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Leiden an sich und seiner Heimat

Zum 20. Todestage von Dmitri Schostakowitsch

Dmitri Dmitriewitsch Schostakowitsch wurde am 25. September 1906 (13. September, nach alter Zeitrechnung) in Sankt Petersburg geboren. Er war ein schmächliches, kränkliches Kind und litt fast sein Leben lang.

Seine kunstliebende Mutter, eine Klavierlehrerin, die ab 1922, nach dem Tode ihres Gatten, die Kinder allein großziehen mußte, sorgte dafür, daß er und seine beiden Schwestern mit neun Jahren Klavierunterricht erhielten.

Bereits einen Monat später spielt er einfache klassische Komposition und beginnt zu komponieren und mit 11, spielt er das gesamte “Wohltemperierte Clavier” von Bach.


Hochbegabter Zeitzeuge

Der sensible Junge erlebt die Unwälzungen in seiner Heimat mit großer Begeisterung und sieht auch Lenins Ankunft am finnischen Bahnhof im April 1917. Von 1919 bis 1925 studiert er am Konservatorium seiner Heimatstadt. Großen Eindruck macht auf ihn die Begegnung mit dessen Leiter, Alexander Glasounov, der sein junges Talent fördert. Seine Lehrer sind Leonid Nikolaev für das Klavier und Maximilian Steinberg für Komposition. Bereits 1926, erringt er internationales Aufsehen mit seiner 1. Symphonie, die er für seine Graduierung komponiert hat und die von den bedeutendsten Dirigenten im Westen in ihr Repertoire aufgenommen wird. Er gilt fortan als der führende junge Komponist nach der Revolution von 1917.
Schostakowitsch ist zweifellos ein von den Idealen des Kommunismus Überzeugter. Davon geben auch mehrere Werke aus allen Schaffenzeiten Zeugnis, u.a. seine 2. Symphonie “An den Oktober” (1927), zum 10, Jahrestag der Oktoberrevolution, die 3., welche den Titel: “Der Erste Mai” trägt (1929), die 11. “Das Jahr 1905” (1957) und die 12. “Das Jahr 1917 - Dem Andenken Lenins” (1961).

Wegen seines Interesses für moderne Ausdrucksformen und die Entwicklung der Musik in den westlichen Ländern, seiner Ironie, die er als Lebenshaltung sowohl in der Wahl seiner Werkthemen als ihrer Behandlung zum Ausdruck bringt, und seiner sehr persönlichen schöpferischen Vision wird er wiederholt in politisch bedingte Kontroversen verwickelt. Bereits drei Jahre nach seinem ersten Erfolg, gerät er 1929 ein erstes Mal in Konflikt mit der allbeherrschenden kommunistischen Partei. Seine erste Oper, “Die Nase”, die nach den expressionistischen und atonalen Techniken komponiert ist und bei Kritik und Publikum begeisterte Aufnahme findet, wird als “bürgerlich-dekadent” zensuriert.

Zwischen Ehrungen und Verurteilungen

Seine nächste Oper, “Lady Macbeth von Mtsensk”, 1934 komponiert und 1963 in einer revidierten Fassung unter dem Titel “Katerina Ismailova” veröffentlicht, erhält wieder Beifall von Publikum und Kritik, doch am 28. Januar 1936 erscheint ein von Stalin selbst inspirierter Artikel in der “Prawda” unter dem Titel: “Musikalischer Chaos”, in dem das Werk als konterrevolutionär verurteilt wird. Schostakowitsch muß um sein Leben fürchten, denn es ist die Zeit der brutalsten stalinistischen Säuberungen.

Diese Angriffe führen dazu, daß er seine künstlerischen Ideen neu formuliert. Das Ergebnis ist die 5. Symphonie (1937). Auch die 6. von 1939 wird wohlwollend aufgenommen von Partei und Publikum. Die 7., die sogenannte “Leningrader” Symphonie, die er während der Belagerung seiner Heimatstadt durch die Nazitruppen komponiert, erringt weltweites Aufsehen; die 8. gilt zu Recht als ein ergreifendes Zeugnis für das Leiden der Menschen seiner Heimat unter der Naziinvasion. Dann aber macht der Komponist Stalin nicht die Freude, ihm zum Ruhme eine 9. Symphonie im Geiste Beethovens zu komponieren, sondern schreibt eines seiner gedrängtesten und ironisch-kritischsten Werke überhaupt.

Am 10. Februar 1948 wird er im berüchtigt gewordenen “Jdanow-Bericht” erneut angegriffen. Wie auch Sergei Prokofiew werden ihm “formalistische Exzesse” vorgeworfen, die dem Geiste des Sozialistischen Realismus zuwiderliefen: Seine Musik enthalte “antidemokratische Tendenzen, die dem Sowjetischen Volke und seinem künstlerischen Geschmack fremd” seien. Wieder mußte er versprechen, seinen Musikstil zu ändern. Der Schock, der diese Anschuldigungen in ihm auslösen, bringt ihn dazu, “sich ganz auf sich selbst zurückzuziehen.” (Solomon Volkov).

Anscheinend sind die Bonzen mit dem, was Schostakowitsch danach schreibt, zufrieden, denn 1956 erhält er den Leninorden, die höchste Auszeichnung der Sowjetunion. Sowieso gilt er nach Prokofiews Tod, am 5. März 1953, dem Todestag Stalins, und seiner Aufnahme in die KPdSU im Jahre 1960, auch für die Nomenklatura als der bedeutendste Komponist seiner Heimat, und daran soll sich bis zu seinem Lebensende nichts ändern.
Seine 13. Symphonie (1962), die, auf ein Gedicht von Jewtuschenko, an das Massaker der Juden durch die Nazis in Babi-Yar erinnert und den Sowjetischen Antisemitismus implizit kritisiert, aber verärgerte wieder derart, daß das Werk Aufführungsverbot erhält. 1966 ist Schostakowitsch dann wieder der erste Komponist überhaupt, der als “Held der Sozialistischen Arbeit” geehrt wird.

Eine wahre und aussagestarke Musik

Dmitri Schostakowitsch ist unbestreitbar der führende sowjetische Komponist des Jahrhunderts, der wenigstens anfangs überzeugt ist, daß es “keine Musik ohne Ideologie” geben könne. Später wird ihm immer bewußter, daß er eine Geisel des Kremls ist, was seine Weltanschauung zwar nicht verändert, ihn aber dazu führt, sich mehr und mehr auf das rein Musikalische zu konzentrieren und damit seine eigene Leiderfahrung, sein Mitleid und Mitleiden mit den Unterdrückten, besonders den Juden (“Aus jüdischer Volksdichtung”, op. 79, 1948), zum Ausdruck zu bringen und seine Auseinandersetzung mit dem Tode zu vertiefen.

Seine Musik zeichnet sich durch ihre rhythmische Vitalität und ihren melodischen Reichtum aus. Dieser fußt öfters auf populären Weisen aus Osteuropa, u.a. den Melodien der Zigeuner, einer anderen unterdrückten und verfolgten Minderheit. Sie bleibt in der Tonalität verwurzelt, trotz freier Dissonanzen, eines kniffligen Kontrapunktes und sogar einer zeitweiligen Zuwendung zur Dodekaphonie.

Schostakowitschs harmonischer Reifestil ist meist einfach und unmittelbar. Seine meisterhafte Beherrschung der Orchestrierung ist besonders beachtenswert. Seinen schon erwähnten Hang für die Ironie und die Satire bestehen sogar bis in seine letzten Werken und ihren dunklen Subjektivismus fort. So verwendet er gerne Zitate und Referenzen auf andere Werke, wie auf Lehars Lustige Witwe in der 5. Sinfonie, Mussorgskys “Gesänge und Tänze des Todes” in der 14. oder Rossinis Wilhelm Tell-Ouvertüre und Wagners Ring (“Todverkündung”) und Tristan in der 15. Symphonie (1971).

Bedeutender noch als Schostakowitschs symphonisches Schaffen, erscheint in immer stärkerem Maße seine Kammermusik. Seine 15 Streichquartette, die er zwischen 1935 und 1974 schreibt, stellen ohne Zweifel einen der wesentlichsten Beiträge zu dieser Gattung überhaupt dar: “Les officiels requiems de notre siècle, ce seront les quatuors de Chostakovitch.” (Lambert Schlechter. Le silence inutile, p.193).

Ebenso bedeutsam sind seine beiden Klaviertrios und das Klavierquintett, seine im Geiste Bachs komponierten und Tatiana Nikolayeva gewidmeten “24 Präludien und Fugen”, sowie seine Bratschensonate, op.147, sein letztes Werk überhaupt, mit einem beklemmenden 15minütigen Adagio als Todesmeditation. Als andere wichtige Werke sollen noch seine jeweils zwei Klavier-, Violin- und Cellokonzerte, seine Ballettmusik (“Das goldene Zeitalter”), Lieder und Filmmusiken erwähnt werden.

Dmitri Schostakowitsch starb vor zwanzig Jahren, am 9. August 1975, in Moskau.


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© Guy Wagner, Tageblatt - 9.8.1995

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