Otto
Klemperer starb am vergangenen Samstag, den 6. Juli,
kurz nach seinem 88. Geburtstag.
Mit ihm ging eine große, wenn nicht die größte
Dirigentengeneration dieses Jahrhunderts zu Ende.
Es erübrigt sich hier, auf seine Laufbahn zurückzublicken.
Sein revolutionäres Wirken an der Krolloper, seine
furchtbaren Krankheiten, seine Lebensenergie, seine
Tätigkeit als Chef des Philharmonia Orchesters
sind jedem bekannt. Seine zahlreichen großartigen
Schallplattenaufnahmen geben weiterhin Zeugnis von seinem
Wirken im Dienste der Musik. |
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IDienen als „Kl'empereur":
fast scheint es paradoxal. Es ist bekannt, welche Autorität
dieser Musiker bei den Mitgliedern seines Philharmonia Orchesters
hatte. Es ist bekannt, daß er sich diese Autorität
durch sein Können und sein Wissen um Wesen und Zusammenhänge
der Werke errang. Klemperer herrschte als Chef, aber er beherrschte
die Musiker nicht. Seine Autorität war eine geistige. Und
durch diese Autorität schuf er Großes in seiner Arbeit
als Orchesterleiter und in seiner Gestaltung der musikalischen
Werke.
In unserer hektischen Zeit, in der Epoche des Jet-Set-Musikalischen,
wo Brillanz im Technischen, Rasanz der Tempi und Virulenz im
Orchestralen allzu oft ein falsches Bild der Werke geben, war
er in seinen Interpretationen ein ruhender Pol. Seine Tempi
waren — nach allgemeinem "Urteil" — langsam,
aber ist es nicht eher so, daß wir durch die Schnelle
bei ändern Dirigenten nicht mehr an Ruhe gewöhnt sind,
daß wir Ruhe im Musikalischen irgendwie schon schlecht
vertragen? Es ist doch viel einfacher, sich durch Virtuosität
fesseln zu lassen, als der musikalischen Gestaltung von innen
her folgen zu müssen. Klemperer zwang den Hörer zum
Hineinhorchen und zur Besinnung.
Ich hatte vor drei Jahren, anläßlich von Otto Klemperers
85. Geburtstag, die Gelegenheit, den Dirigenten in London zu
erleben. Damals dirigierte er das „Lied von der Erde"
von Gustav Mahler. Wie alle Zuhörer war ich beeindruckt.
als dieser hagere, große Mann, von zwei Begleitern gestützt,
langsam an das Pult schritt. Mir wurde die physische Gebrochenheit
und Zerbrechlichkeit eines alten Mannes deutlich, aber als Klemperer
dann den Taktstock hob, sich in die Musik versenkte, fiel alle
Gebrechlichkeit von ihm ab, ja, er wurde ganz einfach stark,
kraftvoll, imposant; er imponierte durch das, was er gestaltete.
Und dieses „Lied von der Erde" ist mir bis heute
unvergeßlich geblieben, als das wahrste und schönste
Konzert, das mir je gegönnt war zu erleben.
Da war Mahlers Musik in ihrer ganzen Größe und Wahrheit.
Nachher traf ich ihn in seiner Loge. Für jeden, mit dem
er sprach, hatte er ein gutes und freundliches Wort, er zeigte
sich von unglaublicher Aufmerksamkeit, und mir wurde bewußt,
welch ein feuriges Leben in diesem Körper pulsierte, welche
Vitalität und Kraft in diesem Menschen weiterbrannten.
Sein faltenloses, schön profiliertes Gesicht wirkte jung,
unglaublich jung.
So blieb er mir in Erinnerung als ein Mensch, der intensiv lebte,
obschon die körperlichen Kräfte ihn seit langem verlassen
hatten. Und ich glaube, aus diesem rein geistigen Leben heraus,
konnte er zu jener Größe aufsteigen, die so spezifisch
die seine war.
Durch einen seit dieser Zeit andauernden Briefwechsel mit ihm
und seiner Tochter Lotte Klemperer, wußte ich um das,
was er tat und wie er wirkte, kannte seine Leiden und seinen
unerschütterlichen Lebensmut, auch seine Skepsis gegenüber
ärztlichen Prognosen und seine Erschütterung vor der
Grausamkeit der Welt. Er begegnete ihr damit, daß er jene
Komponisten dirigierte, die über die Misere hinauswuchsen
und dem Menschen bezeugen, was menschlicher Geist an Größe
und Adel aufweisen kann: Beethoven, Mozart, Bach, Mahler...
und ich kann nicht umhin, aus Mahlers 2. Sinfonie, die er so
unbeschreiblich gültig auf Schallplatte produziert hat,
zu zitieren: „Sterben werd' ich, um zu leben."
Klemperer wird weiterleben in dem was er komponiert hat und
was er dirigiert hat. Seine Schallplatten bleiben als das Vermächtnis,
das noch Generationen von Musikfreunden etwas über die
Wahrheit der Musik und ihrer größten Interpreten
zu sagen hat.
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