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In den
letzten Wochen ist eine Abgeordnete durch ihre Attacken gegen die
Regierung im allgemeinen und die Kulturministerin im besonders
aufgefallen: Frau Anne Brasseur von der DP.
Monate- ja,
jahrelang hatte man kaum etwas von ihr gehört, und nun hat sie zu
einem Generalangriff gegen Neues und Bestehendes im Kulturbereich
geblasen.
Kaum hatte
Frank Hoffmann mit seinen Partnern eine finanzielle Unterstützung
für seine Vereinigung “Théâtre National” gefunden und
zudem noch die Möglichkeit erhalten, Proben im “Tutesall”
abzuhalten, da mußte schon eine parlamentarische Anfrage her!
Mehr noch:
Das Projekt des staatlichen Kultur- und Begegnungszentrums in der Abtei
Neumünster soll, Frau Brasseurs Wünschen zufolge, neu in der
Abgeordnetenkammer debattiert werden.
Schlimmer
noch: Am 30. Oktober brachte die Dame einen Gesetzesvorschlag ein, der
zu einer Abschaffung des soziokulturellen Radios “100,7” zum 1. Juli
1997 führen soll.
Ein starkes
Stück, das muß man der streitsüchtigen
Stadtschöffin zugestehen, die jetzt auch noch Ministerin
Marie-Josée Jacobs angreift, weil diese sich gegen eine
sexistische Werbung zur Wehr gesetzt hat! A wéi as et mam
Geescht?
Was die
Auseinandersetzung um die Gründung des Nationaltheaters und die
Infragestellung des Neumünster-Projektes angeht, hat Rita Brors im
“t”-Leitartikel vom 6. 11. von “absurdem Theater” gesprochen, und zu
recht schrieb sie, hier werde “mit Kanonen auf Spatzen geschossen”.
Vielleicht
ist das üblich in gewissen politischen Milieus, wie etwa dem der
DP, die an Ideen so leer ist wie ihre Beziehungen zur Privatwirtschaft
intensiv sind, leider aber läßt sich damit keine
Kulturpolitik machen, und daher zum Neumünster-Projekt nur noch
das Folgende: Jeder weiß, (auch die DP!), daß der
“Tutesall”, der von Anfang an eine Mehrzweckfunktion haben sollte, die
er bis heute nicht hat, in seiner jetzigen Form nicht einmal so recht
zu Ausstellungszwecken zu verwenden ist. Wenn also im Rahmen der
Neugestaltung des gesamten Komplexes auch an den “Tutesall” gedacht
wurde, kann man doch nur sehr dankbar sein, denn, auch das wurde
bereits des öfteren gesagt: Auf dem Gebiet der Stadt Luxemburg
gibt es keinen Saal, welcher dem Staat gehört und Theaterensembles
zur Verfügung gestellt werden könnte!
So sollte
man, auch seitens der Stadt Luxemburg, welche die beiden
Theaterhäuser, sowie u.a. den “Tramsschapp” betreut, doch froh
darüber sein, wenn das Kulturministerium sich seinerseits
bemüht, den einheimischen Ensembles Räume zur Verfügung
zu stellen, um so mehr man weiß, unter welchen katastrophalen
Bedingungen die Proben und Aufführungen im “Tramsschapp”
stattfinden und wie wenig Möglichkeiten bestehen, in den
städtischen Theatern Proben abzuhalten, schon wegen der Auslastung
der beiden Häuser.
Aber darum
geht es ja nicht!
Es geht
darum, der von der Stadtbürgermeisterin so innig gehaßten
Kultuministerin eins weiter auszuwischen, und da man selbst nicht in
die erste Reihe treten will, schickt man jemand anderen vor, der
seinerseits genug Ambitionen hat, selbst Bürgermeisterin zu
werden, wenn die jetzige Amtsinhaberin eines fernen - und hoffentlich
noch sehr, sehr, sehr fernen! -Tages zu Ministerehren aufsteigen sollte…
Grotesk!
Viel
schlimmer an Hinterhältigkeit ist allerdings der Frontalangriff
auf das soziokulturelle Radio.
Zwar gesteht
Frau Brasseur dem “100,7” zu, daß “eine gewisse Anzahl von
Sendungen” von “unbestreitbarer Qualität” sind, (was ihre
Interventionen leider nicht sind!), dennoch möchte sie zuerst die
Existenz in Luxemburg eines solchen Radios in Frage stellen und dann,
im nächsten Atemzug, den soziokulturellen Rundfunk ganz einfach
abschaffen und die Frequenz einem Sender mit… “finalité
commerciale” zuschustern!
Wenn man nun
noch weiß, daß damit wohl kaum das Radio des “Luxemburger
Wort” gemeint ist, so wird klar, mit wem die Dame unter einer Decke
steckt: den Machern von RTL!
Obszön!
Obszön,
die Art, wie RTL die 100,7- Frequenz an sich reißen möchte,
die ihm nie gehört hat, da sie diese nur im Rahmen einer ersten
umstrittenen Konvention zwischen 100,7 und CLT zu den Zeiten benutzen
darf, während denen der soziokulturelle Rundfunk nicht sendet, und
welche Argumente dafür benutzt werden. So beispielsweise eines das
besagt, daß, falls es in Cattenom zu einem schwerwiegenderen
Störfall käme, die Leute an der Mosel, wo 92,5 schlechter
empfangen wird, nicht einmal gewarnt werden könnten!
Eines wird
deutlich: RTL will die Liberalisierung der Rundfunklandschaft wieder
rückgängig machen, höchstens noch Eldoradio zulassen,
mit dem es sowieso in Personalunion lebt. War aber die sich Ende der
80er Jahre immer stärker werdende Forderung nach einer
Liberalisierung der Rundfunklandschaft nicht eine geradezu verzweifelte
Forderung, dem RTL-Monopol endlich, endlich ein Ende zu bereiten, wegen
des unsäglichen Programmes, das geboten wurde?
Betrachten
wir noch das Hauptargument der DP-Abgeordneten Brasseur, nämlich
die nur bei einem Prozent liegende, daher zu geringe Zuhörerschaft
des mit Staatsgeldern finanzierten 100,7.
Zum einen:
Wie kann man einen Rundfunksender, der nur 9 ½ Stunden sendet,
davon die meisten zu Arbeitszeiten oder zu den Abendstunden,
während denen das Fernsehen dominiert, mit solchen vergleichen,
die ganztägig ausstrahlen? Man darf gewiß sein, daß
das 100,7 bei einem Vollprogramm die selben oder noch höhere
Prozentzahlen aufweisen würde als vergleichbare, - wohlverstanden:
nicht kommerzielle (!) - Rundfunkanstalten wie “France Musique”,
“France Culture”, “RTBF 3”, “SWF 2” oder “SR 2”.
Zum anderen:
Ist es nicht geradezu absurd, wenn öffentlich-rechtliche Anstalten
ihre Programme nach demoskopischen Gesichtspunkten aufbauen sollen? Ist
es nicht vielmehr ihre Pflicht, als alleinigen Maßstab die
Qualität von Programmen zu haben, die im Dienste der
Öffentlichkeit stehen und ein Forum zur Meinungsbildung und eine
Garantie der Meinungsvielfalt und der Toleranz in einem sozialen und
kulturellen Gefüge darstellen?
Das ist der
Preis, den man ganz einfach zur Gewährleistung der Demokratie zu
zahlen bereit sein muß, und Premierminister Jean-Claude Juncker
kann man nur dankbar sein für die geradezu harsche Art, mit der er
den Vorschlag von Frau Brasseur niederschmetterte: “Mit Demoskopie
regiert man nicht!”
Nun sollte
er, wie er ebenfalls ankündigte, möglichst schnell dafür
sorgen, daß das vom Staat getragene soziokulturelle Radio
ganztägig senden kann, denn seine Verpflichtungen, die da lauten:
“promouvoir la vie culturelle, favoriser la création artistique,
contribuer à la communication sociale, y compris la vie
interculturelle et la coopération transfrontalière,
participer à l’information libre et pluraliste et fournir un
large accès à l’antenne aux organisations sociales et
culturelles du pays”, hat das 100,7 “zu 101%” erfüllt, wie sein
Direktor Fernand Weides sagte, und daher auch der Beschluß der
Union Européenne de Radiodiffusion (UER), den Luxemburger Sender
aufzunehmen, der ab 1. Januar 1997 Vollmitglied ist!
Jedenfalls
hat das 100,7 dem Namen Luxemburg nicht einen solchen Schaden
zugefügt wie das von Frau Brasseur und ihren DP-Kumpanen so
heißgeliebte RTL mit seinen deutschen Fernseh-Schmuddelprogrammen!
Die
Abgeordnete und jene Parteileute, die sie dabei unterstützen,
bestätigten allerdings schon wieder einmal die seit langem
hierzulande kursierende Behauptung, daß die Abkürzung “dp”
eigentlich nur steht für: “dout peenibel”!
Guy
Wagner
© Guy Wagner, kulturissimo / Tageblatt - 5.4.1997
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