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Krieg

Guy Wagner


Ich schreibe aus der Wut und der Verzweiflung heraus. Es ist Krieg, und wir sind im Krieg, jeder von uns: Mitgegangen, mitgefangen, mitgehangen. Wir haben überhaupt nicht, nicht lange genug, nicht laut genug nein gesagt, nein zu diesem nackten Wahnsinn. Wir sind Komplizen und geben uns einen Anschein von Gerechtigkeit, von Selbstgerechtigkeit, von Scheinheiligkeit. Wir machen mit, weil wir geschwiegen haben, zu lange, im Namen der sogenannten Völkergemeinschaft, im Namen der Vereinten Nationen, die erstmals bereit waren, einen heiligen Krieg gegen einen sadistisch schlauen, maßlosen Fanatiker zu entfachen, der seinerseits, im Namen seines Gottes, einen heiligen Krieg ausgerufen hat. Die Schlange beißt sich in den Schwanz.

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Krieg als Videospiel?


Nein, ich verteidige Saddam Hussein nicht. Er ist ein Schweinehund, einer dieser großen "Säckdreier", an denen unser Jahrhundert schon so reich gewesen ist, aber furchtbar ist auch unsere Hypokrisie, sind unsere guten Argumente: Es sollte kein neues „München" geben, ein neuer Hitler sollte nicht dieselben Möglichkeiten bekommen wie der erste, die heiligen Prinzipien sollten gerettet werden. Dem Angreifer sollte der Weg versperrt werden. Kuwait mußte befreit werden... von der Gemeinschaft der selbsternannten Gerechten, angeführt von denen, die Allende in Chile stürzten, die die Militärdiktaturen in Argentinien und Salvador einfädelten, Granada und Panama überrannten.
„Bedingungsloser Rückzug" aus Kuwait war das Schlagwort geworden. Es mußte ganz einfach zum Krieg führen, da es dem irakischen Bluthund keine andere Möglichkeit ließ. Es verhinderte, daß auf diplomatischem Wege eine Lösung gefunden werden konnte. Ich werde den Verdacht nicht los, daß man eine solche Lösung überhaupt nicht wollte. Da steckte ganz einfach mehr dahinter.
Auch wenn wir in einer Zeit des totalen Fernsehkrieges mit Bildern, die wenig sagen und noch weniger meinen, überflutet werden, wissen wir sozusagen nichts von dem, was tatsächlich in der Wüste vor sich geht. Die Zensur ist wenn möglich totaler und radikaler, als wir sie uns überhaupt einmal vorstellen können.
Nach dem rumänischen Aufstand, der ersten „Fernsehrevolution", haben wir jetzt den ersten „Fernsehkrieg", nur ist die Desinformation aus der Wüste Arabiens noch größer als dies der Fall vor einem Jahre am Ende Europas war. Es ist der totale Bildbetrug.
Und für viele wurde dieser Krieg zum Videospielkrieg, — „Star Wars" via Monitor. Fehlte nur noch, daß man an unsere Fernsehgeräte Joysticks anbaut, damit wir selbst losdrücken können.
Die Worte aber bleiben verräterisch. Für die Truppen, die gegen Saddam Hussein losgeschlagen haben, gibt es den Begriff „multinationale". Eben. Es ist ein Krieg für die Multis, und die Menschen haben verstanden: „Kein Blut für Öl", kein Blut für die bedingungslose Absicherung von Reserven, die zur Zeit überhaupt nicht gebraucht werden: Nur 4,7% des westlichen Verbrauchs stammten bisher aus Irak und Kuwait.
Und man denke nur über die Perversion der Börse nach, die täglichen Schwankungen, je nach Stimmungslage der Konzerne, und jede Rundfunk- und Fernsehanstalt macht mit. Was schert uns doch, ob der Dow Jones oder der CAC 40 oder der Nikkei Index nachgibt oder zunimmt, davon wird kein Bombenopfer hüben und drüben wieder lebendig?
Doch nun ist die langersehnte Gelegenheit gekommen, auf dem Kriegsterrain festzustellen, wie die neuen Waffen funktionieren. Wie sicher schießt die „Patriot" eine „Skud"-Rakete ab und macht damit noch einmal die. Überlegenheit des Westens auch gegenüber dem vormaligen Urfeind, der Sowjetunion, deutlich? Man kann es daraufhin schon wieder auf einen Kalten Krieg ankommen und die alten, aber so beruhigenden, weil sicheren Feindbilder wieder aufleben lassen. Man meint in verschiedenen Kommentaren sogar schon die Hoffnung aufklingen zu hören, daß eine Militärverschwörung Gorbatschow stürzt, damit wieder neu und weiter aufgerüstet werden kann. Probleme gibt es dabei aber für die Franzosen, die dieselben Mirage-Flugzeuge benutzen wie
der lange verhätschelte Saddam Hussein, dem sie so eifrig solche verkauft haben: Es kann ja so leicht zu Verwechslungen kommen!
Wie herrlich sind diese Zeiten für die Waffenbauer! Was wird das Aufträge geben für die Zukunft, denn alles, was da verpulvert wird, was in Flammen, Rauch und Bruchstücken auf- und niedergeht, muß ja wieder ersetzt werden, es geht ja nicht ohne weniger Waffen.
Und wenn man bedenkt, daß ein „Cruise Missile" soviel kostet wie vier Ferrari, kann man sich ja vorstellen, was da Summen investiert werden müssen.
Inzwischen krepieren die Menschen (und wieviele es im Irak sind, erfährt man nicht, man hört nur etwas von denen, die auf der multinationalen Seite umkommen), krepiert, die Natur, krepieren die Kormorane im Elend des Ölteppichs, krepieren die Wassertiere, krepiert das Meer, und das Leiden derer, die nichts dafür können, geht weiter, steigt ins Unermeßliche, die Dritte Welt wird zur Fünften.
Und wir tragen unseren regierungsseitig abgesegneten finanziellen Beitrag zu diesem Wahnsinn bei. 300 Millionen sind es jetzt offiziell. Wo nehmen wir die her? Wo werden die abgezweigt? Wer bekommt die weniger? Wo wird gespart? Im sozialen 'Bereich, in der Hilfe für die unterentwickelten Länder, auf dem Sektor der Kultur?
300 Millionen, das sind - nur zum Vergleich - 15 Jahresprogramme des Escher Theaters. Wahnsinn, Wahnsinn, Wahnsinn... Und da sollte man nicht vor Wut und Verzweiflung aufschreien?

© Guy Wagner, Kulturelles Tagebuch, Phare, nouvelle série, 8.2.1991

Articles de presse... Saison 1990-91...
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