Im
Anschluß an das Galakonzert der Berliner Philharmoniker
trafen wir Herbert von Karajan in seinem Hotel, und trotz vorgerückter
Stunde, erklärte er sich liebenswürdigerweise bereit,
unsere Fragen zu beantworten. Er kannte mich seit den 1. Osterfestspielen,
und sein Vertrauter, H. André von Mattoni, war mir stets
ein liebenswürdiger Vermittler.
Herr
von Karajan, während der Osterfestspiele 1968
riefen Sie eine internationale Stiftung, die Ihren
Namen trägt, ins Leben. Ihr Ziel ist, Musikerziehung
und Musikverständnis zu fördern, das Musikempfinden
zu aktivieren und dem musikalischen Nachwuchs neuen
Antrieb zu geben. Können Sie uns sagen, wie weit
die Arbeiten fortgeschritten sind?
Als erstes möchte ich den Dirigentenwettbewerb
erwähnen: Wir haben bisher 140 Einschreibungen,
und der Wettbewerb wird erstmals im kommenden September
in Berlin ausgetragen. Was nun die Grundlagenforschungen
anbetrifft, so sind sie in Deutschland abgeschlossen,
in Österreich sind sie sehr weit fortgeschritten,
und wir fanden Mitarbeiter in vielen Ländern
überall auf der Welt. Im Anschluß an die
diesjährigen Osterfestspiele werden sich die
einzelnen Verantwortlichen in Salzburg treffen und
wir werden, auf Grund der Ergebnisse ihrer Voruntersuchungen,
Arbeitsgremien für die eigentliche Verwirklichung
bilden.
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Während eines Empfangs in Salzburg 1968
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Es geht
doch darum, das Phänomen des Musikempfindens und -erlebens
wissenschaftlich zu erforschen und, von dort aus, der Musikerziehung
neue Wege zu zeigen…
Ja, es heißt, sich endlich wissenschaftlich klar zu
werden, was Musikhören, sowohl physiologisch als psychologisch
und medizinisch bedeutet. Es müssen die tieferen Gründe,
warum wir Musik erleben und warum unser Musikempfinden in
einem ständigen Wandel ist, erforscht werden. Wenn wir
bis zum Kern dieser Probleme vorgedrungen sind, können
wir eine neue Basis zur Musikerziehung schaffen, schon beim
ganz jungen Menschen. Das stellt natürlich die bisherigen
Arten der Musikerziehung. die Disparatheit und Gegensätzlichkeit
der Methoden in Frage. Sehen Sie. zum Erlernen des Skifahrens
gibt es auch verschiedene Methoden. Beim näheren Hinsehen
aber erkennt man, daß sie alle von den gleichen Prinzipien
ausgehen, die sich in der Auswertung nur durch geringfügige
Varianten unterscheiden. Ein Skischüler kann ohne weiteres
mit einer Methode A anfangen, mit einer Methode B weiterlernen
und mit einer dritten abschließen. Etwas ähnliches
schwebt mir für die Musikerziehung vor, die von einer
wissenschaftlich exakt fundierten, und daher, allgemeingültigen
Basis ausgehen soll.
Die Ergebnisse, zu denen Ihre Forschungen führen,
sollen gleichermaßen die Musikschaffenden, Komponisten
und Interpreten, beeinflussen.
Genau. Wir denken, daß die Ergebnisse unserer Forschungsarbeiten
Ausgangspunkt für ein neues, gültigeres Musikverständnis
und ein neues, gültigeres Verhältnis zwischen Musikschöpfern
und -hörern sein werden, und zugleich eine schnellere,
rationellere und universellere Musikerziehung in die Wege
leiten werden. Das wird vor allem auch der Musikerziehung
der Erwachsenen zugute kommen, denn hier stehen uns nicht,
wie bei Kindern, 10 oder 15 Jahre zur Verfügung.
Herr von Karajan, Sie sind ein Dirigent, der wie kein
anderer, sich der heutigen Massenmedien, Fernsehen, Rundfunk,
Schallplatte bedient, um Ihre Musikdeutungen einem sehr großen
Kreis von Menschen zugängig zu machen. Ich denke, Sie
werden in dieser Linie weiterfahren.
Ja, schon morgen habe ich eine achtstündige Konferenz
zur Besprechung meiner 14. Sendung, der Aufzeichnung des "Bajazzo"
. . . Man muß die Massenmedien, besonders bei so rapide
fortschreitender technischer Perfektionierung, in den Dienst
der Kunst stellen. Nur so kann sie schnell universell und
allgemeingültig werden, erst so können wir gleichzeitig
Millionen Menschen erreichen und zu kulturellen Werten hinführen.
Und es ist wichtig, daß die Massenmedien noch weit stärker
im Dienst der Kunstförderung ausgenützt werden.
Noch heute kam mir der Gedanke, welchen Einfluß gerade
ein Sender wie Radio Luxemburg, der politisch und weltanschaulich
neutral ist, erst haben könnte, wenn er nicht nur kontinentweit
über Funk, sondern auch über Fernsehen senden würde.
Sieht man nämlich die Möglichkeit, daß Sendungen
über Satellitenrelais ausgestrahlt werden können,
so könnte man ohne weiteres 150 Millionen Menschen erfassen.
Es versteht sich von selbst, daß die Ausgangsbasis höchste
Qualität sein müßte, daß man Aufzeichnungen
aus aller Weit aufkaufte, um sie so einem Großteil der
Menschen gleichzeitig zugängig zu machen.
Sie bezeichneten die von Ihnen ins Leben gerufenen
Osterfestspiele als Ihre künstlerische Lebensaufgabe.
Erste Frage: Warum gerade Wagner?
Wagner entspricht meinem Wesen und meiner Natur, und es war
mir eine Herzensangelegenheit, den "Ring" mit meinen
Möglichkeiten szenisch und musikalisch zu deuten.
Und warum gerade Salzburg?
Es gibt kein Haus, und ich habe unzählige gesehen, das
sich so für Wagner eignet, wie das Große Festspielhaus.
Und, was die Stadt anbetrifft, so hat sich schon Wagner, wie
wir aus einem Brief wissen, mit dem Gedanken getragen, hier
seine Bühnenwerke aufzuführen.
Demnach erfüllen Sie, hundert Jahre später,
Wagners geheimen Wunsch ... Entspricht nun die Gestaltung
der Osterfestspiele Ihren Erwartungen und Vorstellungen?
Ja, zweifellos, und besonders treuen mich die Sympathie und
Unterstützung all dieser Unbekannten, die so sehr an
meinem Vorhaben interessiert sind. So stieg die Zahl der Förderer
um das achtfache auf 1200, und es ist gerade dieses steigende
Interesse, das mich in ein Dilemma zwängt. Ich bin einerseits
auf die finanzielle Unterstützung der Förderer angewiesen,
denn, schon wegen des Rufes der Osterfestspiele, steigen die
Lohn- und Gagenforderungen vom Bühnenarbeiter bis zum
mitwirkenden Künstler von Jahr zu Jahr. Andrerseits aber
kann ich die Freunde der ersten Stunde, die seither den Osterfestspielen
die Treue hielten, nicht vor den Kopf stoßen, indem
ich den Förderern den Hauptanteil der Plätze sichere.
Rentabilität durch steigende Fördereranzahl oder
Pleite durch Anerkennung der Besuchertreue, das ist wirklich
eine harte Frage geworden. Wir haben uns daher schon überlegt,
ob wir nicht während zwei Jahren das gleiche Programm
bieten sollen, um alle Kartenwünsche erfüllen zu
können. Es steht allerdings fest, daß wir den "Ring"
nicht geschlossen aufführen werden. Mit der jetzigen
Alternierung von Opernaufführungen und Konzertdarbietungen,
habe ich bei Krankheitsfall eines Künstlers drei Tage
Zelt, um die Genesung abzuwarten oder Ersatz zu finden; bei
einer geschlossenen "Ring"-Aufführung wäre
dies mir unmöglich. Außerdem soll das, was vorbei
ist, wirklich vorbei sein, so leid es vielen tun mag…
Es soll nur in der Erinnerung weiterleben...
Ja!
Werden Sie zuerst den "Ring" abschließen
oder, wie mehrfach geschrieben wurde, nach "Siegfried"
den "Tristan" einblenden?
Nein, zuerst kommt "Götterdämmerung".
Wir werden den "Ring" abrunden. Erst dann folgt
"Tristan" oder "Fidelio" oder "Wozzeck".
Herr von Karajan, ich schrieb in einem Bericht über
Ihr Repertoire, daß Pendereckis "Polymorphia"
Ihrem Klangempfinden zweifellos neue Impulse gegeben hat.
Können Sie mir diese Annahme bestätigen?
Ja! Ich möchte auch noch sagen, wie riesig sich die Musiker
selbst über das Werk gefreut haben. Ich habe damals,
bei der Aufführung Penderecki selbst kennengelernt, einen
ungemein intelligenten Musiker. Ich werde auch sein neues
"Requiem" in das Programm der Oster- oder Sommertestspiele
in Salzburg aufnehmen. Die Uraufführung überlasse
ich andern, aber ich werde mir ihre Interpretation anhören
und mir meine Gedanken darüber machen.
Ich glaube, Penderecki gelingt dank seiner Begabung
die Synthese der neuesten Musikforschungen.
Es kommt nicht von ungefähr, daß er innerhalb zwei
Jahren zum meistgespielten zeitgenössischen Komponisten
wurde.
Ich danke Ihnen für dieses Gespräch und
freue mich auf die Osterfestspiele 1969!
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