Die Verantwortung eines DirigentenGespräch mit Bernard Haitink
Heute ist es für junge Dirigenten noch schwieriger geworden. Es sind viele da, viele finden keine Anstellung. GW: Wollen sie denn nicht auch zu schnell zuviel erreichen? Nehmen sie sich noch Zeit zum Weiterlernen? „Diplomatisches“ Schweigen des Dirigenten. GW: War es zu Anfang für Sie auch schwierig dadurch, dass Sie als Holländer ein Orchester, dazu noch das bedeutendste in ihrer Heimat leiteten, das zuvor von zwei anderen Landsleuten, die einen großen Namen hatten, dirigiert wurde: Willem Mengelberg und Eduard van Beinum? Stellte sich die Frage des Propheten in seinem Heimatland? BH: Eigentlich nicht. Für mich kam vor allem, wie gesagt, eine Zeit des großen Lernens, als ich 1961 das Concertgebouw übernahm. GW: Sie teilten damals die Leitung mit Eugen Jochum. BH: Das war eine kluge Entscheidung des Orchestervorstands gewesen. Es gab für das Orchester einerseits die Führung durch einen weisen, inspirierten Dirigenten mit einem perfekten Wissen um die Werke der klassischen Musikliteratur, andrerseits einen jungen Dirigenten, der versuchte, neue Akzente zu setzen und neue Impulse zu geben. Beide aber dirigierten wir aus einem großen Respekt vor der Musik heraus, und Eugen Jochum wurde für mich ein sehr inspirierender Mentor. Engagement für Mahler GW: Sie wurden einer der ersten Dirigenten, der sich in den 60er Jahren konsequent für das Werk von Gustav Mahler einsetzte. Hing das mit der Mahler-Tradition am Concertgebouw zusammen? BH: Nein, insofern die Tradition eigentlich
erlöscht war, als ich das Orchester übernommen hatte.
Mengelberg war bis Ende der dreißiger Jahre ein glühender
Verfechter Mahlers gewesen, doch dann flaute sein Engagement für
ihn ab. Unter der Naziokkupation war Mahlers Werk sowieso verboten, und
nach dem Kriege hatte Mengelberg selbst Dirigierverbot, weil er
kollaboriert hatte. Es kamen zwar immer noch bedeutende Dirigenten ans
Concertgebouw, Otto Klemperer etwa, oder Bruno Walter, um Mahler-Werke
zu dirigieren, doch nicht mehr mit der Konsequenz, wie die eine Zeit
lang der Fall gewesen war.
BH: Das stimmt. Ich hatte jede Mühe, ihn ins Repertoire aufzunehmen und einzuspielen. Ich begann mit der 14. Sinfonie, mit Julia Varady und Dietrich Fischer-Dieskau. Als die Aufnahme erschien, erregte sie großes Aufsehen. Doch dann hieß es, es sei wegen der Solisten. Danach dirigierte ich die Fünfte, und der Schock war nicht weniger groß. Erst dann war man überzeugt. Arbeit in GroßbritannienGW: Gab es einen besonderen Grund oder besondere Affinitäten, dass es Sie dann nach England zog? BH: Nein, es passierte einfach. Zuerst wurde
ich zusätzlich Dirigent des London Philharmonic Orchestra und mit
dem ich sehr gerne arbeitete, doch ich muss gestehen, dass London eine
Stadt ist, die eine sehr große Anziehung auf mich ausübt und
ich immer gerne dorthin zurückkehrte, auch als ich Orchester auf
dem Kontinent wie die Berliner und die Wiener Philharmoniker
dirigierte, oder in den USA bei den New Yorkern, oder in Chicago,
Cleveland und Boston... GW: Gibt es einen grundlegenden Unterschied zwischen dem britischen Musikleben und dem Musikleben auf dem Kontinent? BH: London ist zweifellos eine Musikstadt. Jeden Tag gibt es Konzerte mit einem der vielen und guten Orchester, die dort zu Hause sind, oder ausländischen Spitzenensembles, aber was es nicht gibt, im Gegensatz zu Wien, Berlin oder Amsterdam, ist eine „Bindung“ des Publikums an ein Orchester durch Abonnements, Subskriptionskonzerte, wodurch es diese natürlich viel leichter haben als die britischen, die jeden Abend sozusagen mit einem neuen Publikum zählen müssen und auch hoffen, dass es kommt. Man kann dies bedauern, aber das hat auch eine Anzahl von Vorteilen. Die Gefahr der Routine ist weniger groß. GW: Was führte den symphonischen Dirigenten zur Oper? Sie waren ja auch Chef in Glyndebourne und sind am Covent Garden. BH: Glyndebourne war eine der wichtigsten Stationen in meinem Leben, vor allem wegen der dortigen Mozart-Pflege. Ich war immer fasziniert durch die menschliche Stimme, und kein Komponist hat die Oper so im Blut gehabt wie Mozart. In Glyndebourne konnte ich mich mit all seinen großen Meisterwerken auseinandersetzen, und ich habe enorm viel dabei gelernt, auch dadurch, dass ich feststellen konnte, wie sehr bei Mozart gerade die Oper auch sein symphonisches Schaffen und seine Klavierkonzerte beeinflusst hat. GW: Sie werden in der nächsten Spielzeit den „Ring“ noch in Covent Garden leiten, danach wird das Royal Opera House geschlossen, um renoviert zu werden. BH: Ich möchte hier nicht Stellung zur Diskussion um Covent Garden beziehen, denn die Fragestellung, ob man den Armen nimmt, um den Reichen zu geben, ist falsch, aber es wird ein langwieriger Prozess sein, bevor sich die Erneuerung dieses wichtigen Kulturhauses verwirklicht hat. GW: Werden Sie sich inzwischen nach einem anderen Hause umsehen? BH: Nein, nein, ich fühle mich dort zu Hause, weil die Arbeitsweise dort die für mich richtige ist. Ich mag nicht die für eine bestimmte Gelegenheit zusammen gewürfelten Sänger, Regisseure, Orchester, und in dieser Hinsicht ist Covent Garden verschieden. Es hat ein Orchester, das beständig das gleiche ist, es hat ein kleines Sängerensemble, aber ein sehr gutes, zu dem dann internationale Sänger hinzukommen, aber die gehören schon zur Familie und müssen die gleichen Verpflichtungen eingehen, wie die Mitglieder des Hauses selbst. Wir haben für jede Oper zwei bis drei Wochen intensive Proben, auch wenn es sich um Reprisen handelt, und durch diese beständige, regelmäßige Tiefenarbeit erreicht das Haus sein Renommee. GW: Sie sprechen von Tiefenarbeit. Haben Sie deswegen die Leitung des Europäischen Jugendorchesters übernommen? BH: Diese
jungen Menschen sind fantastisch, so auf die Musik konzentriert, so
begabt, so voll guten Willens. Es ist eine große Freude, mit
ihnen zu arbeiten, aber auch eine ebenso große Verantwortung. Vor
sie können sie nicht ohne eigene Erfahrung hintreten. Sie
müssen vor ihnen als Wissender stehen, und ich versuche, ihnen
meine Erfahrung mit bedeutenden Musikwerken zu geben: Sie haben noch
nie Strawinskys „Sacre“ oder die „Vier letzten Lieder“ von
Strauß gespielt. Da muss man selbst diese Werke vollkommen
beherrschen, denn nur so kann man eine Antwort auf ihre Erwartung geben
und ihnen eine Enttäuschung ersparen, die sie nicht verdient
hätten. © Guy Wagner, 1995, tageblatt, 18. Oktober 1995 -
auch in: "L'autre regard" (Ed. du Phare, 1995)
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