Mit einem
gewaltigen, aufwühlenden Sprachfluss, gehetzten Silben und
hastenden Worten tastet sich Guy Wagner an Franz Schubert heran. Die
Ehrfurcht vor dem Komponisten und die Leidenschaft für seine Musik
machen es dem Autor, Melomanen und Musikforscher nicht einfach. „Darf
ich Dich überhaupt mit Franz anreden?" fragt er zaghaft in
den Anfangszeilen seines biografischen Romans Winterreise.
Noch im Lauf seines ersten großen Atemzuges freundet sich Guy
Wagner mit Schubert an: aus „Franz Peter" wird „lieber
Franz". Beim nationalen Literaturwettbewerb wurde Guy Wagners
Roman Winterreise mit dem ersten Preis ausgezeichnet. In 24
Kapiteln durchstreift der Autor das Leben und Schaffen des
berühmten Komponisten und zieht Parallelen zu den 24 Liedern des
Zyklus Winterreise.
Franz Schubert
wurde am 31. Januar 1797 geboren. „Fremd bin ich eingezogen"
heißt das erste Gedicht der Winterreise, wie auch das erste
Kapitel des Romans. „Eingezogen" ist er in Lichtental bei
Wien, in ein miefendes Arbeiterviertel. Der Vatter, wie ihn die Kinder
nannten, war ein strenger Lehrer, die Mutter die unbemittelte Tochter
eines Schlossers..
Im
verschneiten Lichtental sucht Guy Wagner in der zweiten Person nach den
Spuren von Franz Schubert: „niemand hatte Dich gefragt, nur
lösten Deine Schreie die Deiner Mutter ab".
In ärmlichen
Verhältnissen wuchs der kleine Franz mit zehn Geschwistern auf.
Neun weitere starben bereits sehr jung. In diesem Elend kommen die
Kinder nicht „zur Welt", sie werden „in die Welt hinaus
gestoßen", „und wenn wieder eines der Kleinen stirbt, vögelt
Herr Lehrer Schubert ein neues zusammen". Hier wird Guy Wagners
Sprache karg wie das Milieu der Schuberts. Nicht umsonst ist die
Lichtentaler Kirche den vierzehn Nothelfern geweiht. Wagner zählt
sie auf, Augen zwinkernd, und geht in die barocken Details des mit
Putten und Engeln überladenen Hochaltars, vor welchem Schubert die
Taufe gespendet wird. Christophorus wird angefleht gegen
unvorbereiteten Tod. Sarkastisch bemerkt Wagner: „Franz, das
kannst Du nicht wissen, aber heute ist er der Schutzpatron der
Autofahrer, und die trifft der Tod meist unvorbereitet".
Der stille
Komponist mit der Harry Potter-Brille hat es ihm nicht einfach gemacht:
„Ach, so viele haben über Dich geschrieben, aber
trotz aller Exegeten, wissen wir so wenig von Dir", schreibt Guy
Wagner als sei Schubert ein alter, aber mysteriöser Bekannter.
1827, ein Jahr vor seinem Tod, komponierte Franz Schubert die Winterreise
nach Texten des Dessauer Dichters Wilhelm Müller. Der Liederzyklus
scheint wie die Wanderung eines Weltflüchtigen durch eine
winterlich erstarrte Seelengegend. Die Lieder erzählen in
Metaphern von gefrorenen Tränen, dem Traum von Ruhe und Wärme
und der geheimnisvollen Begegnung mit dem Leiermann.
Auf eben
einer solchen Wanderung begleitet Guy Wagner in seinem Roman Franz
Schubert und zeichnet den holprigen Weg des Komponisten an Hand
literarischer Quellen und Zitate, die sich mit frei erfundenen Dialogen
abwechseln. Im vierzehnten Kapitel verschmilzt Wagner selbst mit seinem
Romanhelden. Ganz diskret wird aus dem Du der Ich-Erzähler: Hier,
inmitten von Rotlicht und Nebelschwaden, holt sich Schubert die
vernichtende Syphilis-Infektion, die sein Leiden bis zu seinem Tod an
einer Typhus-Erkrankung begleiten wird. Im Puff denkt er an den Herrn
Vatter: „Lassen Sie mir diese Wärme.“
Überhaupt
ist der Konflikt mit dem Übervater bei Guy Wagner
allgegenwärtig. Bewegend schildert er Schuberts ernsthaften
Versuch, sich zu emanzipieren. „Herr Vatter, wenn ich jetzt mit
Ihnen rede, ist es von Mann zu Mann", sagt Franz, nach seiner
ersten Liebesnacht. Das erste Mal war in einer lauen Sommernacht in
Ungarn, auf dem Sitz der Esterházys. Welch knisternde Erotik hat
Guy Wagner da zu Papier gebracht! „Nichts als Wärme,... eine
Wärme, die Du nie gekannt hast." Mit der Wärme, die Schubert
später bei Minona, der Dirne, aufsucht, hat das nichts zu tun.
Aber auch der Gang ins Bordell ist ein Versuch, die Ketten mit dem
Vater zu sprengen.
Guy Wagners
Schubert-Biographie ist sorgfältige Geschichts- und Musikforschung
einerseits, inspirierte und unterhaltsame Fiktion andrerseits.
Sensibel, einfühlsam und an Hand zahlreicher liebenswerter Details
beschreibt Guy Wagner die Welt der „Schubertianer": die
Freundschaft zu Franz von Schober, die Abende mit Spaun und Mayerhofer,
die Begegnung mit Hüttenbrenner und Vogl.
Winterreise.
Roman ist aber auch ein Plädoyer für Freiheit und
Gerechtigkeit. Denn Guy Wagners Revolte auf die Begebenheiten des Wiens
um die Wende zum 19. Jahrhundert ist heftig - auf die
Kindersterblichkeit aus Mangel an Hygiene, die Zerbrechlichkeit der wie
am laufenden Band geschwängerten Frauen, die Zeit der Naderer, der
Spitzel des Polizeichefs Josef Graf Sedlnitzky von Choltitz, der
Bildung und Freigeisterei 1817 den Kampf ansagte, oder Metternichs
Attacken auf die Pressefreiheit. Das alles ist geschichtlich fundiert,
aber äußerst kurzweilig zählt, narrativ und doch
unglaublich poetisch. Guy Wagners Winterreise ist eine schöne,
ganz persönliche Widmung an Franz Schubert.
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