Der Zurückgestossene
Guy Wagner
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»Ich bin vergessen.«
Erich Wolfgang Korngold
Kapitelschluss S. 424-426
Die Rückkehr in die USA war ursprünglich für April 1955
geplant gewesen. Der Intendant der Bayrischen Staatsoper in
München, Rudolf Hartmann, aber bat Korngold, er möge sie
um einige Wochen nach hinten verlegen, es gäbe nämlich eine
Premiere am Prinzregententheater, die ihn interessieren dürfte.
»Wirklich«, fragte Korngold, »welche?« — »Die tote Stadt«, lautete
die Antwort.
Trotz Meinungsverschiedenheiten wurde diese Produktion
für den Komponisten seit langem wieder zu einem glücklichen
Augenblick: »Es war eine wunderbare Arbeitsatmosphäre; man
fühlte, dass jeder im Hause eifrig bestrebt war, das Werk zum Gelingen
zu bringen.« 63
Mit Otto Erhardt als Regisseur, Robert Heger,
einem »Monument an Konzilianz«64 als Dirigent, mit Marianne
Schech65 als »Marietta /Marie«, Hans Hopf als »Paul«,
Marcel Cordes als »Frank«, waren alle Voraussetzungen für eine
erfolgreiche Produktion gegeben.
Ludwig Strecker, den Luzi Korngold nun als »Vorkämpfer der
neuen Richtung« beim Schott Verlag bezeichnete und der bei der
Generalprobe von »Die tote Stadt« anwesend war, sagte feuchten
Auges: »Es hat mich doch wieder sehr ergriffen.«
Zur Aufführung war das Haus ausverkauft, man spürte die
knisternde Spannung und erregte Atmosphäre eines echten Ereignisses,
und bereits beim »Marietta-Lied« brach spontaner Beifall
los. In der Pause trat Franz Strauss auf die Korngolds zu und
warnte Luzi: »Jetzt jubeln sie ihm zu, und morgen werden sie ihn zerreißen.« Er hatte Recht. Die Kritiken waren vernichtend, die
Aufführungen aber blieben ausverkauft.
In München, wo die Familie im Schloss Grünwald einquartiert
war, suchte der Kritiker Karl Schumann Korngold für ein
Gespräch auf und beschrieb ihn später so: »Korngold entsprach
den wenigen kursierenden Fotos: klein, rundlich, blass. Er wirkte
anachronistisch mit seiner obligaten Krawattenschleife, seiner
altväterlichen Höflichkeit, seinem breiten Wienerisch. Die Zeit
in den USA schien gar nicht abgefärbt zu haben. Wenn er mit
einem sprach, versetzte er einen dreißig Jahre zurück. Er wirkte
erschreckend müde, ein Mann, der durch die Emigration und
durch die Mühlen der Filmateliers gegangen ist. Die Herzkrankheit
sah man ihm an, die physische wie die psychische. […] Erinnerungen
rührten ihn zu Tränen. Seine Gefühlsansprechbarkeit
war besorgniserregend und ein weiteres Indiz für seine Herzkrankheit.
Er atmete schwer und unverkennbar asthmatisch. Er
konnte witzig und aufgeräumt sein und sein Temperament von
einst ahnen lassen — aber er wirkte müde, gebrochen, tief melancholisch. «66
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Auf der Rückreise zum Hafen nach Rotterdam ergab sich für den Komponisten die einmalige Gelegenheit, Brügge, seine »Tote
Stadt«, zu besichtigen: »Wir kamen bei strömendem Regen an und nahmen zuerst Zuflucht in einem Gasthaus auf dem Marktplatz.
Am Nebentisch saß ein Herr, der uns deutsch sprechen hörte und Erich erkannte. Er stammte aus Wien, lebte aber nun
ständig in Brügge und bot sich nicht nur als Fremdenführer an, sondern bestand darauf, Erich zum Bürgermeister67 zu bringen,
wo er in aller Form willkommen geheißen wurde. Diese unerwartete Ehre kostete uns viel von unserer kostbaren Zeit, aber wir standen, wie Paul, am ›Minnewater‹, ›auf die dunkle Fläche
starrend‹, wir hörten die Glocken der zahllosen Kirchen, wir sahen
Beginen durch die engen Gassen huschen, es war an diesem
trüben und trostlosen Tag tatsächlich Erichs ›Tote Stadt‹, die für
uns lebendig wurde…«68
Am 18. Mai 1955 verließen die Korngolds an Bord der »S. S.
Rijndam« Rotterdam. In Le Havre stieg anderntags Sohn Georg
noch an Bord. Es sollte der endgültige Abschied für Erich Wolfgang
und Luise von Europa sein. Man kann sich denken, mit wie
viel Trauer und Verbitterung er verbunden war.
63 Korngold, ebenda.
64 Karl Schumann, Naivität und Gebrochenheit des Gefühls. In: Das Orchester
Nr. 5, 1987, S. 505. Der Dirigent und Hochschullehrer Robert Heger (1886–
1978) war 1921 Erster Kapellmeister am Nationaltheater München, ab 1925 an
der Wiener Staatsoper, Konzertdirektor der Gesellschaft der Musikfreunde und
an der Musikhochschule, wo auch Korngold mit ihm zu tun bekam (vgl. im vorliegenden
Buch S. 256). 1933 wurde er als »Monument an Konzilianz« ständiger
Dirigent an der Berliner Lindenoper. 1950 kehrte er nach München zurück und
leitete dort bis 1954 als Präsident die Hochschule für Musik und Theater.
65 Korngold hatte sich eigentlich Christl Goltz als »Marietta /Marie« gewünscht,
vgl. Schumann, ebenda.
66 Schumann, ebenda, S. 504f. Auch dem Österreichischen Rundfunk gab Korngold
während dieser Zeit ein Interview, in dem er von Plänen berichtet, »Die tote
Stadt« mit Michèle Morgan und Charles Boyer zu verfilmen.
67 Victor Van Hoestenberghe (1868–1960) war von 1924 bis 1956 Bürgermeister
von Brügge und wurde am 20. Januar 1955 in den Adelsstand aufgenommen.
68 Korngold, Erich Wolfgang Korngold, S. 99 f.
© Matthes & Seitz - Guy Wagner, 2008
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