Als die Grossherzogin in den Escher Theatersaal eintrat, begleitet von der Bürgermeisterin, klang ihr der wohl lustigste „Wilhelmus“ entgegen, den man wohl je hören wird…
Damit war der Ton gegeben: Despektierlichkeit vor dem Respekt, und so lief denn auch auf der so richtig für Kinderaugen eingerichteten Bühne von Christoph Rasche ein Schau-Spiel ab, wie man es lebendiger, frischer, natürlicher wohl nur selten erlebt hat. Wen wundert es demnach, wenn die Kinder im Saal mitgingen, Zwischenbemerkungen riefen, lautstark Kommentare machten, begeistert zu den schmissigen Rhythmen mitklatschten. Das war zuerst einmal möglich dank der hin- und mitreissenden Musik.
Was Jean-Marie Kieffer an spritzigen Einfällen, an rhythmischer Vielfalt, mit einer besonderen Affinität für lateinamerikanische Tanzrhythmen, aber auch an Differenzierung im Klanggefüge, an Gestaltung von Spannungen und Dramatik durch Musik und Geräusch hier bot, das war tatsächlich meisterhaft und wurde ebenso meisterlich gespielt von den diskret im Hintergrund wirkenden tollen Musikern: alles Individualisten, die es aber fertig brachten, sich einzufügen als Teil eines Superorchesters, das mit eben so viel Differenzierung, Feingefühl und Spass musizierte.
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Szene aus "Ballo Farfallo" |
Optimale Voraussetzungen
Die Urwald, Goethals, Ries, Birch, Osborne, Greisch, Jeitz, Pierre, Hammes, Haas, Khmielevskoi, Schütz, Schlammes, Dinev, Ginter, Kieffer, Wagner, für einmal vereint, – das allein grenzt schon ans Magische.
Und wie das so ist, wenn es um Zauber geht, so gab es gar viel auf der Bühne zu sehen: all diese Kinder als Nachwuchsschmetterlinge in ihren schillernd grünen Kostümen von Dagmar Weitze, und die ernsten Damen und Herren des „Ensemble Vocal“ aus Berdorf, den eigentlichen Trägern des Geschehens, mit ihren Blumenhüten, die für einmal höchst vergnügt, sich köstlich amüsierten. Das war doch mal was anderes, Ihr talentierten Damen und Herren, die ihr sonst so ernst da steht, wenn es um die holde Kunst geht!
Das Vergnügen kannte tatsächlich keinen Stillstand, nur nachdenkliche Augenblicke, die umso wirksamer waren. Und da gab es noch den Maestro, Roby Schiltz, den eigentlichen Initiator des Projektes, einen Vollblutmusiker, der mit Einfühlsamkeit und pädagogischem Geschick das Geschehen auf der Bühne zu dirigieren wusste, und es gab die Regisseurin Jacqueline Posing, die so brillant die Fäden zog, dass man sie nicht merkte, – höchstes Können!
Man merkte auch nicht, wie viel Arbeit hinter dieser Gesamtleistung steht: Wie viele Lehrerinnen und Lehrer, wie viele Eltern, wie viele Erwachsene in dieses Riesenprojekt eingebunden sind, wie viel Ausdauer und Geduld es gekostet hat, das Riesenpuzzle zusammenzustellen, man konnte es nur erahnen, manchmal, wenn eine Nahtstelle sichtbar wurde, wenn es eine kleine Verschiebung und ein unsicheres Hin und Her gab, so wie der Puzzleleger eben ab und zu zögert, das farbige Stück, das er zwischen den Fingern hält, in eine Lücke einzupassen.
Schliesslich fügte sich dann doch alles wunderschön zusammen zu einer Geschichte, wie eben nur Guy Rewenig sie schreiben kann, mit seiner überquellenden Phantasie, seinem Sinn fürs Absurde, für die Verfremdung, die Verzerrung, die Zerrspiegelung. Gerade dies aber begeistert Kinder, da es ihnen umso besser ermöglicht, an die Realität heranzugehen, über sie nachzudenken und so besser mit ihr fertig zu werden. Durch die einmalige Art, wie er mit Situationen, Szenen, Sätzen und Wörtern zu jonglieren versteht, macht Rewenig deutlich, wie ernst er seine kleinen Zuschauer nimmt, und hinter allen clownesken Momenten, die manchmal bis zum virtuosen Slapstick gingen, steckt tiefer Ernst.
Der lange Weg zur Freiheit
Der Autor hat es selbst im Gespräch, das wir in dieser Nummer veröffentlichen, gesagt: „ Wenn die Hauptfigur unbedingt ein Schmetterling sein möchte, bedeutet dies umgekehrt, dass sie sich unfrei fühlt, eingeklemmt, eingesperrt in Zwänge, bodenverhaftet. Der Mann möchte ausbrechen, und der Schmetterling ist für ihn das (unerreichbare) Ideal. Der groteske Effekt des Stücks liegt also im ständigen Kampf für mehr Unabhängigkeit, der immer wieder mit Rückschlägen verbunden ist.“
Damit ist alles ausgedrückt. Es geht um Freiheit, und der Weg dorthin, ist mit so vielen Fallstricken belegt, dass der Kampf um diese Freiheit ein ständiger ist.
Hier aber liegt der Augenblick im Stück, wo ein gedanklicher Bruch zu erkennen ist, der nicht verkittet ist. Kaum hat nämlich Herr Hot sein Ziel der Verwandlung erreicht, so will er etwas anderes werden, was nicht nur Frau Har seltsam vorkommt, sogar noch eigenartiger als sein bisheriger Wunsch, das Schmetterlingsexamen zu bestehen. Ist der „Neue“ dann mit den Nachwuchsschmetterlingen zusammen, machen die ihm klar, dass er in ihrem geschlossenen Milieu – Spiegelung des Milieus unseres Unfrieden-Ministers – unerwünscht ist, wie ein Kosovo-Albaner: „Géi dach bei déi aner, Kosovo-Albaner! Awer fiirs du mat der Heibleifskärchen, kriss du ganz geschwënn e giele Stärchen!“
Das ist ein eindringliches Plädoyer, das seine Wirkung nicht verfehlte, so wenig übrigens wie die anderen herrlichen Songs. Man müsste sie eigentlich alle aufzählen, aber „Déi schlëmm Geschicht vum Jérémie“, der „Internet-Song“, und vor allem noch „Dem Nick säi Papp ass ganz erschlon“, brillant vorgetragen vom Komponisten und Sohn Sébastien, sind so eingängig, dass sie in jedes Kinderliederbuch gehören, und zwar, avec effet immédiat!
Aber was wäre die ganze Pracht der Vorstellung gewesen, ohne die beiden Hauptfiguren, die „hot und har“ zogen. Wundervoll natürlich und gleichzeitig das Clowneske grandios verwirklichend, verkörperte der hünenhafte Marco Lorenzini, den Mann, der ein „Päiperlek“ sein möchte, und das Wort nicht einmal schafft: „Päipolack a Papperluck? Pimpampull a Pompelpuck? Poppileck a Plemperplemm a Poppopock?“ Aber gerade weil er so schlaksig ist, nimmt man ihm seinen Wunschtraum ab!
Nur: die Leichtkeit des Seins ist eben unerträglich, wie auch seine bessere Hälfte weiß, für die er doch der liebste „Päiperlek“ ist. Christiane Rausch, spielt diese Rolle so warm, so einfühlsam, so differenziert, und steigt noch in unzählige andere Rollen hinein, dass man aus dem Staunen nicht herauskommt: Verblüffend, in der Tat! Wir haben die beiden Schauspieler schon in vielen Rollen erlebt, und konnten wiederum nur staunen, wie wandlungsfähig, wie nuancenreich und gleichzeitig unbeschwert natürlich sie diese doch sehr vielseitigen und zwiespältigen Figuren gestalteten, sodass jeder seine helle Freude daran hatte.
Wenn demnach Theater so viel Freude bietet und auch vermittelt, kann man all denen, die an einer solchen Leistung mitgewirkt haben nur noch sagen: „Villmols merci!“
Guy Wagner
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