PREMIERE PAGE | MES LIVRES I | MES LIVRES II | THEODORAKIS (D) | THEODORAKIS (F) | MOZART (F) | MOZART (D)

Colloque "Europe culturelle 2000"

Déclarations d'Esch

Erklärung II


FRAGEN UND ÄNGSTE

1.

Europa befindet sich in der schwersten Definitionskrise der Nachkriegszeit.

2.

Während die alten nationalstaatlichen Gegensätze in Westeuropa nach dem Zweiten Weltkrieg durch ein neues gemeinschaftliches Denken abgelöst wurden, hat in Ost- und Südosteuropa eine umgekehrte Entwicklung stattgefunden. Die unter den stalinistischen Diktaturen aufgezwungene "Völkerfreundschaft" ist nach dem Zerfall des Ostblocks in einen immer virulenteren Nationalismus umgeschlagen.

3.

Gleichzeitig nimmt die Kluft zwischen dem Reichtum des Westens und dem Armut des Ostens zu. Ergebnis dieses Auseinanderdriftens ist die zunehmende Angst der Armen, alleingelassen zu werden, und die zunehmende Angst der Reichen, teilen zu müssen.

4.

Europa kann nur zusammenwachsen, wenn diese Kluft allmählich verringert und schließlich überwunden wird. Wirtschaftliche Hilfe und Transfer von technischem und technologischem Know-how können diese Aufgabe allein nicht lösen.

5.

Die am Escher Kolloquium Kultureuropa 2000 beteiligten Schriftsteller, Theaterleute, Musiker, Kulturarbeiter, Lehrer, aus Belgien, Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Luxemburg, Rumänien, Spanien und der Türkei, vertreten die Überzeugung, dass auch ihr Beitrag zum Überwinden dieser Kluft gefordert ist.

Dieser Beitrag unfasst gemeinsames Eintreten

- für eine bessere Kenntnis der immer noch weitgehend unbekannten geistig-kulturellen Traditionen ost- und südosteuropäischer Staaten und Völker;

- für die Förderung des gegenseitigen kulturellen Austausches, insbesondere zwischen den Jugendlichen aller europäischen Völker;

- für die Einbeziehung der ost- und südosteuropäischen Sprachen in den westeuropäischen Schulunterricht;

- für eine breite, differenzierte, verantwortliche und verbindende Berichterstattung durch die Massenmedien;

- für den Ausbau von Partnerschaften auf kulturellen und anderen gesellschaftlichen Ebenen und für den Einschluss nationaler Gewerkschaften, Künstler- und Berufsverbände in die bereits bestehenden supranationalen Organisationen.

6.

Grosse Besorgnis erfüllt die Teilnehmer angesichts

- der Erstarkung rechtsradikaler, ausländerfeindlicher Manifestationen und Gewaltakte gegen Roma und Sinti, Schwarzafrikaner, Türken, Tamilen und viele andere;

- der zunehmenden Sympathie weiter Bevölkerungskreise für diese Manifestationen und Gewaltakte;

- des Schweigens der einst führenden Köpfe der westeuropäischen Linken, die sich vor dem Zusammenbruch des Ostblocks entschieden für die Achtung der Menschenrechte eingesetzt haben.

7.

Mit gleicher Besorgnis stellen die Teilnehmer fest, dass die interethnischen Konflikte im Osten und Südosten Europas zunehmend von klerikalen Kreisen angeheizt werden.

8.

Sie halten es für notwendig, dem in Ost- wie in Westeuropa um sich greifenden, alle Gesellschaftsschichten umfassenden Irrationalismus entgegenzuwirken.

9.

Sie wollen sich durch Fortführung der hier begonnenen Arbeit für eine auf Respektierung aller Kulturtraditionen beruhende multikulturelle Gesellschaft einsetzen und fordern, dass die in dieser Erklärung formulierten Initiativen durch bereits vorhandene Förderprogramme des Europarates und der Europäischen Gemeinschaft im sozialen, pädagogischen und kulturellen Bereich, besonders im Hinblick auf die Überwindung jener Kluft, entscheidend und dauerhaft unterstützt werden.

 

© Unterzeichner der Erklärung, 1991


Déclaration I (français) ... Déclaration II (anglais) ... Participants... Retour Théâtre Esch....


PREMIERE PAGE | MES LIVRES I | MES LIVRES II | MES LIVRES III | THEODORAKIS (D) | THEODORAKIS (F) | MOZART (F) | MOZART (D)