Der ideale Wegweiser zur MusikAm 9. August 1994 wäre Ferenc Fricsay 80 geworden
Fricsay: Eine Wiederentdeckung CD macht es möglich. Alte, uns liebgewordene Aufnahmen werden auf dem revolutionären Tonträger wieder verlegt, und neue Generationen von Musikliebhabern erhalten die Gelegenheit, Dirigenten und Interpreten zu entdecken, die in den 50er und 60er Jahren zu den bedeutenden Musikern gehören, dann aber, durch welche Umstände auch immer, vor allem aber durch unsere Schnellebigkeit, in eine vorübergehende Vergessenheit geraten waren. Schlägt man heute die gängigen Schallplattenzeitschriften auf, so entdeckt man, daß eine Anzahl von Rezensenten diese Neuauflagen mit dem „Fono Forum“-Stern, dem „Diapason d’Or“ oder dem „Choc de la Musique“ würdigen. Für sie wird das neue Hören alter Aufnahmen ebenfalls zu einem neuen Musikerlebnis, und sehr oft, meistens sogar, fällt der Vergleich heutiger mit damaligen Einspielungen zugunsten der Altmeister aus. Dies ist in letzter Zeit verstärkt auch der Fall für Aufnahmen mit dem ungarischen Dirigenten Ferenc Fricsay, und man wird sich (wieder) bewußt, welch ein Interpret von singulärer Größe er doch gewesen ist. Vom Hochbegabten zum Pionier des zeitgenössischen Musiktheaters Ferenc Fricsay wurde am 9. August 1914 als Sohn eines Militärkapellmeister geboren. Schon mit sechs Jahren kam er an die Ferenc Liszt-Akademie nach Budapest, An dieser Ausnahmeschule für Musiker, lernte Fricsay sozusagen alle Instrumente des Orchesters kennen. Er studierte u.a. Komposition bei Zoltan Kodály und Klavier bei Béla Bartók, der es grundsätzlich ablehnte, „Komponieren“ zu unterrichten . Mit 15, ersetzte Fricsay erstmals seinen Vater und dirigierte eine Militärkapelle. Als 19jähriger schloß er sein Musikstudium ab und leitete das Sinfonie- und das Opernorchester von Szeged bis 1944. Erstmals trat er 1939, mit 20 Jahren demnach, an der Budapester Oper auf, deren Leitung er 1945 übernahm. Er dirigierte ebenfalls die Nationalphilharmonie Budapest, wobei er in Verbindung mit Otto Klemperer kam. Als Ferenc Fricsay diesen 1947 bei den Salzburger Festspielen ersetzen mußte und die Uraufführung von „Dantons Tod“ von Gottfried van Einem dirigierte, schlug für ihn die Stunde des internationalen Ruhmes. Er brachte die Oper zu einem überwältigenden Erfolg. Diesen wiederholte er ein Jahr später mit „Le vin herbé“ von Frank Martin und noch ein Jahr danach mit „Antigone“ von Carl Orff. Damit hatte er dem zeitgenössischen Musiktheater in einem der Tradition verhafteten Salzburg Einlaß erzwungen. Fricsays Stunde war gekommen. Heinz Tietjen holte den damals 34jährigen nach Berlin. Er wurde Generalmusikdirektor der „Städtischen Oper“, heute, „Deutschen Oper Berlin“, gleichzeitig Chefdirigent des RIAS-Orchesters, des späteren Radio Sinfonieorchesters (RSO). Vier Jahre behielt Fricsay diese Stellen und leitete eine Glücksära für beide Institute ein, dann trieb es in wieder hinaus in die Welt. Er gastierte in Edinburgh und in den USA (Boston, San Francisco) und übernahm für kurze Zeit das Huston Symphony Orchestra, bevor er 1956 die Ernennung zum Generalmusikdirektor am Bayerischen Rundfunk annahm. In München ging ihm der Ruf eines Anwaltes für das zeitgenössische Musikschaffen voraus, doch Fricsay zeigte den Bayern, gleichzeitig mit der ersten Deutung von „Wozzeck“ in München, wie man die italienische Oper mit Glut und Leben auch diesseits der Alpen erfüllen kann. Legendär sind seine Deutungen des „Othello“, der „Lucia di Lammermoor“ und des „Ballo in Maschera“ geworden, legendär auch seine Visionen der „Khowantschina“ von Mussorgsky und des „Oedipus Rex“ von Strawinsky. Damals schrieb K.H. Ruppel in der „Süddeutschen“: „Seien wir uns klar, es ist nichts geringeres als das Erbe Toscaninis, das jetzt in München mitverwaltet wird.“ Die Münchner aber hatten nicht verstanden. Mit einem Intrigenspiel, das dem dauerhaften der Wiener ebenbürtig war, brachten sie ihn nach einer unvergleichlichen „Nozze“-Deutung, zur Neueröffnung des Cuvillièstheaters, zum Rücktritt. Von Krankheit schon gezeichnet, hatte Fricsay nicht mehr die Kraft, Widerstand zu leisten. Als seine Veröffentlichung der Symphonie „Aus der neuen Welt“ von Dvorák mit den Berliner Philharmonikern bei DGG erschien, stand auf dem Cover zu lesen: „1959 ist er, von schwerer Krankheit genesen, wieder in eine feste Bindung an seinen alten Berliner Klangkörper, das jetzige Radio-Sinfonieorchester, zurückgekehrt“. Es war keine Genesung. Noch vier Jahre rang Fricsay mit seinem Krebsleiden. Während dieser Zeit hat er Unvergleichliches geleistet und noch über 100 Schallplatten eingespielt. 1961 eröffnete er die Deutsche Oper in Berlin mit „Don Giovanni“, im selben Jahre leitete er die Salzburger Festspiele mit „Idomeneo“ ein, er dirigierte Konzerte in aller Welt, im Dezember desselben Jahres trat er zum letzten Male in der Öffentlichkeit auf. Ferenc Fricsay starb am 20. Februar 1963 in Basel. Läuterung und Verinnerlichung Man kann von zwei Phasen in seinem Schaffen reden. Photos belegen sie schon äußerlich. Vor seiner Krankheit war er ein kräftiger Mann mit rundem Gesicht, das durch die Halbglatze noch fülliger erschien, trat forsch auf, zeichnete ohne Taktstock mit knappen Fingerbewegungen die Musiklinien nach. Er war von einem fast fanatisch zu benennenden Willen zur Perfektion besessen, der alles von seinen Musikern in Schwerstarbeit abverlangte. Diese aber wußten, daß es dem „Toscanini-Nachfahren“ in erster Linie um Werktreue, um einen möglichst gewissenhaften Dienst an der Musik ging, und wenn das RIAS-Orchester und das Orchester des BR in kurzer Zeit einen außergewöhnlichen Ruf bekamen, so war es dank dieser Präzisionsarbeit ihres Chefs. Heute könnte man höchstens Simon Rattle als Orchestererzieher von gleich hohem Rang anführen. Nach seinen Operationen und der Rückkehr ans Dirigentenpult erlebte man einen anderen Ferenc Fricsay. Er stand nun, vornübergebeugt, mit eingefallenen Wangen, vor seinen Musikern; nie aber war vorher so viel Intensität in seinem Blick gewesen, nie war vorher soviel Verinnerlichung in seine Darstellungen eingeflossen. Die Perfektion war nur mehr Mittel, um die künstlerische Aussage auf ein starkes Fundament zu stellen. Es ging Fricsay um ein Humaintätsideal, und gerade darum sind die Aufnahmen, die er in den letzten Lebensjahren verwirklichte, sind seine Deutungen von Mozart und Bartók, den beiden Polen seines legendären Wirkens, in ihrer Auslotung aller menschlichen Dimensionen, von der ausgelassenen Heiterkeit bis zur trauernden Verzweiflung, auch heute noch nicht übertroffen. „Er wollte enthüllen, was hinter den Tönen lebt, und was sie von der Welt und den überirdischen Dingen offenbaren“. Und wie viele von uns haben damals durch die nun legendäre Fernsehaufzeichnung der Probe und Aufführung der „Moldau“ von Smetana mit dem Symphonieorchester des Süddeutschen Rundfunks eine Beziehung zur sinfonischen Musik gefunden und zum Verständnis für das, was Orchesterleitung und -erziehung heißt, weil der Dirigent nicht von Technischem sprach, sondern den Inhalt und den Gehalt der Musik in herrlichen Bildern zu vermitteln wußte! Es war Musik-Dichtung zum Greifen.
|