Rolf Hochhuth
Guy Wagner
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Rolf
Hochhuth war in Esch.
Er wohnte der Aufführung von „Unbefleckte
Empfängnis" bei und las anderntags im „Theaterstiffchen"
aus „Alan Turing", einer Erzählung,
die vieles von seiner eigenen Persönlichkeit verdeutlicht.
Alan Turing, ein genialer Mathematiker, steht am Ursprung
des Computers mit seiner Abhandlung: "On Computable
Numbers". Ihm gelang mit seinem Team während
des Zweiten Weltkrieges, den deutschen Code zu knacken
und es so Churchill zu ermöglichen, Hitlers Befehle
sehr schnell zu kennen und ihnen entgegenzuwirken.
Hochhuth mag Churchill; er verehrt ihn wie keinen andern
Menschen dieses Jahrhunderts, weil Churchill der Mann
ist, der Europa die Freiheit bewahrt hat. Aus seiner
Erzählung las er die von ihm erdachte Begegnung
zwischen Turing und Churchill, in der Wahrheit und Fantasie
sich zu einer faszinierenden neuen Wirklichkeit verdichten
und Hochhuths eigentliches Anliegen deutlich machen:
daß hinter dem geschichtlichen Prozeß, der
doch so anonym abläuft, Einzelmenschen die entscheidende
Rolle spielen, |
Nur aus dieser gedanklichen Voraussetzung sind seine Dramen
und Komödien verständlich, nur so wird Hochhuths
moralisches Anliegen verständlich. Hochhuth braucht den
singulären Menschen, an den er seine Fragen über
Verantwortung. Gerechtigkeit. Schuld und Mitschuld richten
kann.
Hochhuth liest seinen Text exakt. ruhig, doch nur scheinbar
distanziert- Man spürt hinter dieser Les-Art ein seltsames
Bewußtsein von Eigenverantwortung. Kommt daher auch
der Drang, soviele Fakten, soviele Details einzufügen,
daß sogar der Redefluß ins Stocken zu geraten
droht? Es ist ganz gewiß nicht der Drang, dem Leser
deutlich zu machen, wieviel der Autor weiß, was er sich
an Kenntnissen angeeignet hat, nein, die Fülle der Fakten
und Hinweise will umso eindringlicher die Persönlichkeit,
um die es geht, vorstellen, und die Fragen, um die es Hochhuth
geht, als echtes Anliegen hinstellen. Dafür hat Hochhuth
den respektvoll eindringlichen Applaus verdient, den die betroffenen
Zuhörer ihm spendeten.
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© Guy Wagner, Kulturelles Tagebuch, Phare, nouvelle série
n°8 - 16.12.1989
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