| Musikliebhaber
und -kenner, Politiker, Autor feinfühliger „Texte
um Spuren" und jahrelang treibende und leitende Kraft im
Dienste der „Summer-Akademie", hat Guy Wagner, nunmehr
Direktor des Escher Theaters, „dräi Stecker mat Zeenen"
in einem Band veröffentlicht, wobei dem Leser, sogar wenn
er besagte Stücke nicht im „Hei elei" oder auf
der Bühne selbst gesehen und den Wirbel darum verfolgt
hat, auffällt, daß eine stattliche „Dokumentatioun",
säuberlich zusammengestellt und würzig kommentiert,
den eigentlichen Stücken im Buche nachgestellt, von der
„Wiirkung" zeugt, welche sie, insbesondere das erste,
bei ihrer Aufführung gezeitigt haben. Damit stünde
derjenige, der sich denkend an eine Besprechung der Trilogie
machen soll, vor der Aufgabe, nicht so sehr die Geschichte der
Wechselwirkungen zwischen Guy Wagner, Dramaturg, und luxemburgischer
Realität zu schreiben - das bleibe Literaturhistorikern
vorbehalten – wohl aber zumindest ein paar Überlegungen
zur Frage anzustellen, welches wohl die gesellschaftliche Funktion
von Theater in Luxemburg sein mag.
Zunächst scheint sich eine große Einteilung vornehmen
lassen zu müssen: ausländisches Theater versus einheimisches.
Ausländisches Theater besucht man, das heißt wir
Klein(luxem)bürger, wohl vorzüglich, um die altbekannten,
ehedems „ewig menschlich" genannten Themen in tunlichst
raffinierter Verarbeitung und Sprache seitens Autor, Inszenierung
und Spiel seitens Truppe zu genießen; schön fern
bleibt das alles, und der schlimmste Strindberg oder der vertrackteste
Beckett bleiben Sache von kulturbeflissener Feier(abend)lichkeit.
Einheimisches Theater hingegen, in sogenannter literarischer
.Qualität wohl in demselben zu erwartenden Verhältnis
zu ausländischer Spitzenproduktion wie heimische Sportler
zur Weltklasse, erfüllt eine ursprünglichere Funktion:
Es hält uns meist einen Spiegel vor, in dem wir, oft in
Form von Klamauk, uns genüßlich an der eigenen Identität
oder an dem, was wir gerne dafür halten möchten, laben.
Ee wéi deen aneren
Ist dem so, dann wird schlagartig verständlich, wieso Guy
Wagners Stück „Ee wei deen aneren", zu einem
Skandalen werden mußte. Eine geruhsame nachträgliche
Lektüre läßt es überklar werden:
Thema soll die Familie sein, die heilige Familie, wie es in
doppelter Anzüglichkeit heißt, und diese Familie,
Urzelle der Gesellschaft und Hort heimeliger Geborgenheit -
so ihr konservativer, liebevoll gepflegter Begriff – wird
bis zur Groteske hin entstellt: der Vater, Bürokrat, emsiger
Vereinsmensch, auf äußerliche Korrektheit bedacht,
zeigt sich zu Hause als bierbenebelter vulgärer Tyrann
von Taschenformat, dem es die eigenen Kinder, der ruppige Sohn
und die halbwüchsige Tochter mit gleicher Münze heimzahlen.
Allerdings wird er, der Vater, ansatzweise, doch als etwas komplizierter
ausgewiesen, als es zunächst erscheinen konnte: Seine berufliche
Laufbahn wurde durch ein Unglück verpfuscht und seinen
Kindern war er, als sie noch klein waren, ein liebevoller Papi;
Zeit und Alkohol haben dann ein Ihres getan. Als einzige positive
Gestalt tritt die Mutter auf. Dulderin, Schlichterin, hingegeben
an ihr Jüngstes, die, trotz Aufklärung seitens Frauenbewegung,
in dem Versuch, das Inferno zu verlassen, scheitert;. Sie kehrt
stumm zurück.
Auffallend am Stück sind zwei Charakteristika: die Szenen
verlaufen chronologiegerecht und wollen eher Einblicke in ein
durchschnittliches Familienleben, wie es der Autor provokativ
sehen lassen will, vermitteln, als daß sie sich einer
dramatischen Logik entsprechend entwickelten, zweitens fällt
auf, daß sich die gedrückte Stimmung, deren sprachlicher
Ausdruck einen deutlichen Stich ins Vulgäre hin aufzeigt,
an dem räumlichen Gedrücktsein des tatsächlichen
Aufeinanderlebens immer wieder neu entzündet und gewitterhaft
entlädt. Der Autor profitiert davon, eine Anzahl Mißstände,
die er anprangern möchte, krude zu Wort kommen zu lassen:
die kleinbürgerliche Heuchelei, der latente oder offene
Alkoholismus, die Kommunikationslosigkeit.
Damit hatte er gewissermaßen ins Schwarze getroffen; er
hat den Mythos vom trauten Heim und der heiligen Familie sprachlich
zertrümmert. Als das nämlich artikuliert sich die
Wirkung, welche das Stück getätigt hat: die unverblümte
Diktion wurde gerügt und der fixe Blickwinkel auf die Thematik
gelegt; sehr teilweise nur wurde der sentenziöse Zug gewisser
Repliken kritisiert. Daß das Drama (vom Griechischen:
handeln) eher episch (vom Griechischen: sagen,
erzählen) angelegt war, schien keinem aufzufallen.
Hänk dech dach nëmmen op!
Mit Ausnahme sicher des Autors selbst: Im darauffolgenden Stück,
dessen Titel „Hänk dech dach nemmen op!", eine
Redensart nutzt, deren ursprüngliche Brutalität als
Höhepunkt im Drama selbst verwertet wird, ersetzt Guy Wagner
die Flächigkeit der sich drängend ablösenden
Szenen durch einen klassischen Hinaufstieg zu einem Höhepunkt
der Verständnislosigkeit zwischen Ehemann und -frau, wobei
ersterer schließlich ganz und gar als der widerwärtige
Bösewicht angemalt wird, um dann sachte in einem fast dialektischen
Abstieg zur Ebene zu gelangen - Ebene oder Ebnung, Glättung
der abweisenden Spröde gegenüber dem Vater, dessen
Gestalt langsam, ganz langsam einer grundlegenden Wandlung unterliegt:
Er wird nunmehr als „och nach e Mensch" dargestellt,
dessen Verhalten aus den Kategorien gut/bös herausrückt
und in die Nähe derjenigen von Glücksvogel/Pechvogel
gerät.
Damit ändert sich auch das Aussage-Niveau des Stückes
im Vergleich zum „Ee wei deen aneren". Während
im Erstling derbe Entmythisierung getrieben wurde, in der moralische
bzw. moralisierende Einlagen unübersehbar waren, wird die
Ebene in „Hänk dech dach nemmen op!" zur metaphysischen
- wenn man will - hinaufgehoben: der Schuldbegriff wird außer
Funktion gesetzt, oder, um es auf luxemburgisch zu sagen, es
geht nicht mehr die Rede, auch nicht heimlich mitgemeint, von
„schelleg un eppes sin" sondern nur mehr
von „eppes an d'Schold sin".
Der Zug hin zum Klassischen, der sich im dramatischen Ablauf
- wie gesagt; Steigerung, Paroxysmus, Auslauf - sowie in der
Loslösung von Benotung menschlichen Verhaltens kundtut,
wird unterstrichen durch das Einhalten der Drei-Einheiten-Regel,
wobei gar die gespielte Zeit die zu spielende Zeit ist; er wird
unterstrichen schließlich durch die lautere Sprache, die,
sehr einfach, weniger aufgeregt, versucht, mit den sparsamen
Mitteln eines Alltagsidioms Existenzbewältigung zu betreiben.
Gleicht der erste Satz, pardon, das erste Stück einem Andante
con brio, das zweite einem Moderato cantabile, so hat der musikgewandte
Guy Wagner sein drittes Stück zu einem tosenden Finale
gestaltet, in dem es donnert und blitzt, doch so, wie es auf
der Bühne blitzt und donnert, nämlich mit Freude am
Theater und am Theatralischen.
Dës Kéier kraacht et
Der Titel kündigt, ja droht es bereits an: „Dës
Kéier kraacht et". Den Vorwand hierzu, theatertechnisch
gesehen, liefert die Erstkommunionfeier des Jüngsten, zu
deren Anlaß die Familie in completo, in aller Herrlichkeit,
aufkreuzt, wobei die „quiselech" Tante ebenso wenig
fehlen darf wie der freigeistige Onkel samt Prachtfreundin.
So sind denn alle Elemente zusammengebraut, die den Ausbruch
eines Dreisternegewitters ermöglichen sollen, um so mehr,
als der Autor überdies dafür gesorgt hat, ein paar
zusätzliche Querzünder mit einzubauen: derart etwa
-, daß die jetzige Onkelsfreundin zugleich Ex-Vaterflittchen
ist.
Es beginnt damit, daß das Feierkind sich erbricht - eine
Schande, meinen Tanten, schaudernd, und sie profitieren davon,
bissig über späten Kindersegen herzufallen; dann ballt
sich die Spannung in der Familienatmosphäre weiter, bis
schließlich in einem barocken Inferno sämtliche Phantasmen
verklemmter kleinbürgerlich-christkatholischer Fehlerziehung
hervorbrechen: hypokritische Frömmigkeit als Ausdruck frustrierter
Sexualität, Schachern um Erbteile, verdrängte Abtreibungshistörchen,
xenophobe Einlagen u.ä.m.
Bis zur Groteske hin steigert der Autor den Ausbruch - und läßt
doch klar seine deutlichen Aussagelinien erkennen: Die Wirkung
falscher Erziehung lastet hauptsächlich auf der älteren
Generation, die noch im „Kriege" geboren ist; die
jüngere, oft verunglimpft, ist wesentlich freier, offener,
ist weit weniger „erziehungs"-geschädigt. Doch
auch innerhalb der gefährdeten Generation ist tiefere Menschlichkeit,
jenseits von religiösen Einflüssen, möglich,
Ja, kann sogar, infolge innerer Umkehr oder Läuterung,
wie an der Figur des Vaters vorgeführt, erworben werden.
Schließlich hebt sich die noch ältere Generation,
die der „Bomi", vermutlich um die Zeit des Ersten
Weltkrieges geboren, durch eine erfreuliche Frische hervor,
so daß die Trilogie, allem Wettern zum Trotz, doch mit
einem Hoffnungsschimmer abschließt.
Luxemburgisches Theater, geschrieben für ein luxemburgisches
Publikum, für Herrn oder „Meeschter" Jedermann.
Keine verzwickte Intrige. Keine proustische Seelenzergliederung,
Naturalismus im Dienste von Entblößung, von Bloßstellung,
von mehr Wahrheit, mehr Aufrichtigkeit.
Daher auch eine klare Sprache, die der linguistischen Realität
unserer Zeit weitgehend entspricht und zugleich Feinheiten birgt,
die man schon verloren sein befürchten dürfte: ich
will etwa auf nicht formelharten Gebrauch von Konjunktiv I in
Hauptsätzen verweisen - eine Herrlichkeit!
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© Paul Kremer, 1988 - Retour...

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