„Mein Gott wieviel
Blau verschwendest du,
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Odysseas
Elytis (eigentlich Odysseus Alepoudelis) wurde am 2. November
1911 in Heraklion auf Kreta geboren als jüngstes Kind von
Panagiotis und Maria Alepoudelis. Sein Vater war ein wohlhabender
Seifenfabrikant, der von der Insel Lesbos herstammte. Der Dichter
sollte sich denn auch nie als Kreter, sondern als Ost-Ionier sehen. 1914 zog die Familie nach Piräus, dem bedeutendsten griechischen Hafen und von dort nach Athen. Odysseas' Vater war ein enger Freund des bedeutendsten griechischen Staatsmannes jener Zeit, Eleftherios Venizelos, und so kam der Junge sehr früh in Berührung mit der Politik, umso mehr als Venizelos 1920 bei den Wahlen geschlagen wurde und die Familie Alepoudelis daraufhin wegen ihrer Verbundenheit zu Venizelos verfolgt wurde. Der Vater kam sogar deswegen ins Gefängnis. |
Nach einer
Europareise begann Odysseas mit 17 ein Studium der Chemie, das er
ebenso aufgab wie die folgenden Jurastudien. Inzwischen hatte er voll
Faszination den Surrealismus entdeckt, der für ihn eine „persönliche
Revolution“ wird. Er liest Eluard und Lorca, die ihn beeinflussen.
1935 überzeugen ihn seine Freunde, darunter der spätere
Nobelpreisträger Seferis, ihnen einige seiner Gedichte zur Veröffentlichung
zu überlassen. Odysseas wählt zuerst als Pseudonym den Namen
seiner Mutter, Vranas, danach nimmt er den Namen Elytis an, der ihn
berühmt machen sollte.
Die Anfangssilbe dieses Namens hatte er aus für Griechenland
bedeutungsschweren Wörtern ausgesucht: Ellada (Griechenland),
Elefteria (Freiheit), Elpida (Hoffnung) und Eleni (Helena, als Inbegriff
fraulicher Schönheit). Seine ersten Gedichte erscheinen 1935
in der Zeitschrift „Nea Grammata“ (Neue Texte).
Die heroische Epoche
Das nächste Jahrzehnt seines Lebens nennt der Dichter seine „heroische
Epoche“. 1936 übernimmt Metaxas die Macht und errichtet
eine faschistische Diktatur. Elytis muß 1937 zur Armee, in der
er Kadett an der Akademie für Reserve-Offiziere auf Kerkyra (Korfu)
wird. 1938 wird sein Gedichtszyklus "Sporaden" veröffentlicht.
Im selbem Jahr schreibt er die Gedichte "Das Alter des blauen
Gedächtnisses" und "Marina der Felsen".
... Auf den Lippen Sturmgeschmack
Und ein Gewand rot wie Blut... (Marina der Felsen)
1939 erscheint seine Sammlung "Orientierungen".
Als Mussolini im Oktober 1940 sein Ultimatum an Metaxas sendet, meldet
er sich freiwillig und kommt an die Front. Zweimal entgeht er nur
knapp dem Tode: Zuerst erkrankt er an Typhus, danach wird er im Kampf
gegen die Deutschen verwundet. Er schlägt sich nach Athen durch,
wo er unter dem Eindruck des Erlebten den „Helden- und Klagegesang
auf den in Albanien gebliebenen Leutnant“ schreibt.
... O starker Thymian sein Atem
Feld des Stolzes seine offene Brust
Für Freiheit und Meer ein Quell... (Helden- und Klagegesang)
Es folgt, ähnlich geprägt vom Kriegserlebnis, die „Albaniade“,
ein Gedicht für zwei Stimmen, und die Todeserfahrung sollte sein
späteres Werk beeinflussen und, als Reaktion sozusagen, seine
geradezu hymnische Lebensfreude bestimmen.
Nach Kriegsende wird Elytis für kurze Zeit Programmdirektor beim
Rundfunk in Athen. Als der Bürgerkrieg ausbricht, verläßt
er Griechenland und geht nach Paris. An der Sorbonne studiert er Philologie.
Er schließt Freundschaft mit zahlreichen Schriftstellern und
Künstlern wie Breton, Tzara, Ungaretti und Camus, Picasso, Matisse,
Giacometti und de Chirico. Er wird sich aber bewußt, daß
schöpferische Impulse für ihn kaum außerhalb seiner
Heimat zu finden sind und kehrt 1952 nach Griechenland zurück,
wo er wieder am Rundfunk arbeitet und sein Brot verdient. Seine Ferien
aber verbringt er mit Begeisterung auf den ägäischen Inseln,
und die „Kleinen Kykladen“ sollten wunderschöne
Lieder von Theodorakis werden.
Axion Esti
Auf Paros schreibt Elytis im Sommer 1954 den größten Teil
seines epochalen Werkes "Axion Esti" (Gepriesen
sei), für das er 1960 den griechischen Staatspreis für Lyrik
erhält. Jeder in Griechenland kennt dieses Epos vor allem, seitdem
Mikis Theodorakis große Teile davon vertont hat. Es war auch
Theodorakis, der diesen großen lyrischen Wurf zu Recht als die
"Bibel des neuen Griechenland" bezeichnet hatte.
Und in der Tat: In 47 gewaltigen Gesängen, aufgegliedert in drei
Teile: Genesis, Passion und Lobpreisung, beschwört "To
Axion Esti" Natur und Geschichte, Antike und Kosmos, Befreiungskampf
und Weltkrieg in ungemein eindringlichen Bildern. Elemente des Alten
Testamentes und der Dichtung der Antike (Homer, Sappho, Platon) verbinden
sich mit der byzantinischen Liturgie aus dem Mittelalter, den Visionen
des Surrealismus und der Auffassung dessen, was griechische Dichtung
sein kann und sein muß, und gestalten eine visionäre Darstellung
des griechischen Wesens. „Axion Esti ist nach Form und Charakter
eine Liturgie – der Dichter-Prophet verkündet die neue
Welt, besingt das große Mysterium des Seins: Geburt, Leid, Tod,
Auferstehung und Unsterblichkeit“ (Asteris Kutulas).
... Nur diese eine Schwalbe
der Frühling macht sich rar
damit die Sonne heimkehrt
bringen wir Opfer dar
Tausende Tote braucht es
wenn das Lichtrad ruht
lebende Leiber braucht es
wärmend verströmt ihr Blut... (Axion Esti)
Weltruhm
Die siebziger Jahre sind für ihn seine dichterisch fruchtbarsten.
Er veröffentlicht „Sonne die erste“, „Der
Lichtbaum und die vierzehnte Schönheit“, „Das Monogramm“,
„Die Halbgeschwister“ und „Maria Nepheli“,
neben „Axion Esti“ wohl sein schönstes und
eindringlichstes Werk, und wie so oft, verbinden sich in diesen Gedichten
eine ungestüme Faszination vor der Meer-Landschaft der Ägäis
– dabei werden Himmel und Meer, Meer und Festland, Festland
und Natur, Natur und Mensch zum „Echo“, zur Spiegelung
des Seins – und die Erfahrung dieses Seins, dieses Da-Seins,
dieses Lebens als der Notwendigkeit, die Augenblicke des Glückes
erringen zu müssen und dafür zu zahlen; aber, wie für
Camus („Noces“), lohnt es sich auch für Elytis, jeden
Preis zu zahlen.
... Wir sind das Negativ des Traums
deshalb erscheinen wir schwarz und weiß
und erleben das Verderben
bei der minimalsten Gegebenheit... (Maria Nepheli)
Das Jahrzehnt wird mit der Verleihung des Nobelpreises gekrönt,
den die Schwedische Akademie in Stockholm Elytis am 19. Oktober 1979
verleiht für seine Dichtung, die „mit der griechischen
Tradition als Hintergrund, mit sinnlicher Vitalität und intellektuellem
Scharfblick den Kampf des modernen Menschen für Freiheit und
Kreativität gestaltete".
Ein weiterer eindringlicher Gedichtband folgte in den achtziger Jahren:
„Tagebuch eines nichtgesehenen April“.
Odysseas Elytis starb am 18. März 1996 in seiner Wohnung im Stadtteil
Kolonaki. Mit ihm erlosch die letzte große Stimme einer Dichtergeneration
(Kavafis, Seferis, Ritsos, Elytis), die der griechischen Dichtung
dieses Jahrhunderts Weltgeltung verschafft hatte.
- Alles vergeht. Es schlägt eines jeden Stunde.
- Alles bleibt. Ich gehe. Ihr seid jetzt an der Reihe... (Tagebuch)
© Guy Wagner, Livres (Tageblatt) - Juli 1996 Retour articles de presse... |
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