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Editorial

Einmischung nicht nur erwünscht,
sondern ganz einfach erfordert



A bas la calotte!
http://ssevillano.free.fr/
Illustrations: Cahier 13

In dieser Nummer von "kulturissimo" kommen einige der namhaftesten Kinder- und Jugendbuchautoren zu Wort.

Sie schrieben Stellungnahmen zur Frage des Religionsunterrichtes, zur Frage des Stellenwertes der Kirche(n) in einer Gesellschaft, die von sich behauptet, daß für sie die Laizität als Voraussetzung und Grundlage des harmonischen Zusammenlebens innerhalb der Gemeinschaft gelten soll.

Eine Koalitionsregierung, die unsere, hat nun vor einigen Monaten eine Übereinkunft gefunden in einer seit Jahrzehnten strittigen Frage. Es wurde ein Abkommen getroffen, durch das die Rechte, aber auch die Pflichten des Staates gegenüber den Kirchen, aber auch der Kirchen - der katholischen, der protestantischen, der griechisch-orthodoxen und der jüdischen Religionsgemeinschaft – gegenüber der Allgemeinheit festgelegt wurden.

Fünf Konventionen wurden geschlossen, die nach den Worten der Kultusministerin, die ebenfalls Unterrichts- und Kulturministerin ist, "Ausdruck des Pluralismus in unserer Gesellschaft sind", wobei sie sich auf die Verfassung berief, die vorsieht, daß die Beziehungen zwischen den Kirchen und dem Staat durch Konventionen geregelt sind.

Fünf Konventionen

Konkret bedeutet dies einerseits, daß der Staat für die Entschädigung der Kultusdiener aufkommt: konkret für 3 evangelische, 4 israelitische, 2 griechisch-orthodoxe und ... 254 katholische!

Konkret heißt das, daß die Vertreter von Religionen nicht von den Anhängern dieses Glaubens, sondern von der Allgemeinheit bezahlt werden, ob die

Die fünfte Konvention betrifft den katholischen Religionsunterricht im Primärschulwesen. Statt bisher drei, gibt es seit diesem Schuljahr nur mehr zwei wöchentliche Unterrichtsstunden, und parallel dazu werden in allen Schulen eine gleiche Zahl von Stunden, die der "Formation morale et sociale" gewidmet sind, angeboten; die Schüler müssen sich für eine dieser Möglichkeiten entscheiden, eine Freistellung ist nicht mehr möglich.

Am 18. Juni, nach einer heftig geführten Diskussion wurden diese Konventionen gestimmt, und nicht wenige auf der Linken sehen sie als Schandverträge an.

Wochen und Monate vorher schon gab es lautstarke Diskussion, die allerdings nicht zu einer so großen Mobilisierung geführt haben, daß durch das Votum in der Abgeordnetenkammer eine Verweigerung dieser Konventionen hätte herbeigeführt werden können. Die Sozialisten stimmten als Koalitionspartner dafür, und damit war das Thema "abgesegnet", zur größten Zufriedenheit der Catholica, die damit ihre Machtposition noch stärker in der Luxemburger Gesellschaft verankert weiß. Die Aufregung der Katecheten wegen der verlorenen wöchentlichen Schulstunde entpuppte sich schnell als das was sie war: ein Scheingefecht, denn mit der einen Hand nahm man viel mehr ein als man mit der anderen ausgab.

Ende der Diskussion?

War aber mit dem Votum die Diskussion um die Stellung des Glaubens in der Gemeinschaft abgeschlossen?

Ist das Land wieder zur "Normalität zurückgekehrt, wie in so vielen anderen Fällen, für die es im Vorfeld viel Aufregung gegeben hat?

Muß man nun die Hoffnung aufgeben, daß es je zu einer Trennung von Kirche(n) und Staat in Luxemburg kommt, und daß wir so tatsächlich unter den gleichen Voraussetzungen ins 21. Jahrhundert eintreten wie eine Anzahl islamischer Staaten, die alle Macht und Gewalt, alles Recht und jedes Zusammenleben auf mehr oder weniger fanatischer religiöser Grundlage aufbauen?

Müssen wir uns damit abfinden, daß wir tatsächlich unter den gleichen Voraussetzungen ins 21. Jahrhundert eintreten wie eine Anzahl islamischer Staaten, die alle Macht und Gewalt, alles Recht und jedes Zusammenleben auf mehr oder weniger fanatischer Grundlage aufbauen?

Man sage nun nicht, da gebe es doch noch gewaltige Unterschiede: Diese sind nur quantitativ, nicht qualitativ.

Das Prinzip ist das gleiche: die Religion bestimmt das Zusammenleben, und wie stark die Machtposition der einen Kirche hier in Luxemburg ist, kann man ja fast täglich erleben, nicht nur durch die Monopolstellung seiner Institutionen und seiner Druckprodukte, seiner das Land wie ein Internet von Verflechtungen und Organisationen durchwebenden Strukturen.

Die Sozialisten müssen sich die Frage gefallen lassen, ob ihr Verlangen, an der Macht zu bleiben, sie nicht dazu verleitet hat, wegen eines Linsenmuses ihre Seele zu verkaufen, denn es steht nun einmal fest und es ist auch in zahlreichen Dokumenten festgehalten, daß die Partei das Thema der Trennung von Kirche und Staat seit Jahren und Jahrzehnten immer wieder ins Wahlprogramm eingeschrieben hat und daß man nun alles andere erreicht hat als diese Trennung, selbst wenn die Parteioberen behaupten, das Konventionswerk sei eine erste Etappe auf dem Weg zu einem laizistischen Staat.

Wer das glauben mag...

Beweise hierfür blieben sie uns leider schuldig.

Genau so bleiben uns die Liberalen den Beweis schuldig, daß sie ebreit wären, auf eine solche Trennung hinzuarbeiten, und die Abstinenzler bei der Abstimmung machten nur deutlich, daß sie zu feige waren, eindeutig Stellung zu beziehen.

Jedenfalls wurde am 18. Juni eine Chance vertan, eine gewaltige Chance, gerade auch in einem kleinen Land wie dem unsren, Klarheit zu schaffen und den Staat als solchen von einem Ballast zu befreien, der ihn in wesentlichen Fragen wehrlos erscheinen läßt.

Die Fangarme der Kirche – und die Konventionen mit den anderen großen Religionsgemeinschaften, zu denen demnächst wohl auch die islamische hinzukommen wird, – erscheinen im Nachhinein als weiteres Alibi: es ging nur um eine Kirche, die eine, heilige, katholische und apostolische...

Es ist jedenfalls es unerträglich zu wissen, daß eine Glaubensgemeinschaft, die innerlich immer stärker zerfällt, deren Mitglieder immer weniger werden und immer weniger überzeugt sind von den eigentlichen religiösen Inhalten und Grundlagen, auf die die Kirche aufgebaut ist, von denen zudem immer weniger werden die Pflichten und Verpflichtungen einhalten, die mit ihrem Gläubigsein verbunden sind, eine derart beherrschende Stellung in unserem Lande einnimmt, auch und gerade gegenüber jenen, die nichts mit dieser Religion oder irgendeiner Religion zu tun haben wollen.

Gut, es kann nun den Anschein haben, als ob die Beiträge in dieser Nummer von "kulturissimo" nur Nachhutgefechte von unverbesserlichen linken Intellektuellen sind und daß das Thema inzwischen "ad acta" gelegt wurde.

Ist dem tatsächlich so?

Wird nicht jeden Tag erneut deutlich, daß die Kämpfe nicht zu Ende sind?

Es braucht hier nur auf die "Freie Tribüne" des Parteipräsidenten der LSAP, Jean Asselborn, vom 12. Oktober hingewiesen werden, die er als Reaktion auf den Brief einer Lehrerin aus Weiswampach im "tageblatt" schrieb.

Diese hatte gegen die Tatsache protestiert, daß der Diakon, aber auch der Bürgermeister und der Gemeinderat, darauf hielten, daß ein Kreuz ihren Schulsaal zierte, und sie stellte es als eine Zumutung hin, "im Schatten des Kreuzes" ihre Arbeit zu tun.

Es wiederholt sich somit in Weiswampach, was in Bayern Schlagzeilen gemacht hat.

Jean Asselborn geht die Diskussion an, in der "Überzeugung, daß der Prozeß eines aufgeschlossenen Denkens und Argumentierens in Sachen Kirche und Staat eingeläutet ist."

Seine Schlußfolgerung können wir gerne unterschreiben: "Die Kirche ist heute Gast in der öffentlichen Schule", nicht Gastgeber.

Asselborn schreibt "heute". Das will demnach nicht heißen, daß sie es morgen auch noch sein muß.

Daher betrachten wir das Datum des 18. Juni als signifikativ.

An dem Tag hatte De Gaulle von London aus zum Widerstand gegen die Besatzer seiner Heimat aufgerufen.

Am gleichen Tag, 58 Jahre später, wollte der Aufruf zum Widerstand gegen die Beherrschung des Landes durch die Kirche(n) erfolgt sein.

Guy Wagner


© Guy Wagner, kulturissimo (Tageblatt) - 21.10.1998

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