eigene Schallplatte ist jeden Künstlers ärgste Konkurrenz. Sie ist der Idealfall, den es im Konzert, in der Oper, beim Liedvortrag kaum geben kann. Deshalb kann ein Hörer, der im Konzert nicht die gleiche Perfektion erlebt, enttäuscht sein.
W. B.: Andrerseits gibt die Schallplatte die Möglichkeit, sich selbst zu kontrollieren und zu verbessern. Man lernt sehr viel durch das Abhören einer Bandaufnahme zur Verbesserung der künstlerischen Gestaltung, zur Verfeinerung des Details, zur Ausmerzung von Fehlern. Und dies kann man schon auf der Bühne verwerten.

Nun zu Ihrer Verpflichtung bei den Osterfestspielen.
W. B.: Unsere Verbindung zu Herbert von Karajan besteht schon seit langem. Gott sei Dank und fast selbstverständlich hat er uns dann verpflichtet. Ich muß sagen, daß Karajans Idee, mich Wotan singen zu lassen, für mich überraschend kam, und es dauerte schon eine Woche, bis ich mich damit angefreundet hatte. Nun, wenn es in der Aufführung so gut klappt wie während der Proben, so kann ich schon sehr zufrieden sein. (n. b.: Es klappte)
Chr. L.: Auch für mich ist Fricka eine neue Rolle.

Sie haben sie doch auch in Soltis Aufnahme der „Walküre" gesungen…
Chr. L.: Ja schon, und dreimal in natura in einer stark gekürzten Darbietung in Chicago. Dennoch ist sie neu für mich. Aber mit Karajan zusammenzuarbeiten, ist ein uneingeschränkt herrliches musikalisches Erlebnis. Diese Intensität, dieser geniale Klangsinn!
W. B.: Auch sein "Stagione"-Prinzip ist vollauf berechtigt. Dadurch, daß er seine Künstler nur für einen Monat voll beschäftigt, erreicht er Optimales und eine sehr starke Konzentration.

Und Ihr schönstes musikalisches Erlebnis, individuell und gemeinsam?
W. B.: Gemeinsam genießen wir alle Darbietungen, individuell ist es sehr schwer zu sagen. Doch ich möchte "Die Frau ohne Schatten", sowohl in Wien als auch in New York nennen. Aber auch als Zuhörer, erlebte ich Herrliches. Ich denke an das Karajankonzert während des "Prager Frühlings", an das Horowitz-Rezital in Carnegie-Hall…
Chr. L.: Für mich bleibt die Mitwirkung an Verdis "Requiem" unter Karajan in Epidauros in schönster Erinnerung. Doch auch die "Missa Solemnis" von gestern war ein überwältigendes Erlebnis.

Auf welche Zukunftspläne freuen Sie sich am meisten?
W. B.: Auf meinen Hans Sachs in Bayreuth 1968.
Chr. L.: Auf Fidelio hier in der Salzburger Felsenreitschule unter Böhms Leitung, auch 1968.

Ich danke sehr für dieses Gespräch.

 


© Guy Wagner, Die Warte, 27.4.68

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