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Januar 90 im Escher Theater

Guy Wagner


Man spricht von einem neuen Jahrzehnt, dem letzten dieses Jahrhunderts.
Eigentlich aber müßte man das Ende dieses Jahres abwarten, bevor man von einer neuen Dekade reden dürfte.
Nur: die Umwälzungen zu Ende des letzten Jahres sind so außergewöhnlich gewesen, daß der politische Umbruch mit sich gebracht hat, daß man das Neue auch mit einem ändern Jahrzehnt verbinden möchte, daß man einfach Abschied nehmen will von diesen 80er Jahren, deren man überdrüssig geworden war.
Treten wir daher ein in das neue inoffizielle Jahrzehnt!
Der müßte doch schon ein Hellseher sein, wer voraussagen könnte, was die ganzen Veränderungen uns bringen werden. Uns bleibt nur zu hoffen, daß auch in dieser Zehnjahresfrist Platz bleibt für Utopien und neue Hoffnungen. Hoffnungen auf verstärkte Möglichkeiten, unsern Mitmenschen aus dem anderen Europa, das wir zu entdecken scheinen, zu begegnen, mit ihnen zusammenzuarbeiten - mitzuerleben, was sie uns zu bieten haben, wie sie uns bereichern können.


P.O. Scotto, unser Bruder...


Dazu ist ein gutes Vorzeichen gewesen, daß gerade polnische Sänger - Chor und Orchester von Gdansk, unter der Leitung von Janusz Przybylski - im Escher Theater Verdis Requiem in einer intensiven, eindringlichen Deutung vorgestellt haben, einer Deutung, die das Opernhafte durch die Betonung des Geistigen ersetzte und so mit zwar bescheidenen, aber adäquaten Mitteln eine beklemmende Vision zu bieten imstande war.

Ebenso einfach, innerlich bewegend, war die Gestaltung von Theodorakis-Liedern durch Anastassia Tsoutsou: Mit diesem Abend machte die in Luxemburg lebende Griechin deutlich, daß mit ihr als Sängerin und als Schauspielerin gerechnet werden muß. Sie hat eine Persönlichkeit, sie hat Talent, sie hat eine sehr schöne Stimme und sie weiß den Gehalt der Lieder von Theodorakis wiederzugeben.

Das Theätre National de Belgique bestätigt immer wieder seine herausragende Theaterarbeit, Hier werden auch Autoren zur Aufführung gebracht, die unbekannt sind, die etwas Neues zu sagen haben. So war es fast selbstverständlich, daß dieses Theater sich auch umsah nach dem, was heute auf den Bühnen der Sowjetunion gespielt wird. In einem brillanten, nuancenreichen Spiel zeigten Anne Marev und Jacques Vialla das verschachtelte Denken um Dichtung und Wahrheit, Wirklichkeit und Illusion, das Edvard Radzinski, der ungemein sensible russische Autor, in seiner „Comédienne d'un certain âge pour jouer la femme de Dostoïevski" einprägsam zu Theater machte.

Als Hoffnungsträger für die kommenden Spielzeiten darf ich auch die Compagnia d'Opera Italiana ansehen. Junge Stimmen, viele gesangliche Fähigkeiten, ernsthafte Theaterarbeit und ein ganz einfühlsames Orchester (unsere Freunde aus Pecs) machten aus der Trovatore-Darbietung eine reife Leistung, die den Erwartungen des Opernpublikums sehr entgegen kam- Mit diesem Ensemble werden wir weiter zusammenarbeiten können. Soll ich sagen, wie erleichtert ich da bin?

Und bestätigen, welche Erfüllung der Klavierabend mit András Schiff darstellt. Schiff zwang uns ganz einfach dazu, in seine Deutung der Bach-Partitas I-IV hineinzuhören und dabei sein geradezu perfektes Spiel zu vergessen. Nur die Musik galt noch. Ein Künstler trat zurück vor seiner Gestaltung, vielmehr noch: vor der
Musik von Bach, die er sich so zu eigen gemacht hat, daß Phrasierung, Rhythmus, dynamische Spannung, Auf- und Verklingen jeder Note zu einer Nachschöpfung wurden aus dem Geist permanenter Auseinandersetzung.
Diese aber erfolgte so selbstverständlich, daß sie zur Improvisation wurde, die jeder von uns nachvollzog.

Und schließlich: Pierre-Olivier Scotto! Seine Trilogie über Kindheit und Jugend ist so wahr, so ehrlich, so schön und stark, daß aber auch jeder sich zurückversetzt sah in jene Zeit, die ihn zum Menschen gemacht hat, und alle konfrontierten ihre Erfahrungen und Erlebnisse mit denen dieses wunderbaren Autors und Schauspielern und wurde sein solidarischer Partner. Wen wundert es daher, daß Pierre-Olivier zum Freund von über zweitausend jungen, jung gebliebenen und wieder jung gewordenen Menschen wurde... zu unserem Bruder?
© Guy Wagner, Kulturelles Tagebuch, Phare, nouvelle série, 17.2.1990

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