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Schlußpunkt

Einmischung erwünscht


Noch gibt es den Schriftsteller.

Noch ist er manchmal bereit, Zeuge zu sein und dem Wort die Bedeutung zu geben, die es immer hatte.

Noch haben sich nicht alle, die schreiben, in einem Elfenbeinturm verschanzt.

Das hat Günter Grass deutlich gemacht. Wieder einmal.

Und die Gelegenheit dazu war einmalig.

Den Friedenspreis des deutschen Buchhandels erhielt am Sonntag ein kurdischer Schriftsteller, Yasar Kemal, der in der Türkei seit jeher jedem Druck und jeder Verfolgung ausgesetzt ist, den aber selbst der deutsche Bundeskanzler als "Grandseigneur der türkischen Literatur" würdigt. Na, das ist doch schon was!.

Und da hält Günter Grass, der in sämtlichen Medien der Bundesrepublik vorige Woche stundenlang zum 70. Geburtstag gefeiert worden war, in Gegenwart des vormaligen Bundespräsidenten Dr. Richard von Weizsäcker, und des Bundesministers Norbert Blüm, die Laudatio, und… greift die bundesdeutsche Asylpolitik an!

Dieser "Festredner" hält nun ganz und gar keine festliche Rede, sondern liest den Anwesenden und den Zusehenden die Leviten.

Er bezeichnet die deutsche Abschiebepraxis als "demokratisch abgesicherte Barbarei" und sagt: "Ich schäme mich meines zum bloßen Wirtschaftsstandort verkommenen Landes, dessen Regierung todbringenden Handel zuläßt und zudem den verfolgten Kurden das Recht auf Asyl verweigert."

Wörtlich meint er: "Wer immer hier, versammelt in der Paulskirche, die Interessen der Regierung Kohl/Kinkel vertritt, weiß, daß die Bundesrepublik Deutschland seit Jahren Waffenlieferungen an die gegen ihr eigenes Volk einen Vernichtungskrieg führende Türkische Republik duldet", brandmarkt diese Waffenlieferungen gerade wegen des Kurdenkrieges als "schmutziges Geschäft" und sieht als Hintergrund dieser Politik ein "in Deutschland latenter Fremdenhaß".

Schlimmer noch!

Da wagt auch der Ausgezeichnete, ein 74jähriger, dessen Werke in mehr als 30 Sprachen übersetzt sind, als Ausländer auf deutschem Boden, einen Appell an die demokratische Staatengemeinschaft und vor allem die Waffenlieferanten der Türkei zu richten, sich für ein Ende des Kurdenkrieges zu engagieren, den er als "unglaublich schmutzig, grausam und sinnlos" bezeichnet.

Da wagte dieser Schriftsteller am Vorabend sogar zu sagen, Türken würden in Deutschland wie "Menschen dritter Klasse" behandelt.

Und schon heulen sie denn alle, von Hintze bis Kuntze, und wir dürfen denn lesen:

"Regierungssprecher Peter Hausmann wies diese Vorwürfe zurück", indem er erkärt: "Die Bundesrepublik ist kein fremdenfeindliches Land. Sie übernimmt mehr Lasten bei der Aufnahme von Bürgerkriegsflüchtlingen als jedes andere Land. Wer so ungeheuerliche Behauptungen aufstellt wie Grass, geht an der Wirklichkeit vorbei und schadet schließlich seiner eigenen Reputation."

Ach ja, und der andere offizielle Heuler, die Stimme seines Herrn, der CDU-Generalsekretär, der heißt tatsächlich so: Hintze; Vorname: Peter, für jene, die es nicht wissen sollten, und das sind wohl die meisten.

Er greift den Börsenverein des deutschen Buchhandels an, der den Preis verleiht, weil er Grass – auf Wunsch Kemals – als Laudator gewonnen hatte: "Der deutsche Buchhandel sollte in der Auswahl seiner Festredner nicht ausschließlich den Wünschen des Geehrten folgen."

Eher wohl denen der Bundesregierung?

Hintze sagt dann, wer "rechtmäßige" Abschiebung "Barbarei" nenne, wisse nicht, "wovon er redet", und die Rede von Günter Grass markiere "den intellektuellen Tiefstand eines Schriftstellers, der sich mit seinen unsachlichen Ausfällen gegen die Bundesrepublik endgültig aus dem Kreise ernstzunehmender Literaten verabschiedet hat".

Doch für solche Äußerungen fand bereits Rudolf Scharping das richtige Wort. Sie seien ein "neues Beispiel für seine unwissende Arroganz."

Und man fühlt sich um Jahre zurückversetzt, in die "bleierne Zeit", als ein Franz Josef Strauß hetzte und der Wirtschaftswunder-Bundeskanzler Ludwig Erhard die Intellektuellen als "Pinscher" bezeichnete.

Ist diese Kontroverse nicht irgendwie tröstlich?

Sie sagt doch wohl, daß es noch Schriftsteller gibt, die überzeugt sind, mit ihrem Wort Veränderungen herbeiführen zu können. Es ist dies der unverbesserliche Optimismus, ohne den es kein wirkliches Schreiben gäbe.

Sie sagt aber auch, daß das Wort des Schriftstellers, trotz neuer digitalisierter Medien und Cyberspace seine Schlag-Kraft behält.

Tröstlich daher für jene die schreiben.

Nur, den Mund auftun müssen sie auch.

Guy Wagner


© Guy Wagner, kulturissimo (Tageblatt) - 22.10.1997

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