Tageblatt

Mise à jour: 29/11/2007 10:10:35

„Glück, das mir verblieb …“ – ein bewegtes Leben

Beginnt man über Korngold nachzudenken, dessen 50. Todestag die Musikwelt an diesem 29. November begeht, so stößt man auf zahllose Kontraste und Kontradiktionen.

Guy Wagner

Daher zuerst die Frage: Wer war dieser Erich Wolfgang Korngold?

Ein jüdischer Wiener, der als Brünner Sohn eines Juristen und Musikkritikers geboren wurde, Deutsch und später mehr schlecht als recht Englisch sprach, und von dem man nicht einmal genau weiß, welche Schulen er besucht hat?

Ein musikalisches Wunderkind, an dessen phänomenale Frühreife nicht einmal Händel, Mozart und Mendelssohn heranreichten?

Ein Tonkünstler, dessen frühesten Werke schon von den bedeutendsten Interpreten seiner Zeit – Rosé Quartett, Artur Schnabel, Carl Flesch, Bruno Walter, Felix von Weingartner, Arthur Nikisch, Otto Klemperer, Egon Pollak – gespielt und dirigiert wurden?

Ein Komponist, dem bereits mit 25 Jahren eine Biographie gewidmet wurde und der zu diesem Zeitpunkt weltweit berühmt geworden war?

Ein junger Mann, der parallel die wohl außerordentlichste und maßloseste Opernkomposition aller Zeiten, „Das Wunder der Heliane“, schrieb und gleichzeitig Operetten von Strauss, Fall und Offenbach adaptierte?

Ein Pianist, Dirigent und Komponist, der dem lastenden Druck seines Kritikervaters bis zu dessen Tod ständig ausgesetzt war?

Ein Musikschöpfer, der zwischen allen Stilrichtungen und allen Welten navigierte, der in Hollywood gefeiert und in Europa nach der Katastrophe des Zweiten Weltkriegs abgelehnt wurde?

Ein Tonsetzer, der mit nur 60 Jahren vereinsamt starb?

Einer der Unzähligen, die ein sehr langes Purgatorium durchstehen mussten, bis sie wieder im Bewusstsein der Kulturwelt Fuß fassen konnten?

Ein einzigartig vielseitiger Gestalter, dessen Zeit nun (endlich) wieder gekommen ist, Postmoderne sei Dank?

Exemplarisches Schicksal

Dies alles war Erich Wolfgang Korngold. Vor allem aber verkörperte er – bedingt durch die Zeit, in der er lebte, und seine außergewöhnliche Begabung – geradezu exemplarisch unsere von Umwälzungen erschütterte Welt und ihre vielfältigen Veränderungen.

Geboren am 29. Mai 1897, war Erich Wolfgang der zweite Sohn des Nachfolgers von Eduard Hanslick bei der Neuen Freien Presse Wien, Julius Leopold Korngold und seiner Frau Josefine Witrofsky. Den ältesten Sohn, Hans Robert, hat dieser Vater regelrecht „gebrochen“: Unstet in allem, wechselte Hans ständig Wohnung, Beruf und Ehefrau (er war fünf Mal verheiratet), fand auch in den USA keinen Halt und kehrte nur zum Sterben nach Österreich zurück. Das war, wie jetzt erst nach jahrzehntelangen Nachforschungen bekannt wurde, am 17. Mai 1964. Sein Bruder Erich war damals bereits seit fast sieben Jahren tot.

Geprägt vom Wiener „Fin de siècle“, wuchs Erich Wolfgang als Wunderkind auf, wurde von Gustav Mahler als „Genie“ gefeiert, von den größten Musikkennern fassungslos bestaunt und als Schüler des genialen Alexander von Zemlinsky bald in der ganzen Welt umjubelt: Sein Klaviertrio Opus 1 wurde schon im Jahre seiner Entstehung 1910 in den USA aufgeführt.

Mitten im Weltkrieg erlebte Erich Korngold, am 28. März 1916 in München, unter der Stabführung von Bruno Walter, die Premiere seiner zwei Operneinakter: „Der Ring des Polykrates“ und „Violanta“, die er mit 17 abgeschlossen hatte. Vier Jahre später, am 4. Dezember 1920, feierte er mit der Doppelpremiere seiner Oper „Die tote Stadt“ – in Köln unter Otto Klemperer und in Hamburg unter Egon Pollak – seinen größten Triumph. Der Zusammenbruch des kaiserlich-königlichen Imperiums und die dramatische Inflation der Zwanzigerjahre aber stellten ihn vor große finanzielle und menschliche Probleme. Ein rettendes Engagement in Hamburg, der „Korngold-Stadt“ schlechthin, wurde kurzerhand durch den Manager-Vater abgebrochen, der von Anfang an alle Fäden seiner Karriere zog.

Und während Erich eine Komposition nach der anderen schrieb, bekam er von den Kollegen und Rezensenten die Schelte und Hiebe, die eigentlich dem erzkonservativen Vater galten. Das war zu Beginn der Zwanzigerjahre, als sich die Musik mit Atonalität, Zwölftonmusik und „Neuer Sachlichkeit“ in verschiedene Richtungen entwickelte und Korngold rapide als rückschrittlich abgewertet wurde.

Um jedoch eine Familie gründen zu können, musste der Komponist eine gesicherte Geldquelle finden, und so begann er für Hubert Marischka und Max Reinhardt Operetten zu adaptieren: „Eine Nacht in Venedig“, „Die geschiedene Frau“, „Die Fledermaus“, „Walzer aus Wien“, „Die schöne Helena“, was ihm natürlich die Häme von Berufsgenossen und Rezensenten einbrachte. Unbeirrt schrieb er parallel dazu sein Klavierkonzert für die linke Hand, mehrere Kammermusikwerke und Liederzyklen sowie die Meisteroper „Das Wunder der Heliane“. Diese aber brachte der eigene Vater durch sein furioses Treiben gegen Ernst Krenek und dessen Oper „Jonny spielt auf“ letztendlich zum Scheitern. Nach 1930 hat es nur noch fünf Aufführungen des Werkes gegeben, die letzte am vergangenen 21. November in London mit dem London Philharmonic Orchestra unter dem hervorragenden Vladimir Jurowski.

1924 hatte Erich endlich die geliebte Luise (Luzi) von Sonnenthal heiraten und eine Familie gründen können, doch aus der Umklammerung des Vaters kam er weiterhin nicht heraus. Erst als er 1934 dem unwiderstehlichen Ruf des genialen Max Reinhardt nach Hollywood folgte, konnte er diese Abschnürung teilweise lösen. In der Filmmetropole wurde er, neben Max Steiner, auf Anhieb zum Schöpfer der symphonischen Filmmusik („Captain Blood“, „Anthony Adverse“, „The Prince and the Pauper“, „Robin Hood“, „Juarez“, „The Sea Hawk, „The Sea Wolf“), deren Einfluss bis heute anhält: Alle Größen der amerikanischen Filmmusik, von Bernard Hermann zu John Williams und Jerry Goldsmith, wurden durch sein Schaffen mehr als „inspiriert“.

Sein tragisches Scheitern

Beim „Anschluss“ 1938 hatte Erich Korngold buchstäblich in letzter Minute seine Familie aus dem sich Hitler ergebenden Österreich herausretten können, und bis nach 1945 war er der Alleinverdiener für fünf Familien. Seine Wohnung war von den Nazis besetzt und geplündert worden, seine Werke standen auf der „braunen Liste“, seine Staatsbürgerschaft war ihm aberkannt worden (er nahm 1943 die amerikanische an), doch vielen Verwandten, die nicht mehr aus Österreich, der Tschechischen Republik und Polen herausgekommen waren, konnte er nicht helfen. Mindestens 15 von ihnen wurden in Hitlers Vernichtungslagern und Gaskammern umgebracht, so der Halbbruder und die Halbschwester seines Vaters und ihre Nachkommen, wie erst jetzt bekannt wurde.

Auch in Hollywood aber saß ihm sein Vater weiterhin im Nacken, verlangte, dass Erich von der Filmmusik lasse, und hetzte gegen seine Schwiegertochter und deren Familie. Das sollte so bleiben bis zu seinem Tode mit 85 Jahren am 25. September 1945.

Ende 1944 hatte sich Erich Korngold erneut der absoluten Musik zugewandt und schuf in den folgenden Jahren mehrere neue Werke: das 3. Streichquartett, das Violinkonzert, das heitere Singspiel „Die stumme Serenade“, sowie die „Symphonische Serenade“ und die „Symphonie in Fis“, die alle für die alte Heimat, insbesondere für Wien, verfasst worden waren.

Vorerst aber musste der Meister nach einem Infarkt 1947 mit einer stark geschwächten Gesundheit auskommen, sodann nach 1950 erleben, dass die Rückkehr nach Europa keine Heimkehr, sondern ein Fiasko wurde. Die neuen Werke wurden kaum zur Kenntnis genommen, denn die Zeit hatte sich vom Melodischen abgewandt und das „Mikroskopische“ in der Musik hatte überhand gewonnen. Alle Versuche, menschlich erneut in Österreich Fuß zu fassen, wurden ebenfalls boykottiert. Dahinter steckten viel heruntergeschluckte Ranküne gegen die früheren Angriffe des Vaters, aber auch Naziressentiments, denn von den braunen Kerlen war noch so manch einer im Amt.

Das kleine Glück, das ihm verblieb – um Korngolds berühmteste Arie aus „Die tote Stadt“ zu zitieren –, war nun die Familie und das Hausbauen. Immer wieder schuf er neue Baupläne für sich, seine Söhne und deren Anhang. 1956 streckte ihn eine zweite schwere Herzattacke nieder; es folgte noch ein einziges, bitteres Lebensjahr.

Erich Wolfgang Korngold starb am Freitag, den 29. November 1957 um 16.30 Uhr in seinem Haus, 9936 Toluca Avenue, im Bewusstsein, von der Musikwelt vergessen zu sein. Seine Frau Luzi folgte ihm ins Grab, am 26. Januar 1962 (und nicht am 29., wie überall notiert ist).

Korngolds Purgatorium dauerte lange, doch der Glaube an ihn und an seine Musik wurde von seinen Söhnen und von Persönlichkeiten wie Brendan G. Carroll, dem Begründer der Korngold Society, Bernd O. Rachold, dem Leiter des Korngold-Archivs Hamburg, und Marcel Prawy aufrecht erhalten.

Ihnen ist zu verdanken, dass seine Musik weiter aufgeführt und vor allem auch auf Platte aufgenommen wurde: Heute liegt sie fast vollständig in guten Einspielungen vor.

Der Wandel des Musikbewusstseins und der Abschied von den unzähligen -Ismen und den doktrinären Clans und Cliquen ermöglichen es nun, diese Musik unbefangen zu hören und Korngolds so persönlichen und charakteristischen musikalischen Kosmos dankbar wieder zu entdecken.

Guy Wagner hat vor kurzem die erste umfassende Korngold-Biographie seit 1922 in deutscher Sprache geschrieben. Sie wird demnächst unter dem Titel „Korngold. Musik ist Musik“ im Matthes & Seitz Verlag, Berlin erscheinen,
www.matthes-seitz-berlin.de.

Heute Abend um 20 Uhr findet im Kammermusiksaal der Philharmonie ein Korngold-Gedenkkonzert mit den Solisten der „European Music Academy“ (EMA) statt. Zur Aufführung kommen das Trio op. 1, die Suite für Violine und Klavier aus „Viel Lärm um Nichts“ und das Klavierquintett op. 15.