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Zum Tode von Emile Kirscht

Der freieste der Künstler


Wir wußten um seinen geschwächten Gesundheitszustand.

Bei der Vernissage des „Salon du CAL“ war er nicht mehr anwesend gewesen; wir konnten daher nur mit seiner Tochter sprechen, die uns unsere Sorgen nur bestätigen konnte.

Nun ist Emile Kirscht für immer von uns gegangen, ein Jahr nach der großen Retrospektive zum 80. Geburtstag im Staatsmuseum und seiner letzten Einzelausstellung in der „Galerie La Cité“, und wir beklagen den Verlust eines der ganz Großen der Luxemburger Kunst, eines wahren Freundes und eines ganz einfach herzensguten Menschen.

Emile Kirscht war ein „Minettsdapp“ wie er echter nicht sein konnte: Treu, offen in seinen Aussagen, konsequent, ohne Falsch, ohne Zickzack im Denken und Handeln. Ein Mensch, wie er wahrer nicht in sich selbst ruhen konnte.


Emile Kirscht
Photo: Jochen Herling

Daß er Maler wurde, verdankte er seiner eigenen Zähigkeit. Aus sogenannten „kleinen Verhältnissen“, als sechstes von sieben Kindern, am 11. Juni 1913 in Rümelingen geboren, verlor er den Vater als er vier Jahre hatte. Mit vierzehn begann er zu arbeiten und... zu malen, als Autodidakt. Als er 21 war, starb die Mutter. 1943 heiratete er Lisa Kayser, mit der er letztes Jahr das goldene Ehejubiläum feiern konnte.

Sein erstes Bild, 20x24 groß, stammt von 1929. Es ist der „Kinnestach“ in seinem Heimatort. Die Faszination der Farbe sollte ihn danach nicht mehr loslassen, auch in den schlimmsten Zeiten nicht, aber es wurde ein weiter und langer Weg, bis ihm Anerkennung zukam. 1947 stellte er erstmals im CAL aus, und seine Bilder: Frauenbilder, Stilleben mit Goldfischen, Landschaften, die zwischen expressionistischer Intensität und der kompositorischen Leichtigkeit von Matisse angesiedelt waren, zeigten, daß man es hier mit einer ganz starken, eigenwilligen Persönlichkeit zu tun hatte, die mit Gleichgesinnten ihren Weg suchte. Die Gleichgesinnten waren Joseph-Emile Muller, der Vordenker, und die „Nouvelle Equipe“, waren danach die „Iconomaques“, und mit manchem dieser Künstler, die bahnbrechend für eine neue Kunst in Luxemburg wurden, verband ihn über Jahrzehnte hinaus eine enge Freundschaft. Sie beruhte auf dem Wissen um viele Kämpfe und Anfeindungen, Niederlagen, aber auch Triumphe.

Emile Kirscht mußte ganz einfach, zu einem bestimmten Zeitpunkt in seiner künstlerischen Entwicklung, in die Dimensionen der Abstraktion vorstoßen, die soviel Freiheit versprechen aber ebensoviel inneren Zwang auferlegen, damit die Freiheit nicht zur „Losigkeit“ (Beckett) ausartet. Emile Kirscht wußte um seine inneren Möglichkeiten, und, obschon er bis zur Zeit, da Robert Krieps erstmals Kulturminister war, auf drei Schichten arbeiten mußte, ließ er nie in seinem Ringen um die Wahrheit der künstlerischen Aussage los. Nie.

Es folgten die nun bekannten und geradezu exemplarischen Etappen in seinem Schaffen: Vorherrschaft der Farbe, Vorherrschaft der Form, Interaktion zwischen Form und Farbe, Einwirkung einer transponierten und überhöhten Gegenständlichkeit, Symbolbedeutung von Objekten, die aus ihrem ursprünglichen Zusammenhang herausgerissen, neue Perspektiven für das Sehen und Denken öffneten. Und so kam es, daß Emile Kirschts wundervoll ausgewogenen Bildern eine immer größere Leichtigkeit bekamen. Sie hatte etwas von dem Spielerischen, das Kindern ihre Wahrheit gibt. Es verlieh Emile seine Größe.

Er wurde der freieste der Künstler, und, wenn man mit ihn zusammen war, so galt sein Wort. Gerade er wurde für eine Anzahl von jüngeren Malern zu einem Vorbild, denn Lehrmeister wollte er nicht sein. Er sah sich immer als Lehrling, er der Meister, der wahre Meister.

Nun bleiben uns nur seine Bilder, und die sind ein Geschenk, für das man nur sehr bescheiden danken kann. Dieser Dank möge auch seiner lieben Frau Lisa und seiner Tochter Anouk Trost sein in einer Trauer, die alle jene, die Emile gekannt haben, mit ihnen teilen.


Guy Wagner



© Guy Wagner, Tageblatt - 27.10.1994

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