Weißt
du noch, wann du mir zum ersten Male von Brügge erzähltest?
Ja, kurz nachdem wir erstmals zusammen waren, und ich sagte dir, ich
sei noch nie in Brügge gewesen. Du sprachst mir von den winkligen
Gassen, von den Kanälen mit ihrem grünen Wasser, in dem
sich die feuchtgrünen Mauern und die tiefgrünen Bäume
spiegeln, von Spaziergängen, die wir machen würden, Hand
in Hand, über die engen Brücken, deren Bogenspiegelung sich
mit der Wölbung zu einem Oval verbindet. Du schwärmtest
von verträumten Häuserzügen, und wenn du dies sagtest,
schienen deine Augen einem alten Traume nachzugehen. Du machtest jedes
Mal eine Pause, und es dauerte lange, bis deine Gedanken zurück
waren aus einer unbekannten Vergangenheit. Brels Landschaft wecktest
du, die tiefen Himmel, die den Horizont des Flandernlandes als Wellen
berühren, und die Kathedralen, die als einzige Berge aus dem
"plat pays" herausragen. Du wusstest um die gotische Kathedrale von
Brügge, um van Eyck, oder war es van Dyck, um Museen wusstest
du und Bilder, die einen warmen Glanz haben, Bilder, die du liebst,
weil du die braune Farbe liebst, braun wie die Winkel der Cafes und
Restaurants mit ihren dunklen, schweren Holzbalken, und den Wänden,
an denen Kerzenlicht flackert.
"Ich werde dir Brügge zeigen, du wirst Brügge lieben wie
ich, und wir werden glücklich sein." Ich lächelte, wenn
du so sprachst und mir schwärmerisch die Bilder eines Buches
zeigtest, Bilder, die so genau deiner Beschreibung entsprachen, dass
ich mich fragte, ob du deine Beschreibung aus dem Buch hattest oder
aus der Wirklichkeit, und du meintest, Spott liege in meinen Mundwinkeln,
aber es war kein Spott, es war meine Art der Zärtlichkeit, die
du nicht verstehen konntest. Es war, als wehrte ich mich. Auch gegen
die Reise nach Brügge, die eine Liebesreise werden sollte, die
mir geben sollte, was noch nicht war. Denn du wolltest mir meine Jahre
abkaufen wie den Schatten von Schlemihl, und immer wieder riefst du
die Jahre vor dir herbei und triebst mich zurück in die verstorbenen
Tage, hinweggefegt wie tote Blätter, an deren Formen und Farben
man sich aber noch und wieder erinnert.
Wir sahen viel in den Monaten, da wir zusammen waren. Wir fuhren oft
weg und hatten Spaß, wenn wir dachten, wie dumm doch die ändern
waren, die sich ihre Freiheit nicht nahmen, die kleine Freiheit von
der Trägheit des Alltäglichen. Wir machten die Tage zu Erlebnissen
im Rausch der Stadt und in der Sommerruhe des Grases.
Einmal sind wir in Straßburg gewesen. Du kanntest Straßburg
nicht, und ich konnte dir etwas zeigen, als ich meine Vergangenheiten
verjagt hatte, die in den engen Straßen der "Petite France"
auf mich warteten; meine winkligen Gassen, meine grünen Kanäle
und die Restaurants mit ihrem warmen Licht auf den dunklen Holzbalken.
Du liebtest die eng aneinander gedrängten Häuschen mit ihren
kleinen Fenstern, die abends in gelbes Licht getaucht waren. Sie riefen
Brügge in dir wach, wo wir hinfahren sollten auf einer Liebesreise,
wo ich Schlemihl werden sollte; aber mein Schatten war dunkel und
groß in der Sonne deines Haares, und wir gingen durch die engen
Gassen, sahen die Fachwerkmauern, die fein geschmiedeten Ladenschilder
und die verschnörkelten Inschriften an den Häusermauern.
Du gingst in einen Hinterhof und riefst deine Freude. Du magst Hinterhöfe,
stille Winkel, in denen ein unbekanntes Leben spielt. Ein Baum stand
da, seine Blätter hungerten nach Sonne, aber die Sonne fand den
Weg nicht zu ihnen. Du sahst in das Atelier eines Holzschnitzers,
du kramtest in den Großmutterstoffen eines Trödlers und
erblicktest die Geranien, die vor blinden Scheiben standen, vor Gardinen,
die lange nicht mehr gewaschen worden waren, aber das war es, was
du liebtest, was du mir immer wieder gezeigt hast; Hinterhöfe
in Paris, den einsamen Baum in einem Vorgarten, die alte Laterne mit
ihrer Jugendstilverzierung, und als ich dir Bilder zurückbrachte
aus den Hinterhöfen und den engen Gassen des Hafens im Norden,
hattest du wieder dein Entzücken, well ich mit deinen Augen gesehen
hatte, und du hofftest, ich sei dir ganz nahe gekommen, aber ich war
nicht Schlemihl geworden, ich hatte dir meine Schatten nicht verkaufen
können, und du fandest einen andern, der dir die Zärtlichkeit
gab, die ich nicht zu sagen wusste, weil sie gestorben war mit den
roten, toten Blättern, an deren Formen und Farben man sich noch
und wieder erinnert.
Draußen fallen schmale Regentropfen auf die unruhige Fläche
des grünen Wassers und können ihre Kreise nicht beenden,
weil andere Kreise von ändern Tropfen sie verdrängen, wie
eine Vergangenheit die vorherige, sich mit ihr vermischt und das Wasser
unruhig macht, das grüne Wasser unseres Lebens, das unter den
engen Brückenwölbungen weiterzieht und die Schatten des
Ovals zerreißt im flachen Lande des Jacques Brel, in diesem
engen, verträumten Brügge; das du sahst ohne mich und wo
unsere Vergangenheit dich im Winkel eines kleinen Cafés sucht.
© Guy Wagner, 1978