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Zum Tode von Edmond Cigrang

Guy Wagner


Edmond Cigrang

Eigentlich wollte ich von ganz anderem reden, Notizen zu den immer so schnell vergehenden und so rasch vergessenen Ereignissen in unserem Kulturleben machen, berichten über das Ende des Sommers und das Anfang der neuen Spielzeit Erlebte.

Doch, dies ist unwichtig geworden gegenüber der Endgültigkeit, daß Edmond Cigrang nicht mehr unter uns ist.

Der Tod hat ihn, so konnte ich in der Zeitung lesen, in Südfrankreich, auf der Rückreise aus den Ferien, ereilt... wie man so sagt.

Im Zusammenhang mit dem Tode kennt die Sprache eigentlich nur Floskeln. Was kann man gegenüber dem Unfaßbaren auch sagen? Wie kann man über die Trauer sprechen, die einen bei einer solchen Nachricht überfällt?

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Erinnerungen brechen durch, Augenblicke werden ins Bewußtsein zurückgeholt, wo man gerade mit diesem Menschen zusammen war, wo man mit ihm redete, wo man erkannte, was ihn gefreut und was ihn geschmerzt hat.

Meine Erinnerungen an Edmond Cigrang gehen zurück auf die Lehrernormalschule, wo er, am Rande der Verzweiflung, aber mit nie ermüdender Zähigkeit uns, den angehenden Pädagogen, seine Liebe zur Musik vermitteln wollte und wo wir uns an einem fürchterlichen Instrumente, dem „guide-chant", abrackerten. Diese Antimusikkonstruktion allein hätte genügt, jedem normalen Menschen den Ekel vor der Musikpraxis einzutreiben. Wieviel schrecklicher muß es für „Cig" gewesen sein, unserem Kamikazegebaren zuhören zu müssen!

Doch wußten wir überhaupt nicht, wie feinfühlig dieser Mensch war. Ich entdeckte seine Musik erst zwei Jahrzehnte später, und wenn ich nur in seine „Sieben Japanischen Lieder" denke, die er zu dem Zeitpunkt geschrieben haben muß, als er sich an uns abmühte, so wird mir umso deutlicher bewußt, welche innere Kraft Cigrang gehabt haben mußte, als aber auch gar niemand bereit war zu verstehen, daß Cigrang hierzulande „Unerhörtes" schuf: Die Musik, die er vor dreißig Jahren schrieb, ist Voraussetzung gewesen für das, was heute unser Musikschaffen so faszinierend macht.

Kompromißlos und eigenwillig war er immer gewesen: „Seit er zu schreiben begann, galt er als zur Avantgarde gehörend, und als er zu schweigen begann, war es aus Enttäuschung. Nach zwanzig Jahren, wo einige seiner Werke endlich wieder aufgeführt wurden, wird gleichzeitig deutlich, daß er immer noch zur Vorhut unserer Komponisten zählt. Damit wird auch klar, wie sehr seine Werke vor ihrer Zeit geschrieben worden waren, oder vielmehr, wie zeit-los sie sind", schrieb ich 1985 in meinem Buch „Luxemburger Komponisten heute".

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Ein paar Angaben zu seinem Leben: Edmond Cigrang wurde am 7. Juli 1922 in Diekirch geboren, verbrachte aber seine Kindheit und Jugend in Remich. Er besuchte die Lehrernormalschule und begann seine Lehrertätigkeit während der Kriegsjahre. Nach der Befreiung setzte er sein Musikstudium fort, zuerst in Zürich, wo er bei Paul Müller und Rudolf Mittelsbach studierte, sodann in Köln, wo er Unterricht bei Philipp Jarnach, Rudolf Petzold und dem Musikpädagogen Hans Mersmann erhielt. Schließlich besuchte er in Paris Kurse von André Jolivet und Max Deutsch.

Cigrang ist die grundsätzliche Reform des Musikunterrichtes in der Primärschule zu verdanken, und seine kritischen aber äußerst kompetenten und sachverständigen Auseinandersetzungen um das Musikleben und die Musikerziehung brachten ihm nicht nur Freundschaften ein. Am Konservatorium lehrte er Musikanalyse und Musikgeschichte, und zahlreiche junge Komponisten erhielten durch ihn die entscheidenden Impulse. Er war der eigentliche Mentor der heutigen Musikentwicklung hierzulande.

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Ich erinnere mich, mit welchem Respekt, mit welcher Hochachtung, mit welcher Liebe die Begründer und Verantwortlichen der LGNM, der Letzebuerger Gesellschaft fir Nei Musek, von Edmond Cigrang sprachen, und es war denn auch für sie selbstverständlich, daß sie gerade Cigrangs Werke zu Kernstücken ihrer Veranstaltungsreihen machten.

Ich erinnere mich an Denise Hubertys feinsinnige Deutung der japanischen Lieder: Werke wie Haikus, feingeschliffene, intensive Kostbarkeiten: an die Interpretation der Flötenpartita durch Carlo Jans, eine solistische Meisterleistung, aber auch und vor allem eine kompositorisch einzigartige Tat, die allein genügen müsste, Cigrang zu den großen Musikschöpfern zu zahlen.

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Was zeichnete dieses Schaffen ganz besonders aus? Ich glaube, es ist die Konzentration. Cigrang kam es darauf an, mit wenigen, aber genau gewählten Mitteln das Entscheidende zu sagen, das zu sagen, was für ihn wichtig war. So schuf er Lied-Zyklen, um ein Thema variationsähnlich von einem Lied zum ändern weiterzuführen und auszudeuten, um Fragen des Musikgestaltens und Sorgen um den Sinn der musikalischen Aussage in unserer Zeit des Massenkonsums mit der ihm eigenen Kraft und Sensibilität deutlich zu machen. Die Kraft seiner Musik kommt aus der Zurücknahme aller äußeren Effekte. Cigrangs Musik lebt von innen heraus und geht nach innen.

Nun ist sie zum Testament geworden, zu einer Verpflichtung uns alle. Dafür sei Edmond Cigrang über das Grab hinaus gedankt.

Guy Wagner
© Guy Wagner, Kulturelles Tagebuch, Phare, nouvelle série, 21.10.1989

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