Zeitung | kulturissimo | Photos | Cyranos I | Cyranos II | Cyranos III | Cyranos IV | Cyranos V | Cyranos VI | Site

tageblatt: „Antigone“ im LTAM

Ein ernstes Stück, ausgezeichnet gespielt


Probenbild. Photo Keven Erickson

„Antigone“ von Jean Anouilh gehört bestimmt nicht zu den einfachsten Theaterstücken. Wenn eine Schülertheater-Gruppe sich an dieses Stück heranwagt, dann muss es schon einen besonderen Anlass geben. Für die Schüler der Theatergruppe –„Les Cyranos“ des Lycée Technique des Arts et Métiers war es das Europäische Jahr gegen Gewalt gegen Frauen und Mädchen. Auf der Suche nach einem geeigneten Stoff stießen sie auf „Antigone". 
Am Mittwoch fand im Festsaal des LTAM die Premiere statt. 

Wer sich Schülertheater als trockenes und langweiliges Herunterspielen eines modernen Klassikers vorstellt, wurde hier eines besseren belehrt. Die Begeisterung, mit der alle Mitwirkenden bei der Sache waren, übertrug sich sehr bald auf das Publikum. 

In luxemburgischer Sprache

Anouilhs Stück wurde von Guy Wagner auf Luxemburgisch übersetzt – das erleichterte nicht nur den Schülern die Arbeit, da sie sich in ihrer gewohnten Sprache ausdrücken konnten und dadurch wesentlich natürlicher auftraten, sondern es machte auch den Zuschauernden Stoff zugänglicher. Das Einfügen der Chorteile aus Sophokles’ „Antigone“ erwies sich ebenfalls als eine sehr glückliche Wahl. Das Stück wurde auf diese Weise gut strukturiert und aufgelockert.
Dank eines Subsids des Unterrichts- und des Frauenministeriums brauchte auch nicht am Bühnenbild bzw. an den Kostümen gespart zu werden. Schlicht, aber sehr wirkungsvoll wurde von den Verantwortlichen der Kontrast zwischen Schwarz und Weiß ausgereizt, und sehr symbolhaft erschien der böse Creon im grauen Anzug.

Das Beeindruckendste an dieser ausgezeichneten Produktion war jedoch die Leistung der Mitwirkenden. Nachdem die anfängliche Premieren-Nervosität überstanden war, meisterten die Hauptdarsteller Conny Waldbillig (Antigone), Claude Sartorius (Creon), Chantal Schroeder (Amme), Carole Doffing (Ismene) und Pit Reichert (Hemon) die schwierigen und langen Dialogszenen ohne „Hänger“ und absolut glaubwürdig. Sie alle verstanden es, sich voll in ihre Rolle hineinzuversetzen. Aber auch die Nebenfiguren, wie zum Beispiel die Wachen (David Rollo, Andy Lamesch, Pit Mertens) oder die Prolog-Sprecherin (Alexa Junker), sowie die Chormitglieder führten ihre Rollen ausgezeichnet aus.

Es war der Theatergruppe anzumerken, dass „Antigone" für sie kein Pflichtstück ist, sondern dass sie wirklich mit viel Spaß und Enthusiasmus unter der Leitung von Jacqueline Weber-Hengen und Guy Wagner gearbeitet hat. 

Und das Resultat braucht den Vergleich mit den Produktionen semi-professioneller Theatergruppen wirklich nicht zu scheuen.

Rita Brors
tageblatt, 10.7.1999