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Luxemburger Autoren und ihre Werke: "Helleg Famill"

Paul Kremer

Musikliebhaber und -kenner, Politiker, Autor feinfühliger „Texte um Spuren" und jahrelang treibende und leitende Kraft im Dienste der „Summer-Akademie", hat Guy Wagner, nunmehr Direktor des Escher Theaters, „dräi Stecker mat Zeenen" in einem Band veröffentlicht, wobei dem Leser, sogar wenn er besagte Stücke nicht im „Hei elei" oder auf der Bühne selbst gesehen und den Wirbel darum verfolgt hat, auffällt, daß eine stattliche „Dokumentatioun", säuberlich zusammengestellt und würzig kommentiert, den eigentlichen Stücken im Buche nachgestellt, von der „Wiirkung" zeugt, welche sie, insbesondere das erste, bei ihrer Aufführung gezeitigt haben. Damit stünde derjenige, der sich denkend an eine Besprechung der Trilogie machen soll, vor der Aufgabe, nicht so sehr die Geschichte der Wechselwirkungen zwischen Guy Wagner, Dramaturg, und luxemburgischer Realität zu schreiben - das bleibe Literaturhistorikern vorbehalten – wohl aber zumindest ein paar Überlegungen zur Frage anzustellen, welches wohl die gesellschaftliche Funktion von Theater in Luxemburg sein mag.

Zunächst scheint sich eine große Einteilung vornehmen lassen zu müssen: ausländisches Theater versus einheimisches. Ausländisches Theater besucht man, das heißt wir Klein(luxem)bürger, wohl vorzüglich, um die altbekannten, ehedems „ewig menschlich" genannten Themen in tunlichst raffinierter Verarbeitung und Sprache seitens Autor, Inszenierung und Spiel seitens Truppe zu genießen; schön fern bleibt das alles, und der schlimmste Strindberg oder der vertrackteste Beckett bleiben Sache von kulturbeflissener Feier(abend)lichkeit.

Einheimisches Theater hingegen, in sogenannter literarischer .Qualität wohl in demselben zu erwartenden Verhältnis zu ausländischer Spitzenproduktion wie heimische Sportler zur Weltklasse, erfüllt eine ursprünglichere Funktion: Es hält uns meist einen Spiegel vor, in dem wir, oft in Form von Klamauk, uns genüßlich an der eigenen Identität oder an dem, was wir gerne dafür halten möchten, laben.

Ee wéi deen aneren


Ist dem so, dann wird schlagartig verständlich, wieso Guy Wagners Stück „Ee wei deen aneren", zu einem Skandalen werden mußte. Eine geruhsame nachträgliche Lektüre läßt es überklar werden:

Thema soll die Familie sein, die heilige Familie, wie es in doppelter Anzüglichkeit heißt, und diese Familie, Urzelle der Gesellschaft und Hort heimeliger Geborgenheit - so ihr konservativer, liebevoll gepflegter Begriff – wird bis zur Groteske hin entstellt: der Vater, Bürokrat, emsiger Vereinsmensch, auf äußerliche Korrektheit bedacht, zeigt sich zu Hause als bierbenebelter vulgärer Tyrann von Taschenformat, dem es die eigenen Kinder, der ruppige Sohn und die halbwüchsige Tochter mit gleicher Münze heimzahlen. Allerdings wird er, der Vater, ansatzweise, doch als etwas komplizierter ausgewiesen, als es zunächst erscheinen konnte: Seine berufliche Laufbahn wurde durch ein Unglück verpfuscht und seinen Kindern war er, als sie noch klein waren, ein liebevoller Papi; Zeit und Alkohol haben dann ein Ihres getan. Als einzige positive Gestalt tritt die Mutter auf. Dulderin, Schlichterin, hingegeben an ihr Jüngstes, die, trotz Aufklärung seitens Frauenbewegung, in dem Versuch, das Inferno zu verlassen, scheitert;. Sie kehrt stumm zurück.

Auffallend am Stück sind zwei Charakteristika: die Szenen verlaufen chronologiegerecht und wollen eher Einblicke in ein durchschnittliches Familienleben, wie es der Autor provokativ sehen lassen will, vermitteln, als daß sie sich einer dramatischen Logik entsprechend entwickelten, zweitens fällt auf, daß sich die gedrückte Stimmung, deren sprachlicher Ausdruck einen deutlichen Stich ins Vulgäre hin aufzeigt, an dem räumlichen Gedrücktsein des tatsächlichen Aufeinanderlebens immer wieder neu entzündet und gewitterhaft entlädt. Der Autor profitiert davon, eine Anzahl Mißstände, die er anprangern möchte, krude zu Wort kommen zu lassen: die kleinbürgerliche Heuchelei, der latente oder offene Alkoholismus, die Kommunikationslosigkeit.

Damit hatte er gewissermaßen ins Schwarze getroffen; er hat den Mythos vom trauten Heim und der heiligen Familie sprachlich zertrümmert. Als das nämlich artikuliert sich die Wirkung, welche das Stück getätigt hat: die unverblümte Diktion wurde gerügt und der fixe Blickwinkel auf die Thematik gelegt; sehr teilweise nur wurde der sentenziöse Zug gewisser Repliken kritisiert. Daß das Drama (vom Griechischen: handeln) eher episch (vom Griechischen: sagen, erzählen) angelegt war, schien keinem aufzufallen.

Hänk dech dach nëmmen op!

Mit Ausnahme sicher des Autors selbst: Im darauffolgenden Stück, dessen Titel „Hänk dech dach nemmen op!", eine Redensart nutzt, deren ursprüngliche Brutalität als Höhepunkt im Drama selbst verwertet wird, ersetzt Guy Wagner die Flächigkeit der sich drängend ablösenden Szenen durch einen klassischen Hinaufstieg zu einem Höhepunkt der Verständnislosigkeit zwischen Ehemann und -frau, wobei ersterer schließlich ganz und gar als der widerwärtige Bösewicht angemalt wird, um dann sachte in einem fast dialektischen Abstieg zur Ebene zu gelangen - Ebene oder Ebnung, Glättung der abweisenden Spröde gegenüber dem Vater, dessen Gestalt langsam, ganz langsam einer grundlegenden Wandlung unterliegt: Er wird nunmehr als „och nach e Mensch" dargestellt, dessen Verhalten aus den Kategorien gut/bös herausrückt und in die Nähe derjenigen von Glücksvogel/Pechvogel gerät.

Damit ändert sich auch das Aussage-Niveau des Stückes im Vergleich zum „Ee wei deen aneren". Während im Erstling derbe Entmythisierung getrieben wurde, in der moralische bzw. moralisierende Einlagen unübersehbar waren, wird die Ebene in „Hänk dech dach nemmen op!" zur metaphysischen - wenn man will - hinaufgehoben: der Schuldbegriff wird außer Funktion gesetzt, oder, um es auf luxemburgisch zu sagen, es geht nicht mehr die Rede, auch nicht heimlich mitgemeint, von „schelleg un eppes sin" sondern nur mehr von „eppes an d'Schold sin".

Der Zug hin zum Klassischen, der sich im dramatischen Ablauf - wie gesagt; Steigerung, Paroxysmus, Auslauf - sowie in der Loslösung von Benotung menschlichen Verhaltens kundtut, wird unterstrichen durch das Einhalten der Drei-Einheiten-Regel, wobei gar die gespielte Zeit die zu spielende Zeit ist; er wird unterstrichen schließlich durch die lautere Sprache, die, sehr einfach, weniger aufgeregt, versucht, mit den sparsamen Mitteln eines Alltagsidioms Existenzbewältigung zu betreiben.

Gleicht der erste Satz, pardon, das erste Stück einem Andante con brio, das zweite einem Moderato cantabile, so hat der musikgewandte Guy Wagner sein drittes Stück zu einem tosenden Finale gestaltet, in dem es donnert und blitzt, doch so, wie es auf der Bühne blitzt und donnert, nämlich mit Freude am Theater und am Theatralischen.

Dës Kéier kraacht et

Der Titel kündigt, ja droht es bereits an: „Dës Kéier kraacht et". Den Vorwand hierzu, theatertechnisch gesehen, liefert die Erstkommunionfeier des Jüngsten, zu deren Anlaß die Familie in completo, in aller Herrlichkeit, aufkreuzt, wobei die „quiselech" Tante ebenso wenig fehlen darf wie der freigeistige Onkel samt Prachtfreundin. So sind denn alle Elemente zusammengebraut, die den Ausbruch eines Dreisternegewitters ermöglichen sollen, um so mehr, als der Autor überdies dafür gesorgt hat, ein paar zusätzliche Querzünder mit einzubauen: derart etwa -, daß die jetzige Onkelsfreundin zugleich Ex-Vaterflittchen ist.

Es beginnt damit, daß das Feierkind sich erbricht - eine Schande, meinen Tanten, schaudernd, und sie profitieren davon, bissig über späten Kindersegen herzufallen; dann ballt sich die Spannung in der Familienatmosphäre weiter, bis schließlich in einem barocken Inferno sämtliche Phantasmen verklemmter kleinbürgerlich-christkatholischer Fehlerziehung hervorbrechen: hypokritische Frömmigkeit als Ausdruck frustrierter Sexualität, Schachern um Erbteile, verdrängte Abtreibungshistörchen, xenophobe Einlagen u.ä.m.

Bis zur Groteske hin steigert der Autor den Ausbruch - und läßt doch klar seine deutlichen Aussagelinien erkennen: Die Wirkung falscher Erziehung lastet hauptsächlich auf der älteren Generation, die noch im „Kriege" geboren ist; die jüngere, oft verunglimpft, ist wesentlich freier, offener, ist weit weniger „erziehungs"-geschädigt. Doch auch innerhalb der gefährdeten Generation ist tiefere Menschlichkeit, jenseits von religiösen Einflüssen, möglich, Ja, kann sogar, infolge innerer Umkehr oder Läuterung, wie an der Figur des Vaters vorgeführt, erworben werden. Schließlich hebt sich die noch ältere Generation, die der „Bomi", vermutlich um die Zeit des Ersten Weltkrieges geboren, durch eine erfreuliche Frische hervor, so daß die Trilogie, allem Wettern zum Trotz, doch mit einem Hoffnungsschimmer abschließt.

Luxemburgisches Theater, geschrieben für ein luxemburgisches Publikum, für Herrn oder „Meeschter" Jedermann. Keine verzwickte Intrige. Keine proustische Seelenzergliederung, Naturalismus im Dienste von Entblößung, von Bloßstellung, von mehr Wahrheit, mehr Aufrichtigkeit.

Daher auch eine klare Sprache, die der linguistischen Realität unserer Zeit weitgehend entspricht und zugleich Feinheiten birgt, die man schon verloren sein befürchten dürfte: ich will etwa auf nicht formelharten Gebrauch von Konjunktiv I in Hauptsätzen verweisen - eine Herrlichkeit!

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© Paul Kremer, 1988 - Retour... Mikis Theodorakis

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